Pressestimmen

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DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER *18.10.09

„Da strahlten die Augen!“
Nicht selbstverständlich, dass das Musiktheaterwerk seine jugendlichen Opernbesucher derart in seinen Bann schlug, dass diese die schauspielernden Sängerinnen und Sänger schier nicht von der Bühne lassen wollten. ... Das Zaubermärchen, in dem Prinz Tamino und der Vogelfänger Papageno sich aufmachen, die Tochter der Königin der Nacht aus den Fängen des angeblich bösen Zauberers Sarastro zu befreien zu retten, geriet zu einem durch und durch spannenden, lustvoll gespielten, begeisternden musikalischen Ereignis. RNZ, 20.10.09, Astrid Mader

FAUSTRECHT DER FREIHEIT *10.10.09

„Ein Text, der überraschend zu berühren vermag, wenn in manchen Szenen der theatralische Normalfall bei Daniel Stock und Paul Grill zum darstellerischen Ausnahmezustand wird. ... Cremer hat die Begegnungen zwischen den beiden Männern, ihre existenziellen Irritationen, mit einem schönen Gespür für ihre höchst unterschiedlichen Charaktere und sozialen Gegensätze ausgelotet.“ Mannheimer Morgen, 12.10., Alfred Huber 

 „Er hat berühmte literarische Vorfahren, dieser Franz Biberkopf aus Rainer Werner Fassbinders 1975 gedrehter Milieustudie „Faustrecht der Freiheit“: zum einen den Namensvetter Franz Biberkopf aus Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“, zum anderen die geschundene Kreatur Woyzeck. … „Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt“, heißt es bei Döblin. Im kapitalismuskritischen Film und in der Theaterfassung klingt das noch lakonischer, wenn gesagt wird, Biberkopf ziehe „immer den Kürzeren“. Was bei Fassbinder in überdeutlichem Naturalismus daherkommt, wird in der Heidelberger Inszenierung durch symbolistische und teilweise auch karikierende Mittel zum zeitlosen Sittengemälde einer Gesellschaft in der Wirtschaftskrise … Nach seinem fulminanten Iwanow und seinem durchgeknallten Dirty Rich in der vergangenen Saison behauptet sich Daniel Stock ein weiteres Mal als Titelrollen-Spieler. … Enthusiastischer Beifall.“ RNZ, 12.10., Volker Oesterreich 

„Der junge Berliner Regisseur Daniel Cremer bringt „Faustrecht“ als tragisch endendes böses Märchen auf die Bühne. Es spielt in einer Welt, in der alles auf persönlichen Gewinn ausgerichtet ist und zwischenmenschliche Beziehungen zu ökonomischen Angelegenheiten werden. Cremer ist nicht zimperlich. Seine Einstudierung scheut vor Drastik, Aggression, Phonstärke und unschönen Bildern nicht zurück; er fordert seine Darsteller. … Daniel Stock spielt und spricht den Biberkopf überzeugend und mit großer Flexibilität. In Paul Grill als Freund Eugen hat er einen gleichfalls nach Freiheit dürstenden Partner auf Zeit, der ebenfalls zum Verlierer wird. Langer Applaus und Bravorufe für Cremers Inszenierung, in der gestrandete Existenzen, schillernde Halbweltfiguren und in schwarze Talare gesteckte Honoratioren einander begegnen und Fassbinders preisgekrönten alten Film im „Theaterkino“ neu fürs Publikum entdecken.“ Gießener Allgemeine, 14.10., Britta Steiner-Rinneberg

DIE ZAUBERFLÖTE * 07.10.09

„Einfach grandios! Unbedingt hingehen!“
Pressestimmen zur Eröffnung des HEIDELBERGER OPERNZELTES

"Einfach grandios! Spielzeit im Opernzelt eröffnet – Unbedingt hingehen.
Eine außergewöhnliche, spritzige, witzige Aufführung“, mit der das Theater sein Ziel erreicht habe: „Unterhalten, anregen, Fragen aufwerfen. Fragen, über die das Publikum bis 1.30 Uhr nachts diskutierte …Alles war bestens gelaufen, das Publikum begeistert, die Darsteller glücklich, ein lächelnder Generalmusikdirektor Cornelius Meister … Immer wieder Applaus für die Künstler, die Operndirektor Joscha Schaback charmant auf die Treppe im Foyer bat."
Rhein-Neckar-Zeitung, 09.10.09. Ingrid Thoms-Hoffmann

"Das Beste zuerst: Das Heidelberger OPERNZELT, die Ausweichspielstätte während der mindestens dreijährigen Umbauphase des Städtischen Theaters an der Czerny-Brücke, ist eine Wucht. DIE ZAUBERFLÖTE als Eröffnungspremiere passt hier wie der Deckel auf den Topf. Das Regiekonzept von Regisseur Tobias Kratzer in Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier ist ebenso naheliegend wie überzeugend."
Rhein-Neckar-Zeitung, 09.10.09., Matthias Roth

"Es ist eine verzauberte Welt voller monströser Wesen. Mozarts Werk kommt zurück zu seinen Ursprüngen, es wird wieder Unterhaltungsoper. Cornelius Meisters Mozartdirigat ist klug durchdacht und betont die spannungsgeladene Energie der Musik." Die Rheinpfalz, 09.10.09, Frank Pommer

"Jetzt aber sollten alle dem Theater und seinen unermüdlichen Mitarbeitern danken. Die haben bis zur Erschöpfung in den letzten Monaten daran gearbeitet, das die Heidelberger eine wunderschöne Premiere im OPERNZELT erleben durften … Vor den nächsten drei Sanierungsjahren muss dem Publikum nicht bange sein. Ganz im Gegenteil!"  RNZ, 10.10.09, Ingrid Thoms-Hoffmann

"Wunderbare Premiere. Das Opernzelt ist eröffnet. Welch eine Premiere, welch wunderbarer Spielort – und das in einem Zelt. Riesenkompliment an alle Kulturschaffenden, die es unter Aufbietung aller Kräfte geschafft haben, einen besonderen Ort des Kunstgenusses zu schaffen. Auch dafür bedankten sich gestern Abend über 600 Opernfreunde. Im ausverkauften OPERNZELT erlebten sie einen phantastischeAbend bei Mozarts ZAUBERFLÖTE. … Fast alle Sitzplätze gewähren beste Sicht(anders als beim alten Theater)! …" if  RNZ, 08.10.09

Hören Sie hier Zuschauerstimmen vom Premierenabend - "sehr phantasievoll", "wunderbare Akustik" - sowie den Vorbericht des SWR4. Außerdem können Sie einen Bericht des Rhein-Neckar Fernsehen ansehen.

ERSATZVERKEHR *05.10.

Hier geht es zum Bericht von Radioaktiv - dem Campus-Radio Rhein-Neckar.

FELLINIS 8 1/2 *01.10.

„… Dariusch Yazdkhasti, der Regisseur, und seine Dramaturgin Kerstin Grübmeyer appellieren mit ihrer Spielfassung an das Kino im Kopf der Zuschauer. Wie bei Fellini gibt es keine einfachen Antworten, keine aufgesetzte Action und keinen auf den ersten Blick erkennbaren roten Faden. Und wie in Fellinis symbolistisch aufgeladener Schwarzweiß-Phantasmagorie agieren die neun Schauspieler des Heidelberger Theaters in geschmackvollen Schwarzweiß-Kostümen, entworfen von Katharina Kromminga. Leichte Kost ist es nicht, was man hier zu sehen bekommt, weil über die große Gefühlsmaschine namens Kino in doppelter, ja dreifacher Brechung reflektiert wird.
Gleich zu Beginn macht das der als Gast engagierte Hauptdarsteller Lajos Talamonti deutlich, wenn er behauptet, Marcello Mastroianni zu sein, der in Fellinis „8 ½“ das Fellini-Alter-Ego namens Guido Anselmi spielt. Die Formel „Talamonti=Mastroianni=Anselmi=Fellini“ scheint aus der tiefsten Trickkiste der Theaterzauberkünste zu stammen. Rollen und reale Personen werden durch sie identisch, Schein und Sein sind nicht mehr zu unterscheiden, auch wenn zu Beginn und am Ende das Geräusch eines nostalgisch ratternden Projektors das Gegenteil behauptet. Talamontis Mastroianni/Anselmi/Fellini steckt ganz filmkonform in einer tiefen Krise. Er will ein großes Kunstwerk drehen, weil er aber partout nicht weiß, wie und worüber, zieht er sich in ein Sanatorium zurück. Gegen seine körperlichen und seelischen Gebrechen soll „Acqua santa“ helfen, und seiner mangelnden Inspiration versuchen die um ihn herum irrlichternden Personen auf die Sprünge zu helfen: Schauspielerinnen, Geliebte, Geistliche, Ärzte, Magier, dazu noch der zynische Drehbuchautor, seine Ehefrau und etliche weitere fellineske Sonderlinge, die von acht musikalisch versierten, mehr oder weniger wandlungsfähigen Ensemblemitgliedern übernommen werden. Ute Baggeröhr, Monika Wiedemer, Jennifer Sabel und Antonia Mohr bevölkern Anselmis mal zickig-hysterischen, mal sensiblen Harem, der einen Vorgeschmack auf Fellinis Spätwerk „Stadt der Frauen“ gibt. Und das Darsteller-Quartett Frank Wiegard, Klaus Cofalka-Adami, Matthias Rott und Natanael Lienhard übernimmt die zahlreichen männlichen Rollen. Schnelle Schnitte, schnelle Wechsel. Alle zusammen ergehen sich im hintergründigen Sprachwitz der Dialoge, die auf der Bühne wahrscheinlich deshalb besser zur Geltung kommen als im Film, weil das Inszenierungsteam auf die vielen Traumsequenzen und Kindheitserinnerungen Anselmis verzichtet hat.
In Fellinis Film dient die Riesenkulisse einer Raketenstartrampe als Symbol für Anselmis ins Unendliche strebenden Kunstwillen. Im Heidelberger Theaterkino lässt sich solch ein Kulissenturmbau zu Babel natürlich nicht realisieren. Für den Bühnenbildner Jürgen Höth stellt das jedoch kein Problem dar. Ideenreich wie er ist, lässt er als Chiffre für all die luftigen Gedanken und Träume gegen Ende der Vorstellung eine riesige transparente Plastikplane aufpumpen. Diese Blase der Illusion platzt nie, obwohl auf und vor ihr gespielt wird. So ist das eben mit der Kunst: Kraft der Phantasie bleibt sie bestehen….“
RNZ, 05.10.09

Hören Sie hier den Bericht des SWR4 über den Premierenabend am 01.10.

Bluff hoch neun

Das Theater Klara am Zürcher Theaterspektakel

Das Theaterspektakel blickt auf einen erfolgreichen Jahrgang zurück: 29000 Besucher, 85 Prozent Auslastung. Auch das Revival der Theatergruppe Klara lässt sich sehen.

Die Theatergruppe Klara legt in ihrem neuen Stück die Mechanismen der Hochstapelei offen - und bedient sich ihrer zugleich selbst. Sich von dieser Truppe etwas vormachen zu lassen , ist ein Vergnügen. Siegen oder versagen, eine Eins sein oder eine Null. Darum geht es. Im Büro wie auf dem Spielplatz. Das weiss der Typ im ockerbraunen Anzug und den gelben Turnschuhen. Wer wagt, gewinnt. So gibt er alles, als CEO genauso wie als Steuerbetrüger, im Yoga und an der E-Gitarre.

NEUNMALKLUG. Er stapelt hoch und höher, lügt, betrügt und manipuliert. Er ist so wichtig, dass es ihn neun Mal gibt. Neun Mal der braune Anzug, neun Mal das blaue Hemd, neun Mal der braun-blond-graue Schopf. Er ist neunmalklug und fällt dafür auch mehr als ein Mal ins Bodenlose. Denn vom Risiko, das er eingeht, wird ihm schwindlig, zu berauscht ist er von sich selbst, er stürzt und bleibt liegen als zerknittertes Häufchen Mensch, erwachend mit einem Kater. Die freie Basler Theatergruppe Klara bringt "Hochstapler und Falschspieler" zusammen mit Tänzern von pvc auf die Bühne, der gemeinsamen Tanzsparte des Freiburger und des Heidelberger Theaters. Einige Jahre ist es still gewesen um Klara - nun meldet sich das Ensemble um Regisseur Christoph Frick zurück. Das Timing ist perfekt, der Hochstapler fügt sich passgenau in die Zeit der Wirtschaftskrise, in der Wirtschaftsbosse sich selbst und ihre Unternehmen überschätzt und Milliarden in den Sand gesetzt haben.

