Luisa Brandsdörfer

Go west oder stay east. Das Neue im alten Osten

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Flughafen Otopeni, Bukarest, Rumänien. Wieder einmal im Land der Gegensätze, Zigeunerkarren mit Pferdegespann neben BMW-Limousinen. Wie viel Westen verwässert ein Land und dessen
Kunst? Ist die Globalisierung ein Befreiungsschlag oder eine Bremse, fragte ich mich dort angekommen. Neben mir Bettelkinder, die man, kaum in Rumänien gelandet, wie Fliegen verscheucht, und am besten übersieht. Fast alle Rumänen sind allergisch auf das Klischee-Rumänien. „Wir sind mehr als nur Dracula und Ceaus¸ escu, Schafskäse und Tuica“ – doch sind bäuerliche Ikonen, holzgeschnitzte Löffel und traditioneller Nippes in jeder Wohnung zu finden.

Von Deutschland aus beobachtete ich die Entwicklungen der letzten Jahre und fragte mich, wann denn der dramatische Befreiungsschlag käme, die eigene Sicht der Dinge jenseits von Familienthemen und Einzelschicksalen in den dramatischen Texten, vielleicht ein eigener Sprachduktus, ein neues absurdes Theater? Eine Dramatik, die vielleicht an Ionesco und seine Bedeutung für das europäische Theater knüpfen könnte? Die ersten Begegnungen mit dem neuen rumänischen Drama hatte ich beim Nationalen Theaterfestival in Bukarest, wo ich suchte, und nicht fündig wurde. Keine Schwemme junger Autoren, die das Festival besetzten, kein Vergleich zumdeutschen Autoreninteresse. Aber die Inszenierungen,waren sie wegbereitend? Ein junger Kritiker meinte: Na ja, sagen wir mal, die besten Inszenierungen kommen vom ungarischen Theater, die trauen sich irgendwie mehr. Beim Blick in die Festivalbroschüre fiel mir auf, dass entweder Klassiker wie Tschechow, Molière etc. gespielt werden oder aber ausländische Autoren. Doch es herrscht ja auch noch das Patriarchat der alten 68er, unterstützt durch die wiederkehrenden Emigranten, die auch nicht mehr
dreißig sondern in den Sechzigern sind. Andrei Serban, aus Amerika kommend, inszenierte zum Beispiel Sarah Kane und DIE MÖWE. Silviu Purcarete, einer der bedeutendsten rumänischen Regisseure, ist in aller Munde und inszenierte WARTEN AUF GODOT etc. Und wo sind die rumänischen Autoren? Weiter hinten, im Programm für One-Man-Shows und Independent finde ich rumänische Namen. Sehr angetan wird sich auf dem Festival nicht über sie geäußert.

Die meisten Fotos der Independent-Beiträge des Festivalprogramms sind in dem typischen Tonnengewölbe des Pubs „The Green Hours“ geschossen worden. Die Spielstätte „Teatru Luni“ wurde dort gegründet, das Montags-Theater. In einem umgebauten Kellergebäude mit maximal vier Meter Breite werden kleine Produktionen neuerer Dramatiker gespielt, insbesonders von der Gruppe junger Theaterschaffender, DramAcum (Drama Heute). Sie werden in den rumänischen Theaterkreisen heiß und sehr kontrovers diskutiert.

DramAcum bildete sich 2002 als Projekt zur Unterstützung und Förderung neuer rumänischer Dramatik durch die Vermittlung zwischen Regie und Autor. Junge Regiestudenten der Bukarester Universität beklagten das Fehlen neuer Dramatik. DramAcum ist ein rumänischer Autorenwettbewerb mit FSK bis 26. Die besten Stücke werden veröffentlicht und von jungen Regisseuren inszeniert. Dazu werden die aktuellsten Stücke des restlichen Europas übersetzt.

Bisher gab es zwei Bände von DramAcum-Stücken, Peca Stefan, Jahrgang 1982, ist einer der Gewinner der ersten Publikation. An einem der ersten sonnigen Nachmittage im Bukarester Vorfrühling
traf ich den zur Zeit am häufigsten gespielten jungen rumänischen Autor, dessen Markenzeichen es ist, dass er sich fast in jedem seiner Stücke eine Rolle einräumt, in einem Café. WarumPeca S¸ tefan und nicht Stefan Peca? Weil der Lehrer ihn immer so nannte, Nachnamen zuerst. Peca schreibt schon sein halbes Leben, seitdem er 15 ist. [O STATIE...] (STATION), die Begegnungen zwischen Mann und Frau an einer Bushaltestelle, ein modernes Märchen, ist sein erstes Stück. Es wird in der Regie von Carmen Lidia Vidu beim STÜCKEMARKT 07 als Gastspiel gezeigt.

