Pressestimmen - Die Olympiade (L'Olimpiade)

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Totalbarock am Neckar
Das Heidelberger Stadttheater spielt Vivaldis „Olimpiade“


Heidelberg und Venedig haben mehr miteinander gemein, als es scheint. In beiden Städten gibt es eine unzerstörte Altstadt, beide haben eine Universität, beide stellen in ihren Ländern die große Touristenattraktion dar, wenn auch das Wasser des Neckar nicht unbedingt mit der Lagune wetteifern kann. Neuerdings verbindet Heidelberg nun noch etwas mit Venedig: Antonio Vivaldi. Weil das städtische Theater saniert werden muss, machte man aus der Not eine Tugend und fand die schönste Ausweichspielstätte der Welt. Im Schlosstheater von Schwetzingen, einer wundersam erhaltenen Perle der Baukunst des Rokoko, kam nun mit „L’Olimpiade“ bereits die zweite Oper des rothaarigen Priestermusikers und Teufelsgeigers heraus.
Im letzten Jahr hatten die Heidelberger noch mit „Motezuma“, einem amerikanischen Aztekendrama zu venezianischen Barockklängen, einen echten Coup gelandet und das verlorene Drittel der Partitur vom kongenialen Nachschöpfer Thomas Leininger einfach à la Vivaldi hinzukomponieren lassen - mit derselben Nonchalance eben, mit welcher schon im achtzehnten Jahrhundert Arien und Intermezzi zwischen Komponisten und Opern ausgetauscht wurden.
Solche Produktionen klingen einfacher, als es für ein kleines, nicht gerade fürstlich ausgestattetes Haus wie das Heidelberger in Wahrheit sind. Denn Barockmusik fordert, will sie nicht naiv heruntergefiedelt werden, hohen Sachverstand und vor allem eine ganz eigene Technik. Die Heidelberger Musiker haben deshalb eigens Crashkurse in barocker Musizierpraxis genommen, besonders die Hornisten fuchsten sich in die vertrackte Spielweise hinein, Theorbe und Cembalo wurden integriert, und die Trompeter sind gerade dabei, sich mit lippengeformtem Naturklang anzufreunden. Unter dem Dirigenten Michael Form kommt bei alldem inzwischen ein mehr als passabler Originalklang heraus; eine junge Sängergarde, die auch den teuflischsten Bravourarien gewachsen ist, komplettiert das barocke Totaltheater am Neckar.
„L’Olimpiade“, auf die merkwürdigerweise kein anderes Haus in Deutschland gestoßen ist, wirkt mit ihrem antiken Thema als idealer Fund fürs Olympiajahr 2008. Werner Pichlers Regie gelingt es, so gut wie alle olympischen Disziplinen auf der Bühne unterzubringen: Ruderer und Wettschwimmer bebildern eine Meeresarie, wohingegen die seelischen Torturen des Helden Lycidas durch einen kombinierten Judo-, Box- und Fechtkampf ausgedrückt werden. Das Schlussbild, bei dem zum versöhnlichen Chor die ganze Delegation in eine idealisierte Parklandschaft schreitet, nimmt sogar noch den Golfsport hinzu - der zwar nicht in Peking am Start sein wird, aber im Raum Heidelberg neben dem Tennis der Lokalhelden Boris und Steffi zu den Leitdisziplinen zählt. Im originalen Rahmen von Schwetzingen wirkt die gesamte Produktion schwer medaillenverdächtig. Und sogar in Venedig, wo das auf Jahre hin letzte Werk des weltberühmten „prete rosso“ im Oktober über die Bühne ging, muss man den obersten Platz auf dem Podium der Barockmusik wohl volens nolens an Heidelberg abtreten.
(Dirk Schümer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.3.08)

Der Sieger nimmt alles
Antonio Vivaldis Oper „Die Olympiade“ zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt
Kaum zu fassen: Das Werk war noch nie in Deutschland zu erleben. So gebührt dem Theater der Stadt Heidelberg das Verdienst, Vivaldis Sportoper dem Vergessen entrissen zu haben. Zum zweiten Mal gastiert das Theater mit einem aufsehenerregenden Programm im Schwetzinger Schloss. Die Sommerresidenz der pfälzischen Kurfürsten erhält eine weitere Saison: „Winter in Schwetzingen“ nennt man die Sache. Elf Aufführungen von Vivaldis „Olympiade“ und ein Konzertprogramm mit hochkarätigen Spezialisten für Alte Musik versprechen barocke Hochgenüsse.
Das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg hat mit Michael Form einen ausgewiesenen Experten in Sachen Alter Musik als Dirigenten verpflichtet. Neunzehn Musiker hat er im Graben versammelt, die mit weitgehend altem Instrumentarium italienische Barockmusik absolut stilsicher spielen mit schnellen Tempo- und Dynamikwechseln und rasanten Läufen. Ein federnd leichter Swing kommt aus dem Graben, der dann sich plötzlich düster eintrübt, wenn Megakles seiner Geliebten mitteilen muss, dass sie nicht glücklich werden können. Streicher mit Dämpfern sowie sauber und wie getupft spielende Naturhörner begleiten bei der Arie des Lycidas, in der er seinen traurigen Freund in den Schlaf singt.
Das Heidelberger Theater hat seit dem Amtsantritt des jungen Generalmusikdirektors Cornelius Meister und des Operndirektors Bernd Feuchtner ein vorzügliches Sängerensemble zusammengestellt, das mit ein Garant dafür ist, dass die Heidelberger Oper einen echten Lauf hat. Ein musikalisch hoch erfreulicher Abend.
(Thomas Rothkegel, Badische Zeitung, 10.12.07)