KÖRPERBETONT. "Hochstapler und Falschspieler" ist ein Dreispartenstück, ein Zusammenspiel und Wettstreit von Schauspiel, Tanz und Live-Musik. Auch das ist hochgestapelt. Doch das Publikum bleibt ohne Kater, der hohe Anspruch ist kein Blendwerk, sondern hat Substanz. Äusserst körperlich zeigt sich diese, wenn der Hochstapler ins Stolpern gerät. Die Karriereleiter hat er erklommen. Aber die Stufen zur Bühne in der Roten Fabrik in Zürich nimmt er auch nach mehreren Anläufen nicht. Der Aktenkoffer reisst ihn aus der Balance, er fällt und stürzt und kippt in neunfacher Ausführung, und man wünscht, er würde nie aufhören mit diesen umwerfend komischen Bauchlandungen.

Eine Einsicht bringen sie nur kurz. "Ich muss meine Prioritäten ändern", erkennt der Spieler, doch er fühlt es bald: Zum triebhaften Anhäufen von Wert gibt es für ihn keine Alternative. Die Moral von der Geschicht? Es gibt sie nicht - die Welt bleibt, wie sie ist und war.

(Miriam Glass, BaZ, 30.08.2009)

 

Der kreative Umgang mit der Wahrheit

Täuschungen, Lügen und Betrug sind so alt wie die Menschheit selbst. Hochstapler und Menschen, die sich für etwas oder jemanden ausgeben, der sie nicht sind, gab es wohl auch schon immer, auch heute noch sind sie mitten unter uns, haben sich perfekt angepasst und fallen nicht auf. Dieses Gefühl vermittelt uns jedenfalls das Stück "Hochstapler und Falschspieler", das am Zürcher Theaterspektakel uraufgeführt wurde.

In der Koproduktion der freien Theatergruppe KLARA, pvc Tanz Freiburg Heidelberg und dem Theater Freiburg tummeln sich neun beinahe identische Hochstaplerwesen auf der Bühne. In ihren hellblauen Anzügen, den blauen Hemden und den grauen Haaren wirken sie seriös und unauffällig. Sie sind alle Hauptfiguren, niemand sticht wirklich hervor. Die Theatergruppe KLARA ist mittlerweile bekannt dafür, dass sie Stücke entwickeln, die die Möglichkeiten des Mediums Theater erproben und meist ohne eine sich entwickelnde Geschichte auskommen. So hat auch "Hochstapler und Falschspieler" keinen eigentlichen Spannungsbogen, sondern variiert und analysiert in einer Vereinigung von Theater, Tanz und Musik das Motiv des Hochstaplers und setzt dessen Facetten mit einer sezierenden Genauigkeit frei.

Der kleine Hochstapler in uns

Die grundlegende Methode, derer sich die Darsteller dazu bedienen, ist die der Vervielfachung. Sie sprechen im Chor, bewegen sich synchron oder lösen einander bei ihrer jeweiligen Tätigkeit ab. Am Anfang des Stücks sitzen die neun Figuren auf der Bühne und machen dem Publikum erst einmal klar, dass in jedem von uns ein kleiner Hochstapler steckt. Auf die Aussage "Ich bin ein Hochstapler, du bist ein Hochstapler, wir sind Hochstapler" folgen viele gleich strukturierte Feststellungen wie "Ich bin erfolgreich, du bist erfolgreich, wir sind erfolgreich". Gleichzeitig wird auch ein Licht auf die Zuschauer gerichtet, wodurch die Verbundenheit und grundsätzliche Gleichheit aller festgestellt wird. Jeder von uns lügt manchmal und hat mit diesem "kreativen Umgang mit der Wahrheit" den Grundstein des Hochstapler-Daseins in sich gelegt.

Eine fundamentale Einsamkeit

Das Stück zeigt aber auch, welche Schwierigkeiten und Stolpersteine das Leben als Trickbetrüger oder Falschspieler in sich birgt. Die Figuren durchlebenwährend der eineinhalb Stundeneine Berg- und Talfahrt zwischen höchster Euphorie und fundamentalster Verzweiflung. Der Hochstapler vertraut niemandem und ist daher unweigerlich einsam. Nicht einmal die Ehefrau darf von den betrügerischen Machenschaften wissen. Und wenn man mal aufzufliegen droht, hat man niemanden, der einem helfen könnte. Immer wieder versuchen sie, die Kurve zu kriegen, noch einmal davon zu kommen und ihr Leben weiter zu leben.

"Mich überkommt ein Überlegenheitskomplex"

Das Stück ist außerdem durchzogen mit Zitaten berühmter Personen zu dem Thema. Silvio Berlusconis "Überlegenheitskomplex" zeigt dabei die eine Seite des hochstaplerischen Daseins, Fernando Pessoa bietet die Benennung der anderen Seite: "Ich fühle mich so mutterseelenallein, dass ich den Abstand zwischen mir und meinem Anzug spüre". Die grundsätzlichen Regeln für Hochstapler, die von den Darstellern abwechslungsweise herunter gebetet werden, erinnern an Walter Serners Dada-Manifest "Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen". Sowohl in der Literatur, als auch in der Kunst ist das Motiv des Hochstaplers ein weit verbreitetes; in "Hochstapler und Falschspieler" wird die universelle Figur des Betrügers noch einmal exemplarisch verdichtet und analysiert.

Dennoch wünscht man sich zwischendurch auch mal ein bisschen weniger Symbolik und ein bisschen mehr Handfestigkeit. Die einzelnen Episoden dauern oft ein wenig zu lange und zehren an der Aufmerksamkeit. Aber die Rechnung des Regisseurs Christoph Frick ist aufgegangen: Das Bild des Hochstaplers wird auf einprägsame Weise vermittelt und jeder kann sich mindestens ein bisschen mit ihm identifizieren.

(nahaufnahmen.ch, 29.08.2009)


4. Schlosskonzert - Operngala - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE 04.08.09

Die Krone gebührte den Philharmonikern
Operngala mit Solisten und Opernchor beim 4. Heidelberger Schlosskonzert – GMD Cornelius Meister dirigierte
Für Abwechslung war reichlich gesorgt bei dem vierten (und letzten) Heidelberger Schlosskonzert: Nach einer ersten Hälfte mit deutscher Romantik im Schlosshof ging es nach der Pausewetterbedingt im Königssaal weiter. Dort stand dann italienisches Repertoire auf dem Programm und der guten Stimmung tat der erzwungene Umzug keinen Abbruch.
Zur Operngala, die dabei geboten wurde, gehörten nicht nur Solisten, sondern auch ein Chor. Dass dennoch die Heidelberger Philharmoniker die besten Eindrücke des Abends hinterließen, ist den Musikern selber und einmal mehr der vorzüglichen Arbeit von GMD Cornelius Meister zu verdanken. Wunderbar differenziert und alle Feinheiten genussvoll auskostend erklang eingangs die Ouvertüre zu Webers „Oberon“, agil und sehnig musiziert. Beste Laune, warm singende Violinen bereicherten den „Holzschuhtanz“ aus Lortzings „Zar und Zimmermann“, aus dem der Opernchor und Extrachor des Heidelberger Theaters den vergnüglich gebotenen Begrüßungschor sang.
Den Anfang machte der Chor aber mit dem „Einzug der Gäste auf der Wartburg“ aus Wagners „Tannhäuser“, und dieser wurde allerdings etwas schwachbrüstig gesungen. Wolframs Lied an den Abendstern sang im Anschluss Moritz Gogg (Staatsoper Hamburg): lyrisch weiches, geschmeidiges Balsam ließ der junge Bariton dabei strömen. Vergnüglichen Witz brachte Gogg danach als Bürgermeister in Lortzings „Heil sei dem Tag“, als er mit dem Chor sein neues Lied einstudierte.
Jovial ertönte der Jägerchor aus Webers „Freischütz“, und die Arie des Ännchen aus der gleichen Oper sang Laura Tatulescu lieblich, aber auch etwas farblos. Von der Wiener an die Münchner Staatsoper wechselt die junge rumänische Sopranistin, die auch schon in den USA Karriere machte, bei einer Woody Allen-Inszenierung von Puccinis „Gianni Schicchi“ in Los Angeles.
Szene und Duett der Violetta und Vater Germont aus „La Traviata“ sang sie mit Moritz Gogg im zweiten Teil im Königssaal: sehr lyrisch geprägt war dabei ihr Gesang und auch ein bisschen eindimensional. Die Violetta ist nicht unbedingt ihre Partie, dazu fehlt ihr der Farbenreichtum in der Stimme ebenso wie die Leidenschaft und die sängerische Attacke.
Einen würzig schlanken, jugendlichen Bariton ließ Gogg dabei hören, beide blieben aber auch gestalterisch ihren Partien einiges schuldig. Mozart liegt ihnen eher: mit ihrer gewitzt dargebotenen Zugabe von „La ci darem la mano“, dem Duett Zerlina/Don Giovanni, entzückten sie das Publikum am Ende doch. Großen Spaß bereitete zuvor noch Richard Genées „Insalate Mista“ für zwei Gesangssolisten und Chor a cappella, einem musikalischen Scherz, in dem Stereotypien und Vortragsanweisungen aus Oper und Konzert burlesk verwurstet werden.
Zuvor trumpfte der Chor noch bei Verdi auf, ließ einen schmissigen Hexenchor (die Damen) aus „Macbeth“ hören, den inbrünstig gesungenen Gefangenenchor aus „Nabucco“ (über schön prononcierten Walzerrhythmen) und einen zündenden Zigeunerchor aus dem „Troubadour“.
Die Krone des Abends aber gebührte sicher den Philharmonikern, die all dies eingebungsvoll begleiteten und den „Tanz der Stunden“ aus Ponchiellis „La Gioconda“ unter Cornelius Meisters Leitung ganz bezaubernd in Schwung brachten: mit herrlich gestalteten Rubati, schön beweglich gehalten zwischen süffig schwebenden und kräftig glühenden Abschnitten, bis hin zum ungeheuer schmissig musizierten Finale: große Begeisterung und Bravi waren da gewiss.
Rainer Köhl, RNZ 4.8.09


Italienischer Salat im Saal serviert
Schlossfestspiele Heidelberg: Gala mit Cornelius Meister
Elfen, Geister, Ritter sind das Personal der Oper "Oberon", der Hornruf zu Beginn der Ouvertüre geht bereits als Chiffre des Geheimnisvollen durch. Im Heidelberger Schlosshof scheint er von weit her zu kommen, doch der Dirigent Cornelius Meister gibt der schlanken Frühromantik Webers durchaus griffige Konturen, namentlich die Violinen beißen, stechen regelrecht. Während sich Wagners "Tannhäuser" im Philharmonischen Orchester luftig frei entfaltet.
Nur der Heidelberger Chor (plus Extrachor) steht da beim "Einzug der Gäste auf der Wartburg" teilweise im Weg, und zwar buchstäblich: Vorne an der Rampe stehend, deckt er nicht allein die tiefen Streicher optisch und akustisch ab. Aber wir sind in einer Opern-Gala, auf die Sänger kommt es also an. Bei Moritz Gogg – der junge Österreicher ist in Hamburg engagiert – leuchtet der „Abendstern“ des Wolfram aus dem „Tannhäuser“ noch etwas matt. In diesem Bariton schlummert aber ein großer Komödiant, zu dessen Rollen nicht nur Papageno zählt: Dem prahlerischen Schultheißen Van Bett aus Lortzings „Zar und Zimmermann“ bleibt er in Heidelberg nichts schuldig.
Laura Tatulescu - bislang an der Wiener Staatsoper beschäftigt, jetzt in München - fängt dagegen komödiantisch an, mit einem herrlich kapriziösen „Freischütz“-Ännchen, um dann in „La Traviata“ in die Sphäre des Dramatischen und doch Fragilen aufzusteigen. Die gewählte Szene aus dem ersten Bild des zweiten Akts der Verdi-Oper ist so etwas wie das Herzstück dieser Gala, die sonst eher Wunschkonzert-Charakter hat. Und „Schwiegervater“ Moritz Gogg ist hier, was er als Bariton oft sein muss: Fleisch gewordene Moral.
Nach einem witterungsbedingten, organisatorisch nicht gerade mühelos geglückten Wechsel in den Königssaal serviert der Chor neben den größten Verdi-Hits Richard Genes Vokal-Jux „Insalata Italiana“. Und Cornelius Meister inszeniert im „Stunden-Tanz“ aus „La Gioconda“ orchestrale Feinmechanik.
Hans-Günter Fischer, Mannheimer Morgen 05.08.09