In den Autorenwettbewerb startet Peca mit RUMÄNIEN 21, eine holzschnittartige, bissige Show der letzten 30 Jahre, über Lüge und Selbstlüge, den Kommunismus und die Zeit danach. Ein keineswegs perfektes Stück, doch mit einem selbstironischen Blick auf die Umstände einer typisch rumänischen Familie. Typisch rumänisch? Nicht nur.Auch hier begegnen wir dem Autor selbst, Peca, der seine einladenden Worte an das Publikum richtet. Die Show hat ihren Conférencier.

Sein Stück THE SUNSHINE PLAY kam beim Dublin Fringe Festival 2005 zur Uraufführung. 2006 erhielt er dafür den London Fringe Report Award für das beste Beziehungsdrama. DER VERFICKTE TAGwurde im Rahmen derWiesbadener Biennale 2006 szenisch gelesen. Selbst eingefleischte DramAcum Kritiker, die dem Projekt Beliebigkeit vorwerfen und eine Verflachung des dramatischen
Textes und der Sprache durch die Themenwahl und Familienproblematik, räumen Peca Stefan einen Platz am heutigen rumänischen Autorenhimmel ein.

Wer ist der zweite Autor im Wettbewerb? Dumitru Crudu, Jahrgang 1967, der die kommunistische und postkommunistische Ära bewusst erlebt hat. Er begann 1994 mit der Veröffentlichung des Gedichtbandes FRAKTUREN und kam später zumTheater. Als Moldauer, der auch Rumäne ist, saß Crudu immer zwischen den Stühlen. Sein Stück DIE WAHL DES ALEXANDRU SUTTU wurde 2003
Stück des Jahres. In DAS BLUTIGE VERBRECHEN AUS BAD VEILCHENAU wird ein Mord geahndet, obwohl er noch gar nicht passiert ist. Ein „WasWäreWenn“-Spiel – die Umstände werden definiert und verändert und sei es auch nur in der Illusion. Das Thema ist signifikant für ein Land, das sich lange Zeit von Gedankenspielen ernähren musste. Crudu beschreibt seine Stücke als politisch, wenn auch nicht politisch engagiert. Die Manipulation der Gesellschaft, in der ein behauptetes Konstrukt als Wirklich akzeptiert wird, ist immer wieder sein Thema.

Unser drittes Stück kommt von Alina Nelega, Jahrgang 1960. AMALIA ATMET TIEF EIN feierte beim Nationalen Theaterfestival in Bukarest große Erfolge. Ein Stück, das vielen aus der Seele spricht
und doch peinlich berührt, ein Monolog der Einblick gibt in die Gedanken einer „einfachen Frau“. In verschiedenen Etappen vom Schulmädchen bis ins Alter ist die Geschichte Rumäniens erzählt, in allen Widersprüchen und politischen Wechseln. Der Blick auf eine tief einatmende Amalia ermöglicht die Frage, wieviel übrigbleibt nach der Manipulation eines Menschen durch den Kommunismus. „Die Enthirnung einer ganzen Generation wird anhand eines Schicksales gezeigt“ schrieb ein Kritiker über dieses Stück. Alina Nelega gilt als Vorreiterin für neue Dramatik. 1997 gründete sie das Projekt Dramafest, ein Forum für neue Dramatik. Sie ist ständig auf der Suche nach theatralen Experimenten und ist eine Fürsprecherin für moderne Dramatik. Nach dem Beispiel von Dramafest entstand auch DramAcum.

Eine weitere Vertreterin der DramAcum-Generation ist mit dem Gastspiel STOP THE TEMPO! aus Bruchsal beim STÜCKEMARKT vertreten: Gianina Cãrbunariu. Ihr Stück KEBAB wird in diesem Jahr an der Schaubühne in Berlin inszeniert.