Fitness-Studio im antiken Olympia
Vivaldis Oper „L’Olimpiade“ im Schwetzinger Rokokotheater
Eine wunderbare Jana Kurucová in der Rolle des Megakles, eine die vermeintliche Nebenpartie des Aminthas stimmlich wie darstellerisch zur Hauptfigur umgestaltende Lilia Milek. Auch Sebastian Geyer schlug sich ebenso tapfer wie die keck auftrumpfende Rosa Domínguez (Aristea). Ein kleines Theaterwunder ist der Barockklang, den ein Stadttheater-Orchester wie das Heidelberger zu erzeugen vermag. Wohl gemerkt: Das sind keine Spezialisten, diese Musiker müssen heute Puccini, morgen Mozart spielen.
(Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 10.12.07)


Wenig Bewegung im Sportlercamp
„Winter in Schwetzingen“: Heidelberger Produktion von Vivaldis Oper „L’Olimpiade“ im Rokokotheater überzeugt vor allem musikalisch
Was Adam Fischer mit Mozart in Mannheim oft nur unzureichend realisieren konnte – das „Musikerkarussell“ in der Probenphase war nicht zu bremsen – hat nun in Heidelberg mit Vivaldi tatsächlich eine Chance. Ein kleiner Trupp der Philharmoniker hat Gelegenheit, sich unter Anleitung von Fachleuten und ohne Ablenkung mit barocken Geigenbögen, Strichtechniken und Artikulationen sowie Naturhörnern über längere Zeit ausgiebig zu beschäftigen. Das hört man. Unter der musikalischen Leitung von Michael Form zeigen sich die instrumentalen Olympioniken bestens trainiert und medaillenverdächtig gut in Schuss. Man hat begriffen, um was es geht.
Im minimalistischen Bühnenbild von Klaus Teepe, das mit bunten Tüchern mehr Verwandlung erreicht als durch die flexiblen, aber kaum zu unterscheidenden Stellwände, erscheint die auf wenige Ideen reduzierte Inszenierung von Werner Pichler letztlich kaum adäquat barock (Kostüme: Frank Bloching).
Von hohem Format zeigte sich in der Sängerriege vor allem Jana Kurucová als Megakles, die mit vokalem Glanz und bebender Leidenschaft ihre Rolle gestaltete. Rosa Domínguez’ Aristea, die als Preis dem Sieger der Wettkämpfe gehören soll, Maraile Lichdi als Hirtin Argene und Lilia Mileks Aminthas sind stimmlich ebenfalls ausgezeichnet, und die Sängerinnen schmücken koloraturensicher alle Dacapos mit bravourösen Verzierungen. Die oft atemberaubende Virtuosität der Musik meistern sie mit großem Können und vokaler Leichtigkeit. Besonders bemerkenswert sind bei dieser Heidelberger Produktion die sängerische Einstudierung sowie die Begleitung der Rezitative durch den Cembalisten Marc Meisel und Julian Behr (Theorbe). Das zeigt deutlich: Man ist auf dem richtigen Weg.
(Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 10.12.07)

Gilts hier der Kunst?

Zum zweiten Mal gastiert das Heidelberger Stadttheater mit seiner jüngsten Festivalgründung, dem „Winter in Schwetzingen“, auf renommiertem Boden und sonnt sich im Festspiel-Nimbus. Doch befriedigen konnte die Auftaktveranstaltung weder musikalisch noch szenisch. Die deutsche Erstaufführung sollte ein Fest der Barockspezialisten werden, überragt vom Altus Alexander Schneider als kretischer König Lycidas. Dass es sich bei ihm um eine komplette Fehlbesetzung handelte, ist leider Tatsache.
Regisseur Werner Pichler und sein Bühnenbildner Klaus Teepe setzen in ihrer Personenführung und Bühnengestaltung auf Reduktion: grün und blau gehaltene Seidenschals, die von der Decke hängen und nach Bedarf zu Wolken und Meer kumulieren. Das schuf wenig Ablenkung und hätte den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Musik lenken können, wäre da nicht der regelmäßige Aufmarsch gut trainierter Olympioniken gewesen, die halbnackt über die Bühne turnten. Musik und Szene wurde damit ein Bärendienst erwiesen.
Die kleine Orchesterbesetzung unter Michael Form begann energiegeladen und enthusiastisch, verfehlte dabei aber nicht selten eine saubere Intonation und gemeinsame Einsätze. Auch das zunächst spannungsgeladene, wache Spiel ließ bei den Instrumentalisten rasch nach.
(Britta Richter, Mannheimer Morgen, 11.12.07)

Verrücktheiten der Liebe
Locker-gelöst, menschlich anrührend, voller kommunikativem Witz, musikalisch authentisch, sängerdarstellerisch hinreißend unbefangen – dabei konzeptionell intensivst vorbereitet, in allen theatralen Details stimmig und für ein sensibles Publikum durchaus nachdenkenswert: So präsentiert das Theater Heidelberg die deutsche Erstaufführung von Vivaldis „Olympiade“ (Venedig 1734) zum Barockfestival im Rokoko-Schlosstheater in Schwetzingen – ein faszinierend-lustvoller Hör- und Sehgenuss!
(Prof. Dr. Franz Stuke, www.opernnetz.de)


 

 


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