2. Konzertmatinee - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE 16.07.09

Besonderes Mozart-Juwel
Philharmoniker im Schloss
Besser kann ein musikalisches Sommermorgen „open-air“ kaum laufen: malerisches Wetter mit blauem Himmel und idealen Temperaturen, eine spritzige Programm-Mischung aus Wiener Klassik und französischem Neoklassizismus, dazu ein inspirierter junger Dirigent und ein Orchester in bester Verfassung. Wenn dann noch wie bei der 2. Schlossfestspiel-Matinee der von Ivo Hentschel geleiteten Heidelberger Philharmoniker das Publikum in Scharen strömt, so bleiben wahrlich keine Wünsche offen.
Werke von Haydn und Mozart trafen auf Kompositionen zweier großer Franzosen, die mit ihrer eleganten Klassizität einen ganz eigenenWeg abseits avantgardistischer Zeittendenzen gingen. Gemeint sind Jacques Ibert und Francis Poulenc, deren geistreich-virtuose Musik in Deutschland gerne als oberflächlich abgetan und daher selten aufgeführt wird. Wie lohnend die Entdeckungsreise im gewaltigen Oeuvre dieser Komponisten sein kann, machten die Philharmoniker bei im Englischen Bau des Schlosses deutlich.
In Sachen Wiener Klassik legte das Orchester unter Hentschels agiler Leitung eine detailfreudige Frische an den Tag. Davon profitierte neben der schwungvollen Haydn-Ouvertüre zut Festoper „Acide e Galatea“ vor allem Mozarts farbenprächtige Sinfonia concertante Es-Dur KV 364, deren Soloparts mit Konzertmeister Thierry Stöckel und Solobratscherin Marianne Venzago besetzt waren. Der Kontrast zwischen dem ausgesprochen leidenschaftlich-brillant formulierenden Geiger und seiner lyrisch veranlagten Viola-Partnerin kam in den mitreißenden Ecksätzen ebenso aussagekräftig zur Geltung wie im anrührend melancholischen Andante, das kantable Intensität gewann.
Vielseitig erlebte man an diesem Vormittag den keineswegs nur harmlos verspielten Neoklassizismus à la française. Poulencs Miniatursuite „Deux Marches et un Intermède“ fesselte nicht nur durch feinen historischen Esprit, sondern auch durch aparte harmonische Extravaganzen. Iberts mit augenzwinkernden thematischen Anklängen jonglierendes Rondo „Hommage à Mozart“ dagegen bot herrlich unbeschwertes Amüsement, blitzsauber umgesetzt vom hellwachen Philharmoniker-Ensemble. Das Finale aus Haydns letzter Sinfonie folgte nach begeistertem Schlussbeifall.
Klaus Roß, RNZ 29.07.09

Einmal auf den Eiffelturm 
Schlossfestspiele Heidelberg: Ivo Hentschel dirigiert
Selbstverständlich ist das nicht: Ein Generalmusikdirektor, der an einem heiter hellen Sonntag Vormittag zum Heidelberger Schloss hinaufsteigt, um im Publikum zu hören, wie sich "seine" Musiker bei einem nicht besonders aufregenden Sonntagvormittagsprogramm aus der Affäre ziehen. Auf der Stuhlkante, immer höchst konzentriert. Cornelius Meister ist im positiven Sinn musikbesessen, und man kann nur hoffen, dass ein wenig dieser Energie in Heidelberg zurückbleibt, wenn der Dirigent die Stadt dereinst verlassen und in die Metropolen ziehen wird.
An diesem Sonntag zeigt der junge Ivo Hentschel, was er kann. In Haydns Ouvertüre zu "Acis und Galatea" fordert er dem Philharmonischen Orchester eine durchaus von "historisch informierter" Musizierpraxis tangierte Interpretation ab, die auch im Andante-Abschnitt einen vorwärtsschreitenden, bewegten Gestus beibehält. In Mozarts Es-Dur-"Sinfonia concertante" mit den obligat geführten Bläsern und geteilten Bratschen leuchtet Hentschel analytisch klar in den Orchestersatz hinein. Solisten sind zwei Heidelberger Stimmführer, und ihre Rollen stellen sich so deutlich dar wie selten: Thierry Stöckels Violine hat den hochfliegenden, dominanten Part, Marianne Venzagos - manchmal nicht ganz sauber intonierte - Bratsche den beschwichtigenden, sozusagen mütterlichen.
Vor Francis Poulencs "Deux Marches et un Intermède", als Festbankett-Musik geschrieben, klärt der Dirigent das Publikum über die Märsche auf: Der erste spielt laut Ivo Hentschel auf die Weltausstellung 1889 an, ist fortschrittsoptimistisch, kitzelt wie der frisch erbaute Eiffelturm die Wolken. Doch der zweite macht sich Zukunftssorgen, fragt sich kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, was da kommen mag. In Relation zu dem, was wirklich kam, klingen die Sorgen von Poulenc noch ziemlich moderat, wie Schostakowitsch light. Mehr muss an einem heiter hellen Sonntagvormittag ja auch nicht sein. HGF
HGF, Mannheimer Morgen 31. Juli 2009

Operettengala - 3. Schlosskonzert - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE *19.07.09

„Ich fühle heut’ so einen Überschuss“
Operettengala bei den Heidelberger Schlossfestspielen
„Gern hab’ ich die Frau’n geküsst,/ hab’ nie gefragt, ob es gestattet ist,/ dachte mir: nimm’ sie dir ...“ Ja, so sind sie die Operettenhelden. Nicht lange fragen, gleich nehmen. Dem Geigenvirtuosen Paganini hatte Lehár obige Zeilen in den Mund gelegt, und eben dieses schwärmerische Lied gab es bei der Operettengala der Heidelberger Schlossfestspiele im Schlosshof zu hören.
Der junge österreichische Tenor Oliver Ringelhahn, Mitglied der Dresdner Semperoper, zeigte sich bei diesem Lied als Charmeur der Herzen, der mit schönstem lyrischem Schmelz und entspanntem Gefühl sein amouröses Credo besang. Seine Herzensdame an diesem Abend war die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte von der Kölner Oper, und die sang ihrem Paganini ihr „Liebe, du Himmel auf Erden“ mit emphatischer Glut entgegen.
Rund um die Liebe ging es bei diesem 3. Schlosskonzert, und die eheliche Liebe spielte dabei freilich eine nebensächliche Rolle. Vielmehr waren es die geheimen Liebschaften, die Verhältnisse und auch Scheinehen, die jeder Operette ihre ureigene Würze geben. In Lehárs „Graf von Luxemburg“ zeigte sich der Tenor vom Parfüm eines Frauenhandschuhs ganz betört, bevor er mit der Sopranistin das gefühlvolle Walzerlied „Lieber Freund, man greift nicht nach den Sternen“ sang.
Warme, sonore Farbe ließ Oliver Ringelhahn seiner Stimme entströmen, von feinen Spitzentönen gekrönt wie in Kálmáns „Zwei Märchenaugen“. Mit romantischem Schwärmen erfüllte der Tenor Zellers „Wie mein Ahnl zwanzig Jahr“ und als Zugabe ließ er noch das unverwüstliche „Dein ist mein ganzes Herz“ in schmiegsamer Lyrik dahinschweben.
Ausrine Stundyte hat ebenso viel Glut in der Stimme wie im Temperament. „Ich fühle heut’ so einen Überschuss,/ den ich loswerden muss“, schickte sie voraus zu Leo Falls Lied der Madame Pompadour. „Heut’ könnt’ einer sein Glück bei mir machen“. Da kokettierte sie mit dem Konzertmeister und rückte dem Dirigenten auf die Pelle, griff sich einen Taktstock, mit dem sie das ganze Orchester auch noch animierte. Elegante Legatobögen und samtig eingedunkelte Farbe ließ sie daneben strömen in Liedern von Kálmán und Lehár, samtige Glut und Leidenschaft vereinte sie in „Meine Lippen, sie küssen so heiß“.
Die junge Sopranistin, Preisträgerin beim Wiener Belvedere-Wettbewerb Wien 2006 (im Operettenfach), verfügt nicht nur über eine schöne Stimme, sondern ebenso über ausgeprägten Spieltrieb, mit dem sie jedes ihrer Lieder – bisweilen auch weit über Gebühr – belebte. Viel Koketterie und ironisch zickiges Gehabe brachte sie in die Duette, an deren Ende sie sängerisch und gestalterisch ein Herz und eine Seele mit dem Tenor war.
Schöne Atmosphäre zeichneten dabei die von Dietger Holm geleiteten Heidelberger Philharmoniker mit ihrem Spiel. Das war nicht von Anfang an so. Die Notenblätter flogen zu Beginn wie Herbstlaub von den Ständern, die Violinen waren nur selten zusammen, und mit dem „Tempo rubato“ lief nicht alles so rund wie gedacht. Gut in Fahrt kam das Orchester bei der Strauß-Polka „Freikugeln“, unaufgeregt tönte die Polka française „Feuerfest“ von Josef Strauß. Temperament und Schwung kam in die Ouvertüre von „Gräfin Mariza“, von klangsatt aufrauschendem Csardasfeuer durchglüht.
Rainer Köhl, RNZ, 21.07.09

Liebe mit allerlei Variationen und Flunkereien
Konzert: Operettengala bei den Heidelberger Schlossfestspielen - Publikum im ausverkauften Schlosshof bekommt gleich vier Zugaben zu hören
Heiß geht es her, in der Operette. Da wird geflunkert und geflirtet, und die Protagonistinnen dürfen mit kokettem Augenaufschlag klimpern oder durch lustvolle Seufzer sowie mit ausdrucksvoller Stimme ihr Publikum betören. Die Männer hingegen machen im Frack viel her und knallen einem einige Spitzentöne um die Ohren. Das kommt prima an, wir alle sind zufrieden, und so manche Expertin, die vielleicht schon seit Jahrzehnten das Stadttheater besucht, summt voller Zuneigung zum Genre die Melodien mit, was als Untermalung zum professionellen Musikantentum auch ganz nett klingt.
Heidelberger Schlossfestspiele, Operettengala. Die heimischen Philharmoniker spielen unter ihrem ersten Kapellmeister Dietger Holm auf. Der liebt die sanfteren Tempi und das biegsame Herausarbeiten der Zwischentöne. Das wirkt höchst ehrenwert, doch manchmal kommt es einem vor, als ob hier eine Strauß-Polka eher verwaltet wird, als dass sich deren explosives Innenleben mitteilte. Ein bisschen mehr an Saft, Kraft und Dampf wäre da angebracht, denn die Schlosshof-Akustik verträgt durchaus die Plakatmalerei.
Wie dem auch sei, im bunten Gebinde von Strauß bis Kálmán, Lehár bis Leo Fall gefielen die Gesangsstars in diesen Love-Storys zwischen Scheinehe und Ehebruch, Verwechslungskomödie und wahrer Liebe, wie es die Seifenopern so an sich haben. Aus Litauen stammt die Sopranistin Ausrine Stundyte, deren Sopran mit Ausdruck und schönem Timbre auftrumpft und die zudem die sentimentalen Aspekte ihres Fachs publikumswirksam zur Geltung bringt. Sie macht äußerlich „bella figura“, auch ihr Kleid-Wechsel nach der Pause unterstreicht ihr Selbstbewusstsein.
Ihr Partner, der Tenor Oliver Ringelhahn, glänzt durch Stabilität und ein geschicktes Ansteuern der sängerischen Effekte. Dass er am Ende leichte Heiserkeit überdecken musste, liegt in der Natur eines Freiluft-Auftritts.
Das Publikum im ausverkauften Schlosshof war sehr zufrieden; gleich vier Zugaben wurden freigebig gewährt, was angesichts der Phon-Stärke des Beifalls denn doch leicht übertrieben wirkte.
Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen 23.07.09

Zur Schlossbeleuchtung - 2. Schlosskonzert - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE *11.07.09