Außerhalb derWettbewerbskonkurrenz stellen wir einen der wichtigsten Autoren der rumänischen Theaterszene in einer Szenischen Lesung vor:
Der Exilrumäne Matéi Visniec ist gleichzeitig im STÜCKEMARKT der älteste und avancierteste Autor. Obwohl er schon seit Mitte der 80er Jahre in Frankreich lebt und seine Stücke auf französisch
schreibt, blieb er seinem Stil treu und kann uneingeschränkt als rumänischer Autor gelten. Visniecs Figuren und Situationen sind ein Bestiariumdes Absurden, liebenswerte Looser in problematischen Situationen, so wie Cioran in BLICK AUS EINER PARISER MANSARDE IN DEN TOD. Cioran ist ebenfalls Exilrumäne, der versucht sich zu erinnern, wo er ist und woher er kommt. Visniec beschreibt sich selbst: „Ich lebe zwischen zwei Kulturen, zwei Sensibilitäten, ich habe die Wurzeln in Rumänien und die Flügel in Frankreich.“
Vor der Revolution wurden in Rumänien nur seine Gedichtbände publiziert, seine Theaterstücke fielen der Zensur zumOpfer. Nach 1989 wurde er der meistgespielte Autor in Rumänien, die Parallele
zu Ionesco wird gerne gezogen.

Viele Autoren konnten wir leider im STÜCKEMARKT-Programm nicht berücksichtigen. Durch die Vielzahl der Stücke und die Beschränkung auf drei Autoren mussten wir eine Auswahl treffen;
dennoch möchte ich auf zwei Autoren besonders hinweisen. Stefan Caraman, dessen DIE KOLONIE DER ENGEL 2005 Stück des Jahres wurde und dessen Arbeit in Rumänien sehr geschätzt, aber auch kontrovers diskutiert wurde. Eine geschändete Leiche in TOTE UND LEBENDE wurde im orthodoxen Rumänien nicht sonderlich gut aufgenommen. Zur Zeit ist dieses Stück leider noch nicht auf Deutsch erhältlich. Und nicht zu vergessen Radu Macrinic, dessen Stück ELECTRIC ANGEL sowohl in Rumänien als auch in Mailand mit Erfolg aufgeführt wurde und durch das Thema Selbstmord an NORWAY.TODAY erinnert. Mit ihrer Morbidität und dem düsteren Absurden sind seine Werke ein fester Bestandteil in der rumänischen Szene.

Die Stückauswahl ist ein Rundumblick über die augenblickliche Theaterlandschaft Rumäniens. Meine Suche und Auswahl galt den neuen Tendenzen der rumänieneigenen Dramatik, ein zum Teil
schwieriges Unterfangen, denn der Trend geht insbesondere in Richtung Westen. Ein Beispiel sind Matéi Visniec, der Exilrumäne, dessen Stücken aber rumänische Wurzeln erhalten bleiben, und
Saviana Stanescu, die nun in Amerika lebt und durch die amerikanische Dramatik stark beeinflusst wird, so dass sich in ihrem Werk die Schneise zwischen Rumänien und Amerika bemerkbar macht.

Immer, wenn ich mit Autoren, Kritikern oder Regisseuren über die rumänische Dramatik spreche, heißt es, sie brauchen noch Zeit. Das stimmt, vieles will jetzt ausprobiert, der „europäische“ Stil
nachgeahmt werden. Die Generation 20 Plus schaut sich umund ist ratlos.Was versprochen wurde, wurde nicht gehalten, die Zukunft ist ungewiss und der Kapitalismus scheint jenseits der Grenze schon wieder ein Auslaufmodell zu sein. Ratlosigkeit und Perspektivlosigkeit, gepaart mit der rumänischen Selbstironie, ist der dramatische Pool aus dem geschöpft wird. Nur die eigene Form muss noch gefunden werden, damit aus dem Go West ein Go East werden kann.

Das Gastspiel des Radu Stanca Theaters ZEIT ZU LIEBEN ZEIT ZU STERBEN macht deutlich, wie es klappen könnte. Regisseur Radu Nica gibt auf das Thema Fritz Katers die rumänische Antwort. Er
experimentiert mit Chor, Performance und Kammerspiel und löst sich von Vorbildern umEigenes zu schaffen. Solche Inszenierungen sind noch rar gesäht, die mutig und ohne den Druck des „Richtig machen Wollens“ mit neuen Formen und Ideen jenseits des Realismus experimentieren.