Voll romantisch!
Heidelberger Serenade zur Schlossbeleuchtung bei den Festspielen
Nicht immer trifft der manchmal recht laxe Sprachgebrauch die Sache selbst. Und doch drückt er plötzlich doch etwas Richtiges aus. „Voll romantisch“ war die zweite Serenade im Rahmen der Heidelberger Schlossfestspiele zwischen den großartigen Prunkfassaden des Schlosses, die sich ausnehmen wie ein architektonisches Potpourri von der Renaissance bis zur Romantik. Doch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg spielte unter der sensiblen Leitung von Christoph Spering Werke der (Wiener) Klassik und nur ein Oeuvre der Frühromantik. Auf dem Programm standen Beethovens Ouvertüre zu Shakespeares Tragödie des von inneren Konflikten zerriebenen „Coriolanus“, Haydns Konzert für Horn und Orchester Nr. 1 in D-Dur und schließlich Felix Mendelssohn Bartholdys gleichermaßen bekannte und beliebte Symphonie Nr. 4, A-Dur, op. 90, genannt „Die Italienische“. Dass das Orchester die Werke gewissermaßen hintereinanderweg spielte, war der Tatsache geschuldet, dass das Schloss am selben Abend noch mit der traditionellen Schlossbeleuchtung zu märchenhaft verwunschenem Leben erweckt werden sollte. Was den Musikgenuss freilich nicht hinderte, sondern im Gegenteil vielleicht sogar noch steigerte. Denn in der Geschlossenheit dieser musikalischen Einheit schmiedete Dirigent Christoph Spering mit seiner grazilintensiven, zartkraftvollen Gestik die Philharmoniker zu einem Klangkörper zusammen, in dem jeder auf jeden hörte. So wurde auch der feinste klangliche Laut einer Stimme über oder neben den anderen Instrumenten hörbar. Die Querflöte konnte sich auf federleichten Flügeln über die Streicher erheben und in luftigster Höhe tirilierend brillieren. In Haydns Hornkonzert mochten sich die Streicher nicht minder als das Solohorn – gespielt von Nachwuchstalent Renate Hupka –, in das Gemüt der Hörer einschmeicheln. Das eine Mal hell, dann wieder dunkel, bald irrwitzig hoch, aber ebenso abgründig tief verflocht Hupka mit warmem, weichem Timbre die so ganz und gar unterschiedlichen, hochvirtuosen Hornsoli anmutig zu einem Ganzen, das durch seine feierliche Festlichkeit und seinen fröhlich beschwingten Unterton das Publikum in den Bann zog. Bei für eine Open-AirAufführung musikalisch vorteilhafteren Luftverhältnissen erblühte die „Italienische“ schließlich in symphonischer Dichte. Mit dem tänzerisch-feurigen vierten Satz, der einen neapolitanischen Springtanz nachahmt, entließen Dirigent und Orchester die Zuhörer in die Romantik des Augenblicks: Das bengalische Feuer im Schlosshof und das Feuerwerk über der Alten Brücke.
Astrid Mader, RNZ 13.07.09

1. Konzertmatinee - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE *05.07.09

Köstliche Rarität
Konzertmatinee der Heidelberger Schlossfestspiele – Solist: Heribert Eckert
„Einmal um die halbe Welt“ hieß es bei der 1. Konzertmatinee der Heidelberger Schlossfestspiele im Englischen Bau, und die Reise mit den Heidelberger Philharmonikern führte bei strahlendem Wetter über England, Italien, Deutschland nach Brasilien.
Begonnen wurde mit Ralph Vaughan Williams „Fantasia“ über ein Thema von Thomas Tallis. Ein sehnsuchtsvoller Blick der Spätromantik auf die Renaissance, ruhig atmend, üppig schwelgend musiziert. Timothy Schwarz am Pult wusste die Klänge zwischen Leidenschaft und Verinnerlichung schön auszupendeln, ließ es abwechselnd glühen und schweben. Der Englische Bau ist freilich eine wunderbare Kulisse für diesen Rahmen der Matinee-Reihe, doch bisweilen bimmelt was dazwischen.
Gute Tradition bei diesen Matineen ist es, dass sich einzelne Orchestermitglieder solistisch präsentieren. Diesmal musizierte der Klarinettist Heribert Eckert das Konzert für Bassetthorn und Orchester F-Dur von Alessandro Rolla, eine köstliche Rarität des komponierenden Geigenlehrers von Paganini. Lieblich-hingebungsvoll, mit farbenreich blühendem Ton, brachte Eckert ebenso viel innig zarte Gesanglichkeit wie entzückenden Charme in diese Musik. Sehr viel Humor entwickelte er dabei in tänzerisch tändelndem Dialog mit dem Orchester, bei genüsslich entspanntem Musizieren, und ebenso viel Witz transportierte er in den virtuos drehenden Pirouetten seines Soloparts.
Eher herb und sonor als süß im Klang und modulationsreich in den Farben der unterschiedlichen Register tönte das Bassetthorn: Mozart hätte an seinem Lieblingsinstrument und ebenso am Spiel von Eckert seine helle Freude gehabt.
Wagners „Siegfried-Idyll“ danach wurde zu einem wahren Idyll an wunderbar stillen und sublimen Farben und Nuancen. Timothy Schwarz, Dirigent und Studienleiter am Heidelberger Theater, ist ein Musiker, der Feinheiten und Stimmungen auszukosten versteht, der Klänge eingebungsvoll schweben lässt. Und die rubatoreichen Klänge der Philharmoniker atmeten, blühten, evozierten die schönste Waldesstimmung.
Der Brasilianer Claudio Santoro war in den 70er Jahren Professor für Komposition und Dirigieren an der Mannheimer Musikhochschule. Seine Streicher-Komposition „Ponteio“ huldigt einer brasilianischen Gitarrentechnik. Und diese ließen die Streicher in asymmetrischen Rhythmen lustvoll federn und vital auftanzen: Ein hedonistisches Stück Musik von südamerikanischer Lebensfreude, genau richtig für einen strahlenden Sonntagmittag.
Rainer Köhl, RNZ 07.07.09

Spanische Nacht - 1. Schlosskonzert - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE *27.06.09

Erinnerung an eine Sommernacht
Heidelberger Schlossfestspiele: Glinka, Lalo, Elgar und Rimski-Korsakow mit iberischen Werken bei der „Spanische Nacht“
Spanien, das Land der lauen Sommernächte, der leidenschaftlichen Stierkämpfe und der temperamentvollen Tänze, Spanien fasziniert die Menschheit nicht erst, seit sie in einem beispiellosen aeroflotten Kraftakt die alte Welt aus Stadt-Land-Fluss zu einem globalen Dorf zusammengeschrumpft hat. So verbindet europäische Komponisten seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Spanien und seiner rassig-rhapsodischen Musik eine „entente cordiale“, die sich seit Michail Glinkas Fantasie „Erinnerung an eine Sommernacht in Madrid“ konsequent durch die Musikgeschichte zog.
Davon legte die „Spanische Nacht“ des Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg unter der Leitung von Dietger Holm im Rahmen der Schlossfestspiele ein beeindruckendes Zeugnis ab. Beeindrucken musste die Vorstellung vor allem deshalb, weil dem Orchester mit der Aufführung von Eduard Lalos berühmter „Symphonie espagnole“ op. 21 ein Griff in die Sterne gelang, der nicht unbedingt vorherzusehen war.
Nachdem die ursprünglich für das fünfsätzige Violinkonzert vorgesehene Solistin ihren Part kurzfristig abgesagt hatte, sprang die 24-jährige Geigerin Simone Lamsma für sie ein: Ein echter Glücksgriff, denn Lamsma spielte nicht nur bereits in frühester Jugend solistisch unter Größen wie Sir Neville Marriner und Yehudi Menuhin. Sie besitzt auch eine sagenhafte künstlerische Begabung. Nicht nur die melodiösen Passagen zwischen den fliegenden Wechseln von hohen und tiefen Lagen erklangen inwarmen, vollen Tönen. Auch scharf rhythmisierte und virtuoseste Scharnierstellen besaßen eine dynamisch exakte, voluminöse Fülle, die nur über die hervorragende Bogentechnik staunen ließ.
Das Orchester brillierte, angeführt von einer Geigerin, die die melodiösen Passagen förmlich aufblühen und die höchsten Triller vogelgleich zwitschern ließ, in exzeptionell ausgewogener Dynamik.
So gelangen Sternstunden, die sich in den Vortrag von Edward Elgars Oerchestersuite über Themen seiner unvollendeter Oper „The Spanish Lady“ und Nikolai Rimski-Korsakows „Capriccio espagnol“ in den klaren Nachthimmel hinein fortsetzten.
Sicherlich ist ein gewisser Deutungsspielraum zu der Frage gegeben, wie spanisch gerade Elgars „Spanish Lady“ wirklich klingt. Das konnte aber dem Musikgenuss keinen Abbruch tun, der sich nach der gelungenen Aufführung unweigerlich einstellte.
Astrid Mader, RNZ, 30.06.09

Spanien aus Sicht der Touristenschar
Heidelberger Schlossfestspiele: Philharmoniker reisen gen Süden
Spanien war wohl immer schon ein Urlaubsland, gerade auch für Komponisten. Und so kann das erste Heidelberger Schlosskonzert in diesem Jahr die Pointe setzen, lauter "spanische" Musik zu bringen, die von Nicht-Spaniern geschrieben wurde (nur die Zugabe fällt aus der Reihe, Manuel de Fallas "Feuertanz"). Nicht immer ist der Grad der Einfühlung, die Spanien-Liebe groß: Landjunker Edward Elgar etwa schätzte allenfalls den Sherry, den er vor dem Dinner schlürfte. Seine "Spanish Lady Suite" für Streicher tönt gestelzt und förmlich. In der Schluss-Bourrée barockisiert sie gar, und gestriger konnte Musik im Jahre 1934 schwerlich klingen.
Doch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg entlockt ihr unter Dietger Holm eine gewisse schwermütige Schönheit. Im Adagio liegt das Empire - das spanische oder das englische, es ist egal - in mildem Herbstlicht, und der Streicherapparat fühlt sich auch sonst warm und elastisch an. So haben Stücke von nicht immer höchstem Rang doch ihre individuelle Note: In Michail Glinkas tönender "Erinnerung an eine Sommernacht in Madrid" stellt Holm keinen kompakten Open-Air-Sound in den Schlosshof, sondern legt das Klangbild duftig-luftig an, wobei die guten Bläser fast sektiererisch auf ihrer Eigenständigkeit beharren.
Beiläufig gezeigte Virtuosität
In der "Symphonie espagnole" von Edouard Lalo, die eigentlich das zweite Violinkonzert des Komponisten ist, besticht Simone Lamsma mit fein ausphrasiertem Sehnsuchtston. Neben der selbstverständlich und fast beiläufig gezeigten Virtuosität geben sich nachdenkliche, dunklere Facetten zu erkennen. Es ist nicht allein die Höflichkeit des Gastgebers, wenn Dietger Holm der 24 Jahre alten Niederländerin eine Karriere auf den internationalen Podien prophezeit. Er selbst poliert die "reine Oberfläche" im "Capriccio espagnol" Nikolai Rimski-Korsakows. Und im Orchester zeigen viele Stimmführer, dass sie ihr Instrument beherrschen.
Hans-Günter Fischer, Mannheimer Morgen, 30. 06. 2009


Der Liebestrank - HEIDELBERGER SCHLOSSFESTSPIELE *26.06.09

Nur einer hat den passenden Schlüssel
Es geht ums pure Eine, und Sebastian Geyer spielt und singt alles wundervoll aus. Wenn er als entscheidendes Hochzeitsangebot schließlich eine schäumende Piccolo(!)-Sektflasche aus seiner Unterhose holt, zur vollen Gänze [...]. Das Stück bietet viele solche übersprudelnde Pointen: Rechi nützt sie reichlich, vor allem im ersten Akt. Sein ergiebigster Szeneneinfall ist allerdings die Handschellen-Nummer, die in beiden Akten Menschen aneinander kettet und die Suche nach dem passenden Schlüssel zum running gag durchs ganze Stück werden lässt.
Die anrührendsten (und berühmtesten) Arien sind hier zu hören, wenn das grelle Treiben still steht und die Liebesberauschten im Wald der riesigen goldenen Sektkelche (Bühne: Alfons Flores) wieder zu sich selbst kommen – und ihre Liebe finden. Maraile Lichdi (Adina) und Emilio Pons (Nemorino) haben da ihre großen sängerischen Momente. Ihre Stimmen entführen in Seelengründe und bezaubern das Publikum [...]. Die flexible, koloraturensichere Sopranistin in ihrer letzten Dienst-Rolle am Heidelberger Haus (wie sein Lehrer [Calixto Bieito] weiß Rechi die Gesamgsgirlanden meist sexuell zu konnotieren) und der leichte und unangestrengt singende Tenor verwandeln die Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Melancholie, Glück und Enttäuschung in wundervoll lyrische Sangeskunst.
Rhein-Neckar Zeitung, Matthias Roth, 29.06.09

Schrilles Spaßtheater
Aus jedem Chorsänger, jedem Statisten macht der Regisseur ein Rädchen im Getriebe seiner Inszenierung, und die beiden Zeitlupen-Sequenzen sind fast besser als im Fernsehen.
Den größten Single-Hit des Stücks (in diesem Umfeld passt der Pop-Jargon), "Una furtiva lagrima", erhebt Emilio Pons zu schmelzender Belcanto-Hochkultur, die Träne bleibt diskret im Knopfloch.
Maraile Lichdi ist in ihrer letzten großen Heidelberger Rolle stimmlich sehr präsent, erreicht selbst im Piano alle Schlosshof-Winkel. Annika Ritlewski als Giannetta debütiert - vokal wie optisch eine vielversprechende Erscheinung. Gabriel Urrutia Benet und Sebastian Geyer sind als Doktor und Soldat noch reine Buffa-Charaktere, was sie, wenn die rauen Männerkehlen auch mal stottern, bis zur Parodie ausreizen.
Mannheimer Morgen, 29.06.09

8. Philharmonisches Konzert *10.06.09 und Junges Konzert *14.06.09

Das Experiment ist geglückt
6. Familienkonzert erfolgreich
Die Neugierde war groß. Wie würde Cornelius Meister, Heidelbergs ebenso seriöser wie quirlig-genialer GMD, diese Veranstaltung anlegen? Man musste nicht lange rätseln. Das als 6. Familienkonzert angekündigte „Junge Konzert“ (dies kein glücklich gewählter Titel), eine abgespeckte Fassung des letzten Philharmonischen Konzerts (vgl. Kritik vom12. Juni), kam genauso daher wie das umjubelte Ereignis vier Tage zuvor. Es gab keine Ansprache an die lieben Kleinen, keine Erläuterungen. Die Kinder durften sich ernst genommen fühlen. Die Mehrheit von ihnen stammt vermutlich aus Familien, in denen klassische Musik gepflegt und wohl auch selbst musiziert wird.
Es war erstaunlich ruhig in der gut besetzten Stadthalle, in der man auch viele Besucher unter zehn Jahren mit Eltern oder Großeltern sah, und auch der jäh aufschreiende Säugling fehlte nicht, wurde dann aber doch hinausgetragen. Auch zahlreiche Erwachsene ohne jugendlichen Anhang wurden gesichtet, die vielleicht das 8. Philharmonische Konzert versäumt hatten.
Es war wie am Mittwoch zuvor. Der jordanische Komponist für Heidelberg Sead Haddad heimste für die wiederholte Uraufführung von „Rebirth & Estrangements“, bei dem Groß und Klein aufmerksam lauschte, viel Applaus ein, obwohl manche erwartet hatten, dass das Heidelberger Auftragswerk aufgrund seiner zeitgenössischen Tonsprache den jungen Zuhörern vielleicht nicht so problemlos ins Ohr gehen würde wie Beethovens saft- und kraftvolles 1. Klavierkonzert, bei dessen Präsentation Cornelius Meister, Dirigent und Solist zugleich, wahre Wunderdinge vollbrachte.
Sein elastischer Drive, mit dem er vom Flügel hochsprang, um zu dirigieren und gleich wieder zu seinem Instrument zurückkehrte, um es weiter mit stupender Geläufigkeit zu traktieren, wirkte sich einmal mehr stimulierend aufs Orchester aus und begeisterte auch das sonntagvormittägliche Stadthallenpublikum, dem das nachhaltig im Ohr haftende Allegro scherzando – der letzte Teil des Satzes wurde aufgrund des starken Beifalls wiederholt – lange Zeit nicht aus dem Kopf gehen wird. Wie bei der ersten Aufführung des Konzerts gab es auch wieder Blumen für Saed Haddad und den Maestro, und nach intensivem Klatschen gingen alle beschwingt von dannen. Wer vorher skeptisch war, ob es wohl gut gehen werde, eine junge Hörerschar so ungefiltert mit einem klassischen Konzert zu konfrontieren, kann zufrieden aufatmen.
Das Experiment ist geglückt.
Rhein-Neckar-Zeitung, Heide Seele, 15.06.09

Ohne Weihrauch und falsche Ekstase
Enthusiastischer Applaus: In der Heidelberger Stadthalle zeigte Cornelius Meister den umtriebigen und heiteren Beethoven  
„Verfluchter Domanowetz, Fressgraf, Dineen-Graf, Soupeen-Graf“ nannte Beethoven den Grafen von Zmeskall, und den Diabelli schimpfte er „Diabolus“. Einer Dame der High Society, die sich von ihm eine Locke wünschte, schickte er ein Haarbüschel eines Ziegenbocks. Dieser Heros war voller Gift, Galle, Humor und Witz. In Deutschland wird er manchmal noch immer verehrt wie eine Kuh in Indien und gespielt mit viel Pathos, weinenden Augen und grimmigen Gebärden.
Und nun springt da ein junger Tasten-Donnerblitzbub aufs Podium und spielt das virtuose C-Dur Klavierkonzert (Nr. 1 – in Wirklichkeit aber 3) ohne Weihrauch und falsche Ekstase. Cornelius Meister ließ Beethovens Humor wiederauferstehen. Mit unbeugsamem Temperament zwischen Lyrik und Dramatik eilte er durch den ersten Satz und spielte eine grandiose Kadenz, die er sehr wahrscheinlich selbst erfand. Kühne Agogik bewunderte man im langsamen und nahezu tänzerische Raserei im Finalsatz.
Jeder Ton war echt, glaubwürdig und Signal einer überragenden Musikalität. Cornelius Meister kennt kein Schmusen, kein aufgesetztes Pathos. Seine Interpretation erweckt jenen Beethoven, den man lange Zeit nicht erkannte: den umtriebigen heiteren Beethoven. Und das Allerschönste ist: Meister verzichtet auf einen Dirigenten, weil er möchte, dass sein Orchester ebenso lebendig spielt wie er selbst.
Diese Konstellation hat einen großen Vorteil. Gewöhnlich müssen die Solisten, während das Orchester Vorspiele und Intermezzi spielt, in all ihrer Tasteneinsamkeit und Verlegenheit darauf warten, bis der Herr Taktschläger grünes Licht gibt. Da sitzen sie nun und tun so als ob, bewegen ihre Köpfe hin und her wie Wackeldackel oder lugen verschämt ins Publikum. Meister vermied die Peinlichkeit und füllte die pianistischen Arbeitspausen mit eigenem Dirigieren. Das geht meistens daneben. Bei Meister hat es funktioniert. Ihm und dem inspirierten Orchester gelangen bemerkenswerte Homogenität und musikantische Atmosphäre.
Die Uraufführung der Orchesterstudie „Rebirth & Estrangements“ von Saed Haddad, dem Composer in Residence 2008/09, gab einige Rätsel auf. Das kompakte, gerade mal 12 Minuten dauernde Stück – ein Auftragswerk des Theaters und des philharmonischen Orchesters – hat einen philosophischen Hintergrund.
Nur wer in der Lage sei, sich zeitweilig von allen äußerlichen Traditionen und gesellschaftlichen Riten zu trennen, könne sein wirkliches, im dunklen Bewusstseinskeller schlummerndes Ich entdecken, glaubt Haddad. Das wiedergeborene Ich entlarvt Trivialitäten und oberflächliche Scheinkultur. Mensch, werde wesentlich, heißt die Devise. Das Stück hat drei Blöcke, die jeweils traditionell beginnen, sich aber peu a peu der gewohnten Tonalität entfremden und sich lautem und kreativem Chaos ausliefern. Den Explosionen folgen Stille und wundervoll geheimnisvolle Kantilenen der Holzbläser. Das Stück ist so etwas wie ein hermeneutischer Zirkel. Tonalität wird sich ihrer Würde bewusst.
Und was sagt man, respektive schreibt man über Tschaikowskys fünfte Sinfonie? Die „Fünfte“ ist noch immer ein beliebter Sinfo-Hit und anfällig für Rumsbums, bläserisches Röhren und streicherische Brunft. Dazu sollte man sich bekennen und nicht geizen. Cornelius Meister gelang plausible dynamische Balance, den Blech- und Holzbläsern mitreißende Kantabilität und den Streichern expressives Jubeln oder Klagen. Meister könnte man einen Monsieur Oxymoron nennen.
In seiner Lesart der Fünften gab es bittere Süße und dem Tode geweihtes Leben. Meister ist ein Meister spannender Entspannung. Energischen Auftrieben zum Fortefortefortefortissimo folgten resignierende Abstiege ins Wiesental der Schönheit und Friedfertigkeit. Die Leistungen der Orchestermusiker waren überragend und die Hände der Konzertbesucher wund nach dem langen Applaus. 
Gerd Kowa, RNZ, 12.06.09

Wallenstein *23.05.09

Dieser Wallenstein könnte auch Chef der Porsche AG sein
Martin Nimz gelingt mit Schillers großem dramatischen Gedicht und dem Heidelberger Ensemble ein Regie-Coup – Gespielt wird im Saal der Kirchheimer Goldenen Rose
Von Volker Oesterreich, Rhein-Neckar-Zeitung