Mehr davon wünschte ichmir, mehr Freiheit eigeneWege zu gehen,wie bei [O STATIE...] (STATION) – inszeniert als multimediales Märchen, mit Projektionen, Texten und der Suche nach einer neuen Körperlichkeit. Neben den beiden eingeladenen jungen Regisseuren ist noch Radu Afrim zu nennen, dessen starke Bildersprache einen festen Platz im rumänischen Theater hat. Neben starker Körpersprache zeichnen sich seine Inszenierungen vor allem auch durch die Größe des Ensembles und die Opulenz in der Ausstattung aus. Ana Margineanu, auch eine Mitbegründerin von DramAcum, hat sich insbesondere der neuen Dramatik verschrieben, angefangen bei Peca. Mit einfachen Mitteln inszeniert sie Schauspielertheater mit einem unfertigen Charme, das oft im Pub „The Green Hours“ zu sehen ist.

Das Gegensätzliche ist - wieder einmal - bezeichnend für dieses Land amäußersten Rand Europas, die Zerrissenheit wird in allen Facetten lustvoll ausgelebt, ein Fatalismus, der sich nach und nach auch in Deutschland bemerkbar macht. Es kommt nicht von ungefähr, dass unsere rumänischen Autoren ein Rumäne, ein Moldauer und ein in Frankreich lebender Exilrumäne sind. Rumänien ist ein Land, das kulturell und historisch so zusammengewürfelt ist, dass es überquillt vor geistigem Reichtum oder aber total konturenlos ist. Es kommt darauf an, wie man es sieht. Man kann sich als Rumäne nie so richtig entscheiden Pessimist zu sein oder Optimist, doch beides muss genossen werden. Hier finde ich das Rumänische, im emotionalen Zuspruch (ein einfaches Ja reicht nie aus) und in der wütenden Ablehnung, wie es Visniec durch seine Figur Cioran in MANSARDE beschreibt: „rumänische Nichtigkeit“, „eine Wüste ohne Geschichte“, „ein Land ohne Propheten und ohne historischen Willen“, „ein spirituelles Hinterland“, „ein Land erfüllt von Aberglaube und Skepsis”.

Aber niemand kommt so schnell ins Schwärmen über die Vergangenheit, das Landes und das Leben wie Exilrumänen. Mein deutscher Großvater (in Rumänien aufgewachsen) beschrieb es so: Lieber ein Deutscher in Rumänien sein, als ein Rumäne in Deutschland. Und falls sie vorhaben sollten, rumänisch zu kochen, stellen Sie sich die leckersten österreichischen, russischen, türkischen, deutschen und italienischen Gerichte zusammen, laden Sie viele Freunde ein und stellen sie genügend Zeit und Wein und Tuica˘ zur Verfügung.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei unseren Entdeckungen, und genießen Sie die – mindestens zwei – Seiten der rumänischen Seele! Prost und Noroc!

LUISA BRANDSDÖRFER wurde 1976 in Ploiesti,Rumänien, geboren. 1981 übersiedeltesie mit ihrer Familie nach Mainz. Sie studierte sowohl Schauspiel, u. a. bei Prof. Peter Iden, als auchTheaterregie in der Klasse von Hans Hollmann an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt amMain.
ImRahmen des Studiums arbeitete sie an zwei Projekten in Frankfurt und in Brescia/Italien mit dem Regisseur Cesare Lievi zusammen, der auch mehrere Inszenierungen amHeidelberger Theater erarbeitete.Als Regieassistentin von Thomas Krupa war sie für die UA CHROMA – FARBLEHRE FÜR CHAMÄLEONS von Werner Fritsch im Rahmen der Expo 2000 engagiert. Seit 2001 inszeniert sie in Gießen, Darmstadt, Marburg, Bruchsal, Celle und Frankfurt amMain, darunter die DE von Fausto Paravidinos GEFLÜGELSCHERE. In Rumänien realisierte sie GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD von Ödön von Horvath am Deutschen Staatstheater Temeswar. Seit 2001 unterrichtet sie auch an der Maskenbildnerschule Rheinland-Pfalz das Fach Maskentheater.

 

 




Luisa Brandsdörfer

 


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