Vor Friedrich Schillers selten gespielter „Wallenstein“ -Trilogie haben die Theaterleute ebenso großen Respekt wie die Zuschauer. Gilt es doch, mit diesem 1798/99 in drei Etappen uraufgeführten „Dramatischen Gedicht“ einen Achttausender der Weltliteratur zu bezwingen. Und jeder weiß: Ganz oben wird die Luft verdammt dünn. Kein Problem für den Regisseur Martin Nimz, der in seinen bisherigen Heidelberger Klassiker-Inszenierungen schon immer ungewöhnliche Wege genutzt hat, um ans Ziel zu kommen.
Auch diesmal kommt er ohne Sauerstoffgerät aus, dafür sichert er sich mit den reißfesten Seilzügen seiner inszenatorischen Fantasie ab. Vor maximal 115 Zuschauern lässt Nimz das monumentale Werk über den trickreich taktierenden Feldherren des Dreißigjährigen Krieges im Veranstaltungssaal der „Goldenen Rose“ in Kirchheim aufführen. Immer dicht dran am Geschehen, gewinnt man an diesem Ort rasch den Eindruck, einem exklusiven Zirkel anzugehören.
Doch zunächst werden wir bei „Wallensteins Lager“ mit einer mühseligen Kunstanstrengung irritiert, erst dann, bei den „Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“, folgt die staunende Faszination. Zu Beginn des fast fünfstündigen Schiller-Spektakels leiert eine Regie-Assistentin den Prolog bewusst laienhaft vom Blatt herunter. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, was dieser Dilettantismus soll. Es folgt der zweite Überraschungsmoment, und wieder kratzen wir uns am Kopf, wenn das an Tischen im Saal sitzende Publikum den kopierten Text von „Wallensteins Lager“ in der Fassung von Heiner Müller erhält. Nun sind wir selbst die Laien. Wir sollen uns Zeit lassen beim Lesen und unbedingt auch die erläuternden Fußnoten beachten, heißt es. Wer eine Lesebrille benötige, dem könne geholfen werden. Verwundertes Kichern, dann schweigende Konzentration. Nur raschelndes Papier ist gut 40 Minuten lang bis zur ersten Pause zu hören, hier und da schweres Atmen, ein Hüsteln oder kurzes Tuscheln. Es herrscht eine Arbeitsatmosphäre wie im Lesesaal einer Bibliothek.
Auf diese Weise nimmt uns Martin Nimz gefangen. Er zeigt uns, dass zunächst alle etwas laienhaft straucheln (wie die Regie-Assistentin) und mühsam Fußnoten entziffern (wie Erstsemester im germanistischen Proseminar), wenn sie sich „Wallenstein“ erarbeiten. Aber der Regisseur erzeugt dadurch auch eine innere Ruhe, die uns empfänglich macht für die Sogwirkung der dann folgenden Schiller’schen Jamben, die uns in eine Welt der kriegerischen Finessen, der verzweifelten Liebe und des kalkulierten Verrats entführen.
Heiner Müllers Strichfassung entstand 1985 für eine „Wallenstein“ -Inszenierung am Berliner Schiller-Theater. Müller hat klug gekürzt, ohne dabei Schillers dramaturgische Statik zu gefährden. Dass sich der 1995 gestorbene Dramatiker überhaupt auf diesen Text seines großen Vorgängers eingelassen hat, liegt an Müllers rabenschwarzem Geschichtsfatalismus und seinem immensen Interesse am Themenkomplex Krieg und Verrat.
Bei den „Piccolomini“ sitzen die in den Saal zurückgekehrten Zuschauer immer noch an den großen Tischen, so als gehörten sie zu Wallensteins Heerlager. Gespielt wird auf zwei Podesten an der Fensterfront und einem weiteren an der gegenüberliegenden Wand (Raumgestaltung: Bernd Schneider). Man ist mittendrin beim Wortgefecht darüber, ob Wallenstein noch immer treu an der Seite der katholischen Liga des Kaisers steht, ob er schon heimlich mit den schwedischen Invasionstruppen paktiert und wie sich sein hin- und hergerissener Generalstab dazu verhalten soll. Das vielköpfige Ensemble zieht sofort das ganze Interesse auf sich, es macht die Verse transparent, meistert rasende Gefühlsausbrüche ebenso gekonnt wie die stillen, nachdenklichen Momente. Während die meisten Militärs in dezenten Uniformjacken stecken, zeigt sich der souverän agierende Frank Wiegard als Stratege im Nadelstreifen-Anzug (Kostüme: Cornelia Brückner, Katja Turtl und Bernd Schneider). Er vertraut beim Kampf um den Machterhalt auf die Einflüsterungen seines Astrologen Seni (Stephanie Gossger) und neigt wie ein zweiter Hamlet zum nachdenklichen Zaudern. Welches Geschacher um ihn herum geschieht, angetrieben von seinem heimlichen Konkurrenten Octavio Piccolomini (schön eisig: Axel Sichrovsky), will Wallenstein lange nicht wahrhaben. Zwischen den Interessenssphären und den Machenschaften der ängstlichen Überläufer wird der Kriegsheld zerrieben wie Wendelin Wiedeking von der Porsche AG bei der hoch spekulativen Übernahmeschlacht um den VW-Konzern. Die Parallelen sind näher, als man zunächst denken mag, da bei Wallenstein wie bei Porsche nicht nur die große Strategie, sondern auch familiäre Konflikte eine bedeutende Rolle spielen.
„Wallensteins Tod“ inszeniert Martin Nimz wie einen Totentanz. Gestärkt durchs Essen im Biergarten während der zweiten Pause, kehrt das Publikum erneut in den Saal zurück. Nun sitzt man auf hufeisenförmig angeordneten Podesten am Rand des Ballsaals. Wallenstein verharrt wie ein Fixstern im Zentrum, während die Intriganten, Opportunisten, Verräter und schließlich auch die Mörder um ihn herum tanzen, lügen, wüten, streiten, kuppeln (so wie Gräfin Terzky, gespielt von Ute Baggeröhr) oder auch vergeblich lieben (so wie das Paar Max Piccolomini und Thekla, gespielt von Paul Grill und Jennifer Sabel). Daniel Stock verausgabt sich schweißtreibend und hält als Illo bis zum tödlichen Finale zu seinem Idol Wallenstein, aber auch all die anderen Ensemble-Mitglieder tragen ihren Teil dazu bei, aus dieser Produktion zum Schiller-Jahr 2009 ein sinnlich-kulinarisches, sowohl künstlerisch wie auch intellektuell ansprechendes Großereignis zu machen. Kurz vor Mitternacht haben alle den Achttausender bezwungen, auch das Publikum. Gratulation!

Schauspiel: Heidelbergs Stadttheater spielt Schillers „Wallenstein“ an einem ungewöhnlichen Ort
Einsam in den Untergang
Von unserem Mitarbeiter Alfred Huber

Mit Speck fängt man Mäuse und mit einem guten Essen die Zuschauer. So oder ähnlich mögen vielleicht die Verantwortlichen des Heidelberger Theaters gedacht haben, als sie ihre „Wallenstein“-Premiere in die „Goldene Rose“ nach Kirchheim verlegten, um dort allerdings keine lästigen Nager, sondern ein erwartungsvoll gestimmtes Publikum zu empfangen. Etwa 120 Besucher hatten sich im Festsaal an den langen Tischen eingefunden, um der Dinge zu harren, die in solch ungewohnter Umgebung kulinarisch und dramatisch auf sie zukommen würden.
Der Auftakt war allerdings bescheiden. Denn Pia Donkel las zu schnell, in schluderigem Ton und mit bisweilen stockender Stimme jenen berühmten Prolog, in dem Schiller am Ende leichtfertig verkündet, dass das Leben ernst und die Kunst heiter sei. Nun ja! Anschließend verteilten Schauspieler den Text von „Wallensteins Lager“ mit der strengen Ermahnung, ihn „ruhig und konzentriert“ zu lesen. Eine Idee, die einst Heiner Müller hatte, als er 1984/85 für das Berliner Schillertheater eine dramaturgische Fassung erarbeitete, die dem Regisseur Martin Nimz jetzt für seine Heidelberger Aufführung als Spielvorlage diente.
Entwerfen von Figuren
Vermutlich eine Notlösung. Denn die im Programm abgedruckte Beschreibung der Inszenierung weicht gerade hier erheblich von dem ab, was dem Zuschauer nun geboten wird: Flüstertöne und das gelegentliche Rascheln beim Umblättern der Seiten. Später, nach der ersten Pause, haben Bühnentechniker den Raum in kleine Spielstätten verwandelt, in Orte, auf und vor denen die Schauspieler beweisen können, weshalb sie diese Berufsbezeichnung tragen. Auch Martin Nimz vertraut nun weniger den wunderbaren Fügungen seiner Einfälle, sondern zeigt gelegentlich, dass er sein Handwerk durchaus beherrscht, wenn es gilt, mit eindringlichen Strichen Figuren zu entwerfen, deren einzige Legitimation die Macht zu sein scheint.
Obwohl Frank Wiegard als Wallenstein im feinen Nadelstreifen mit dunkler Weste und blauer Krawatte nicht gerade an einen kampferprobten Haudegen erinnert, dessen charismatische Ausstrahlung alle magisch in ihren Bann zieht. Sein mitunter etwas starrer Blick durch die großrandige Brille lässt eher an die penible Weltsicht eines Oberbuchhalters denken, der sein persönliches wie militärisches Personal fanatisch über die Zustände des Sternenhimmels zu informieren pflegt.
Jedenfalls mag man kaum glauben, dass seine letzten Getreuen, Graf Terzky und Feldmarschall Illo, großartig gespielt von Tim Knapper und Daniel Stock, ihm beinahe todessüchtig in den Untergang folgen. Beeindruckend auch, was Klaus Cofalka-Adami als Butler in seiner Wende vom solidarischen Anhänger zum erbitterten Feind Wallensteins an feinen Zwischentönen zu vermitteln weiß. Etwas blass hingegen wirkt Schillers idealistisches Liebespaar Thekla (Jennifer Sabel) und Max Piccolomini (Paul Grill). Ihr Aufstand gegen eine Welt, in der Loyalität alles und die Sprache des Herzens fast nichts bedeutet, überzeugt selten.
Im letzten Teil, nach dem „großen Fressen“ im Biergarten, hat Ute Baggeröhr als Gräfin Terzky einen starken Auftritt. Sie, die als große Liebende wahnhaft-unbeirrt ihren Weg geht, wird zum Zentrum dynamischer Impulse, deren Energien inszenatorisch plötzlich ausgreifender und zwingender anmuten als in etlichen Szenen zuvor.
Nur schade, dass Nimz, der in seiner Heidelberger „Nibelungen“-Aufführung vor einem Jahr das Abschlachten der Burgunder in eine grandiose Choreografie übersetzte, solche aufregenden Momente rasch wieder verwässert. Zumal, wenn er mit viel Musik und ein paar harmlosen, oft albernen Bewegungsabläufen dem auszuweichen versucht, was den Abend hätte retten können: einem klaren Konzept.
Mannheimer Morgen, 25. Mai 2009


Verstehen Sie Schiller?
Martin Nimz, Schillers „Wallenstein“ und die Kirchheimer „Goldene Rose“
Von Jürgen Berger

Dieses Jahr hätte Schiller seinen 250.Geburtstag gefeiert, Heiner Müller wäre 80 geworden. Alleine das scheint Grund genug, den gesamten „Wallenstein“ an einem Abend und in einer Einrichtung Müllers zu zeigen. Das bemerkenswerte an der Heidelberger Inszenierung rund um Macht und Staatsräson im Dreißigjährigen Krieg ist allerdings die „Goldene Rose“ in Kirchheim.
Würde man die drei Teile des „Wallenstein“ vollständig und mit zwei Pausen zeigen, käme man bei einem Abend von acht bis neun Stunden an. Interessant wäre das insofern, als all die, die vorgeben, „Wallenstein“ zu kennen, endlich all die Stellen kennen lernen müssten, die Schiller mit etwas Abstand wohl selbst verworfen hätte: Den gesamten ersten Teil im Heerlager von Pilsen etwa, über den auch eingefleischte Schillerianer gnädig hinweg sehen. Mit dem Wallenstein platzierte Schiller einen Warlord, der die Gesetze der Staatsraison ignoriert und sich, sobald er mit den Feinden seines Kaisers kungelt, in den Fallstricken des eigenen Machtspiels verfängt. Martin Nimz nun, der Heidelberger Theatermann für die ins historische Gemüt eingreifenden Stoffe, hat sich zuerst einmal mit Pasquale diMauro verbündet.
Der ist Wirt der Kirchheimer „Goldenen Rose“, an der der Heidelberger in der Regel achtlos vorbei geht. Dass die Gaststätte einen Theaterraum birgt, weiß er inzwischen allerdings ziemlich nachhaltig, weil er in der „Wallenstein“ – Premiere zuerst einmal die leicht gekürzte Müller-Fassung von „Wallensteins Lager“ lesen soll, als sei er Schüler und zur Schiller-Besinnung verdonnert. Der Clou: Das Publikum macht das tatsächlich ganz brav mit und fragt sich nicht, ob es aufgrund eines Regieunfalls unter Umständen Lückenbüßer ist. Okay, das hat schon was, wenn vermeintliche Adepten der Texttreue zuerst einmal treu Text lesen müssen. Im Programmheft allerdings sind die Heidelberger Schauspieler noch mit Rollennamen ausgewiesen, in der Premiere allerdings stehen sie nur noch als Aufsichtspersonal einer Abiprüfung rum.
Nimz scheiterte in Heidelberg an Kleists „Kohlhaas“ und triumphierte mit Hebbels „Nibelungen“. Jetzt hat er wie alle Regisseure das Problem, dass Wallenstein lange ein Gespenst bleibt und es auch im zweiten Teil „Die Piccolomini“ zuerst einmal nur um die Ränke der Generäle, um Loyalitäten, Positionierungen und Befindlichkeiten geht. Also kommt es in der „Goldenen Rose“ zur einer fortgeschrittenen Schiller-Lesung. Feldmarschall Illo (Daniel Stock, gewohnt präsent) und die anderen Krieger spielen auf kleinen Spielflächen direkt vor den Zuschauern, die ihr Bierchen schlürfen, während der Schillertext rasend schnell absolviert wird. Auch das hat insofern was, als Nimz den Text ganz einfach Text sein lässt. Problematisch wird es, sobald doch Regie ins Spiel kommt und Jennifer Sabel als Wallenstein-Tochter Thekla den schon früh antizipierten Schmerz angesichts der Unmöglichkeit ihrer Liebe zu Max Piccolomini (Paul Grill, jugendlich versponnen bis heftig) mit Geschrammel auf der E-Gitarre und gehauchter Melancholie Nachdruck verleiht.
Was aus dem Ganzen hätte werden können, sieht man, sobald Kriegsrat von Questenberg (Hendrik Pape als Staatsdiener an sich) auftaucht oder Gräfin Terzky (Ute Baggeröhr, überzeugend intelligent) die Nichte Thekla erziehen will und mit ihrer Schwester, der Herzogin (Antonia Mohr, überzeugend düster), um die Wette kreischt. Dann ist wieder „Warten auf Wallenstein“ angesagt, bis der in Richtung des eigenen Todes wandert und die Zuschauer in Reihen rings um die Spielfläche sitzen. Da ist Frank Wiegard ein Generalissmus im Zentrum einer sich auflösenden Machtkonstellation und akzentuiert den pedantischen Bürokraten, der, kommt es ganz dicke, Würfelzucker lutscht. Nach nahezu sechs Stunden tanzen eine Tänzerin und ein Tänzer den güldenen Wallenstein dann endlich in den Tod und ist das Heidelberger Schauspiel mit dem Kirchheimer Spielort der selbst ernannten Schillermetropole Mannheim räumlich schon mal etwas näher gerückt.

Drei Wünsche *26.04.09

Im Wartesaal zum großen Glück
Zum Glück sorgen Bohuslav Martinus Musik und das von Dada und Surrealismus geprägte Libretto für eine ausgesprochen unterhaltsame Travestie der Krise: Die Suche nach dem großen Glück und das Scheitern des Materialismus geben sich hier als muntere Revue mit gleich mehreren doppelten Böden. Live erleben wir Ehekrach und -bruch, sehen ein mit Gold beladenes Schiff sinken. Die Gesellschaft strandet auf einem verlassenen Eiland, wird dort von einem Josephine-Baker-Verschnitt begrüßt („Oh, da ist ja jemand auf der einsamen Insel!“), und am Ende weiß zwar jeder, dass Geld allein nicht glücklich macht, aber ansonsten ist eigentlich gar nichts klar.
Dazu lässt das Philharmonische OrchesterHeidelberg, das Dietger Holm zu viel Präzision und Durchsichtigkeit anhält, Foxtrott, Ragtime, Tango und Shimmy wiederaufleben, und es zelebriert förmlich Martinus Spielchen mit Formen, Klangfarben und Gattungen der Musikgeschichte wie auch sein virtuoses Vagieren zwischen Wahrhaftigkeit und Parodie.
Dem Regisseur Holger Müller-Brandes und dem Videokünstler Chris Kondek gelingen zum vielfach verwobenen Beziehungsgeflecht von Schein und Sein auch deshalb immer wieder schöne, ja oft richtig lustige Bühnen- und Filmszenen, weil die beteiligten Sänger – exzellent wieder: der Bariton Sebastian Geyer und die Sopranistin Jana Kurucová – in ihre Rollen spürbar aufgehen. Da macht das Zuschauen und Zuhören Spaß – so bewegt und befeuert wie nach der letzten Premiere des Heidelberger Theaters vor dem geplanten langen Umbau war man nach einer Oper lange nicht mehr.
(Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten, 28.04.09)

Das Schiff aus Gold versinkt im Ozean der Krise
Die schönsten Szenen auf der Bühne bilden den Beginn des zweiten Teils nach der Pause: Das Schiff aus Gold ist gesunken – die Krise! – und die Insassen landen auf einer einsamen Insel. Vor dem heruntergelassenen Eisernen Vorhang, auf den wunderbar fließend die Wellen des Ozeans projiziert sind, singen zuerst Rosemara Ribeiro als kannibalistisch veranlagte, liebeshungrige Inselbewohnerin Dinah (eine herrliche Josephine-Baker-Parodie) und dann Jana Kurucová als Bettlerin je ein wundervolles Couplet. Das ist bezaubernd, hat Charme und Witz und wird vor allem großartig gesungen. Auch Emilio Pons als Adolphe und Sebastian Geyer als Monsieur Juste sind beteiligt. Dieses Heidelberger Quartett wird man nur noch in dieser Produktion so hören können, denn die ebenso kultiviert singende wie klangschön artikulierende Mezzosopranistin Kurucová geht schon im Herbst nach Berlin und der stattliche Bariton Sebastian Geyer wechselt 2010 nach Frankfurt.
Maraile Lichdi als quirlig exzentrische Indolenda und Carolyn Frank als Fee Null – Marlene Dietrich stand hier Pate – sowie das Männerquartett, bestehend aus Winfrid Mikus, Young Kyoung Won, Hubert Wild und Michael Zahn, und zahlreiche, gut besetzte kleinere Rollen – von denen allein Dagang Zhang drei übernahm – runden den heiteren, aber nicht minder leicht melancholischen Abend ab.
(Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 28.04.09)

Lachen gegen die Nachdenklichkeit
Regisseur Holger Müller-Brandes wirft eine wilde, etwas schrullige und nie zu Langatmigkeit neigende Inszenierung auf die Bühne, unterstützt von den animierten Video-Bildern Chris Kondeks, der mit transparenten Leinwänden und einem Video-Triptychon arbeitet. Der Haken: Das Surreale des Werks eignet sich nicht allzu sehr zur Konkretisierung der bitteren Realität. Andeutungen folgen auf Andeutungen. Das kann Kunst so machen. Doch am Ende unterhält man sich wieder einmal eine Spur zu gut, hat mehr zu lachen als nachzudenken.
Umso interessanter (und schräg) ist bisweilen die klingende Gratwanderung zwischen U- und E-Musik, die dem gut vorbereiteten Orchester unter Dietger Holm und den Sängern einiges abverlangt. Stimmlich am auffälligsten ist da Jana Kurucová (Eblouie) mit einem kultiviert geführten, warmen Mezzo-Ton, wobei sie es auch leichter hat als etwa Sebastian Geyer (M. Juste) oder Maraile Lichdi (Indolenda), die ständig zwischen Sprech- und verschiedenen Singstimmen wechseln müssen. Emilio Pons darf neben Tenorglanz auch sein komödiantisches Talent zum Ausdruck bringen, während sich Rosemara Ribeiro als Jessye-Norman-artige Dinah Bravos ersingt. Carolyn Frank als (falsche) Wünsche erfüllende Fee wirkt sehr abgehoben. Das muss so sein.
(Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen, 28.04.09)

Nina Hagen. Punk rockt Schlager *05.04.

So schön bunt hier
Ovationen für „Nina Hagen ...“ in Heidelberg

Schrilles Geschrei quillt aus dem Off auf die Bühne, der gemächlich vor sich hin Musizierende weiß genau, was ihm nun blüht: Schluss mit dem besinnlichen Geklampfe! Ab jetzt wird’s bunt! Monika Wiedemer und Gregor Schwellenbach wandelten bei der Premiere von „Nina Hagen. Punk rockt Schlager“ auf den Pfaden eines Paradiesvogels und machten aus der Städtischen Bühne Heidelberg einen verruchten Nachtclub der 80er Jahre.
Mit den ersten Schlagererfolgen in der DDR startet die musikalische Reise durch das Leben der Ausnahmeerscheinung. Doch Titel wie „Wir tanzen Tango“ langweilten Nina Hagen allzu schnell: Sie will Punk! „Punk?“ fragt die Ein-Mann-Band am Keyboard, „das geht nur mit Ausreiseantrag!“ Spätestens mit der Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft 1976 gab es für die Ost-Berlinerin und das Duo auf der pinkfarbenen Rampe kein Halten mehr.
Mit Liedern wie „Pank“oder „Fisch im Wasser“ verschwimmen endgültig die Grenzen zwischen dem wilden Vorbild und Monika Wiedemer, die ihr gesangliches Talent bereits in Produktionen wie „Dylan – The Times They Are A-Changin’“ und „Deutschland Porno Total“ unter Beweis stellte. Überdreht zeichnet sie die wirren Stationen, Fantasien und Exzesse nach, hüpft, kreischt und wirft sich auf der grellen Bühne von Stephanie Karl umher wie das Original selbst. Im Tutu und Vogelkäfig oder ganz unschuldig auf einer Schaukel aus Samt wissen auch die gefälligen Balladen wie „World now“ und „Tiere“ zu begeistern. Nach einem Ausflug zur Reggaemusik gibt es Bananen für’s Publikum und fluoreszierende Lichter für Nina: Die erste Ufo-Erscheinung feiert man gebührend mit „Frequenzkontrolle“.
Matthias Rott gelingt hier ein mitreißend-kurzweiliges Heidelberger Regie-Debüt. Nachgestellte Interview-Situationen erinnern an den ORF-Skandal und den Appell an die Bundeskanzlerin und lassen am Ende keine Zweifel mehr: Nina, ja du bist’s! Dich haben wir vernommen!

(Dennis Baranski, Mannheimer Morgen, 07.04.09)


Unbeschreiblich weiblich, tierisch außerirdisch
Partystimmung: „Nina Hagen. Punk rockt Schlager“ im Städtischen Theater Heidelberg – Monika Wiedemer in einer Glanzrolle

Wer früher Punk war oder es sein wollte ist heute vorbelastet. Denn wenn das Theater der Stadt Heidelberg es Monika Wiedemer und Gregor Schwellenbach gestattet, im Liedgut der Nina Hagen zu stöbern, kann man skeptisch oder nostalgisch zugleich werden. Niemals wegen der beiden, sondern wegen des Punk. Denn was so gut wie einst der Punk war, kehrt niemals wieder.
Und Nina Hagen war so ein Fall. Die Dame mit der mehroktavigen Stimme und ostdeutscher Vergangenheit mischte mit zwei, drei relevanten Platten die Szene auf und definierte vieles, was gemeinhin laute Musik sein wollte, neu: Berlin, Drogen, unbeschreiblich weiblich. Dann kamen das Chaos, die Medien und die Versenkung. Der großen deutschen Dame des Punk geht es hoffentlich gut, und wir alle senden herzliche Grüße.
Jetzt in unserem Theater: „Nina Hagen. Punk rockt Schlager“, Idee und Regie von Matthias Rott, Dramaturgie von Katharina Simmert, Ausstattung von Stephanie Karl. Vor allem aber singt Monika Wiedemer, und Gregor Schwellenbach macht die Musik dazu. Wiedemer allerdings macht nicht auf Nina Hagen und möchte es auch gar nicht, sondern sie bleibt blond und wirkt eher wie ein Madonna, die sich vernünftig ernährt und nicht zu viel Sport treibt. Gesanglich aber kommt sie der Person, deren Perücke hinter ihr auf einem Kleiderständer hängt, schon sehr nahe. Dazu hopst und animiert sie, dass man es mittun möchte.
Gregor Schwellenbach hilft die Elektronik. Er muss nicht ganz allein gegen die einst so exzellente Nina-Hagen-Band antreten oder spätere Studio-Musiker imitieren. Er experimentiert lieber und legt zu einem bekannten Nina-Hagen-Hit auch Bekanntes von Bob Marley oder Grandmaster Flash darüber, wie es ihm gerade so gefällt. Gitarre spielt er auch dazu, da fällt ihm aber nicht so sehr viel ein.
Ohne Biographie kommt die Revue wohl nicht aus. Also ein paar Bio-Häppchen hier und dort: Biermann und die Ausbürgerung, Masturbation im österreichischen Fernsehen, Ufos und Tierschutz, Spiritualismus und Religion, vor allem ich, ich, ich: Nina Hagen als Individuum.
Die Liedauswahl ist repräsentativ, Missratenes fehlt nicht, aber die Hits reißen es heraus und befriedigen die Fans. Wenn es groovt, kommen sie zum Höhepunkt, „New York, New York“ (schön mit Videos von Ralph Schanz unterlegt), „African Reggae“ oder „TV-Glotzer“. Man schämt sich, dass man nicht mitgesungen hat, man begreift, was man einst an diesen Songs hatte.
Fröhliches Juhu, viele Zugaben, Party-Stimmung, kein Punk.

(Franz Schneider, Rhein-Neckar-Zeitung, 07.04.09)

Dirty Rich Modderfocker der Dritte *27.03.2009

Krieg in der Sprache
Schauspiel – Ein denglischer Diktator: Am Heidelberger Stadttheater wird in Sebastian Schugs
Shakespeare-Inszenierung aus Richard III. der singende Egomane „Dirty Rich“

HEIDELBERG. Das Programmheft zu „Richard III.“ in Heidelberg kündigt für den Abend 162 vulgärsprachliche Vokabeln an. Nach fast drei Stunden hat man allerdings den Eindruck, dass die Statistik maßlos untertreibt, klingeln einem doch die Ohren vom Schimpf-Stakkato. Der Titel ist für empfindsame Gemüter ja schon Warnung genug: „Dirty Rich – Modderfocker der Dritte“ nennt sich der Abend, den der junge Hausregisseur Sebastian Schug nach der Fassung von Tom Lanoye und Luc Perceval eingerichtet hat.

Dieser König ist ein knittelnder Killer

„Dirty Rich“war 1999 in Salzburg nur ein Teil eines zwölfstündigen Reigens der acht Rosenkriegsdramen, bei denen William Shakespeare nach Otto Waalkes unter Hip-Hoppern klingt: „English for runaways“ in einem voll krassen Ghetto-Denglish. Aus dem „Winter unseres Missvergnügens“, den Schlegel und Tieck romantisierend übersetzten, wird „The focking Winter unsres Würgens“. So krude hebt es an, und so endet es: „Who do I fucking fear, ist doch keiner hier“, knittelt Rich, als er alle abgemurkst hat.
Wer seinem Schulenglisch nicht traut, kann sich ja ein Wörterbuch auf den Schoß legen. Das Saallicht im Heidelberger Stadttheater ist meistens an. Und wer seinen Shakespeare nicht auswendig kennt, kann daher auch ausgiebig Programmzettel und Ahnentafel der Lancasters und Yorks studieren, denn auf der Bühne tauschen sieben Schauspieler die 15 Partien, die von den 27 Figuren des Originals noch übrig sind. Wegen der vielen Rollenwechsel, und weil Männer Frauen und Frauen auch mal Männer spielen, ist die Orientierung erschwert.
Aber was macht das schon, wenn sich ohnehin alles um Herzog Richard dreht, der King Rich werden will? Seinen Bruder George räumt er ebenso aus dem Weg wie seine beiden Neffen. Der junge Shakespeare kommt seinem Publikum nicht mit Psychologie, er lässt das Böse genial schimmern und kraftvoll strotzen. Daniel Stock zeigt den Mörder an der Macht als Egomanen, der eine deformierte Figur abgibt – Bauch raus, Buckel hoch – und doch gern singend den Star spielt. Richard rockt zur Musik einer Festzeltcombo, die noch aus der wüstesten Nu-Metal-Dröhnung einen schwoofigen Swing macht.

Travestie einer Historie mit Fressnapf als Krone

Nicht erst wenn der Herzog sich mit Schöpflöffel-Zepter und Fressnapf-Krone als König feiern lässt, ist der Abend bloß noch die Travestie einer Historie. Dabei ist die szenische Brutalität Shakespeares wüstem Szenario völlig angemessen, wenn Dirty Rich seinen Bruder George mit einem Blecheimer erschlägt und die Neffen unter seinem Hemd würgt, bis es durch den Stoff blutet.
Das eigentliche Massaker an diesem Abend, ist nicht die grausige Familienfehde als Krönung der Rosenkriege um den englischen Thron (1455 bis 1485). Die Hauptkampflinie verläuft quer durch die Sprache. Nur noch die alte Zeit spricht Hochdeutsch: Königin Elisabeth (kalkweiß erstarrt: Ute Baggeröhr) oder Richards Mutter (Paul Grill). Dem „dirty Modderfocker“ aber zerfällt sein hybrider Slang mehr und mehr, bis ihm ein Fluchanfall zum Sprachunfall gerät oder er fluchend stammelt wie Chaplin als „großer Diktator“.
Die Spielwut, in die sich Daniel Stock hineinsteigert und dabei weder sich noch andere schont, nötigt Respekt ab. Dennoch könnte man sich früher oder später danach sehnen, diesen denglischen Diktator zu stürzen. So laut ist seine Herrschaft, so anstrengend sein Witz. In manchen Provinzstädten würden die Zuschauer solch einem Richard schnell türenschlagend die Gefolgschaft verweigern. Nicht in Heidelberg, wo das Publikum mit seinem Theater in den vergangenen Jahren gewachsen ist und bei der Premiere mit großstädtischer Gelassenheit dran bleibt. Viele Premieren-Bravos für diesen König. Lang lebe sein tapferes Theatervolk.

Stefan Benz, Darmstädter Echo, 03.04.2009

6. Philharmonisches Konzert *18.06.09

Aug’ in Aug’ mit dem Konzertmeister
Cellistenstar Daniel Müller-Schott beim 6. Philharmonischen Konzert in der Heidelberger Stadthalle
Dass der Weg vom Barock in die Klassik fließend war, kann man bisweilen schon an dem Klang eines Instruments ausmachen. Die warmen, runden, saftigen Töne, die Daniel Müller-Schott seinem wunderbaren Gofriller-Cello von 1727 in Haydns Cellokonzert beim 6. Philharmonischen Konzert in der Heidelberger Stadthalle entlud – das war Barock pur.
Ein Ton von verschwenderischer Fülle, überaus hedonistisch und fast schon süßlich. Ungeheuer sinnlich anschwellende Töne entlockte der Musiker seinem Instrument: das war (im langsamen Satz) ein Sehnen und Schwelgen nach allen kunstvollen Regeln barocken Genusses. Wie ein stilles, süßes Madrigal ließ er dabei seinen Solopart singen. Und in den Ecksätzen schlug das Virtuosen-Temperament Müller-Schotts absolut mitreißend durch, mit spinnwebfeinen, geigengleichen Tönen in der hohen Lage, mit rasantem Schwung und Feuer.
Überaus reaktionsfreudig kommunizierte er dabei mit den Heidelberger Philharmonikern, immer Aug’ in Aug’ mit Konzertmeister Thierry Stöckel. Das Orchester ließ sich hörbar stark von dem Cellisten inspirieren, musizierte mit lodernder Rasanz, hellwach und lustvoll. Für den begeisterten Applaus bedankte sich Daniel Müller-Schott mit Ravels hinreißend verführerisch und sinnlich musizierter „Habanera“.
Begonnen wurde der Abend mit Erik Saties „Parade“. Diese ungewöhnliche Ballettmusik beschreibt eine Zirkusszenerie, wobei drei Männer die Passanten in eine Zirkusvorstellung zu locken versuchen und drei Artisten Kostproben aus ihrem Programm geben. Der junge amerikanische Gastdirigent Scott Parkman brachte den Farbenreichtum der Partitur trefflich zum Klingen, ließ zunächst gemütlich und genüsslich musizieren, um sodann kräftig aufzutrumpfen mit vergnüglich paradierenden, marschierenden und walzernden Rhythmen. Der Lärm der Großstadt (einschließlich Schreibmaschine, Glücksrad und Pistolenschuss) schuf sich burlesken Raum in zünftigen Tutti-Abschnitten, gewichtigen und (satirisch) wichtig tuenden Blech-Paraden, die klangsatt-rund auftrumpften.
Hauptwerk nach der Pause war Rimski-Korsakows „Sheherazade“. Ruhig und besonnen formte Scott Parkman klangsatt wogende Tutti, verzichtete dabei auf allen Schlagobers, den man hier sonst zu hören bekommt. Die harmonischen und klanglichen Erlesenheiten formte der Dirigent vielmehr in detaillierter Feinzeichnung, wunderbar licht und zart in den schwebenden Lyrismen.
Größte Aufmerksamkeit ließ er gerade den ruhevollen Stellen zukommen, die von großem Ausdruck und subtiler Spannung durchzogen waren. Der märchenhafte Zauber dieser üppig schwelgenden Musik wurde freigehalten von allem Zuckerguss, ohne an Sinnlichkeit einzubüßen. Parkman machte kein pauschales Bravourstück daraus, und doch war hier genügend Saft und Kraft in der Aufführung.
Mit markigen Marschrhythmen und zündenden Folklorismen trumpften die Heidelberger Philharmoniker auf. Ebenso hingebungsvoll wie gewitzt tönte der dritte Satz. Temperamentvoll ließ Parkman den vierten Satz musizieren, brachten die Philharmoniker in rasanten Tempi große Virtuosität ins Spiel, gekrönt von klangsatten Tutti-Aufwölbungen.
Bestens präpariert waren alle Instrumentgruppen, herrliche Soli gab es von den Bläsern und dem Cello. Sonderlob an Konzertmeister Thierry Stöckel, der seine Geigensoli in farbig-fantasievoller Gesanglichkeit irisierend glühen ließ.

Rainer Köhl, Rhein-Neckar-Zeitung, 20.03.09

Die Jünglinge im Feuerofen *13.03.09

Mannheimer Morgen, Hans Günter Fischer:
Das Theater der Stadt Heidelberg wechselt für diese Produktion nach Neuenheim, in die Johanneskirche. Juden in der Babylonischen Gefangenschaft: Das ist natürlich auch eine Geschichte, die von Fremdenfeindlichkeit und Fundamentalismus handelt. Aber ebenso von subkutanen Anspielungen auf das Außenseitertum von Homosexuellen , die wie alle Minderheiten in der Fremde ihre Andersartigkeit bewahren wollen. Wenn auch defensiv.
Der große Opernkenner Ulrich Schreiber hat dies für die Stoffbearbeitung von Britten überzeugend dargelegt. Der junge Regisseur Tobias Heyder ist so klug, zurückhaltend mit allem unterschwellig oder offenkundig Aktuellen umzugehen. Heyder inszeniert blitzsauber eine Choreographie von Gruppenabstoßung und Gruppenzwang, Vereinnahmung und Ausgrenzung. Die kleine Bühne (Didi Müller) fällt nach vorne ab. Da ist kein Platz mehr, jedem seinen Gott zu lassen.
Sebastian Geyer freilich achtet nicht allein als Abt, sondern sogar als Astrologe Babylons auf Stimmschönheit. Wie Julian Wesch als Knaben-Engel, der den Jünglingen im Ofen beisteht. Die kammermusikalische Begleitung setzt Akzente: Harsche Trommelwirbel prasseln, die Posaune tönt fast wie aus Jericho herüber und die Harfe gibt sich unaufwendigen Orientalismen hin. Und wenn die von Joana Mallwitz dirigierten Musiker zu Anfang mal wie eine Heilsarmeekapelle klingen, wird es Britten so gewollt haben. Der Abend lohnt.


Frankfurter Rundschau, Hans Klaus Jungheinrich:
Babylon bleibt unerlöst

Auffällig, wie präsent in der puritanischen Religiosität Englands Stoffe aus dem Alten Testament sind. In nicht allzu ferner Vergangenheit sah man sich dort als ein durch Erfolg auserwähltes Volk und suchte gerne die Identifikation mit dem biblischen Israel. Die den kontinentaleuropäischen Christen wahrscheinlich kaum noch geläufige Geschichte der Jünglinge im Feuerofen (immerhin widmete Karlheinz Stockhausen ihnen seine berühmteste elektronische Komposition) schildert, wie drei jugendliche Helden am babylonischen Hof sich durch die penible Beachtung jüdischer Speiseverbote sowie des mosaischen Gebotes, keine Götzen anzubeten, unbeliebt machten - auch die Angehörigen der bedeutendsten Kolonialmacht scheuten fremde Speisen und Götter, wenn auch aus hygienisch-kulturellen Gründen.

Benjamin Brittens Kirchenoper "Die Jünglinge im Feuerofen", 1966 uraufgeführt, ist dem Getriebe eines fromm verbrämten Patriotismus freilich schon ein wenig entrückt, und der Gestus devotionalienhafter Erbaulichkeit hat hier etwas eher Künstliches, Zitathaftes, Uneigentliches. Gleichsam unter der Hand schuf der Komponist einen neuen Typus von Musiktheater, anknüpfend an die Tradition geistlicher Mysterienspiele. Musikalische Wurzeln waren Gregorianik und ostasiatische Intonationen, jedenfalls nicht Choral und klassisch-romantische Satztechnik. Statt des notorisch kirchengemäßen Kontrapunkts vernimmt man heterophone, also oft einstimmige, durch Umspielung ornamentierte oder unsauber gemachte, mit perkussiven Markierungen versehene Melodielinien.

Der neuartig kraftvolle Vokalstil kulminiert gerade bei diesem Stück in den expressiven, spannungsvollen Männer-Chorabschnitten. Mit einem kleinen Spezial-Instrumentarium (acht Musiker) verstärkt sich der Eindruck artifiziellen Raffinements, den Britten, komplementär zur offensichtlich elementaren Direktheit eines reduzierten, armen Theaters, anstrebte. Mönche spielen die Gestalten und Stationen der Story nach, die höchst erhebend mit der Bekehrung des ingrimmigen Königs Nebukadnezar nach dem Wunder an den (durch Jahwes Gnade den Flammen unbeschadet trotzenden) Jünglingen endet - so will es auch das dem Buche Daniel folgende Libretto von William Plomer. Doch Regisseur Tobias Heyder deutet die Rahmenhandlung mutig und scharf aus: Es sind Sträflinge, die sich an dem heiligen Sujet versuchen und es nicht ohne Brüche hinkriegen, weil sie immer wieder in Gefängnis-Verhaltensweisen zurückfallen, ihren Mitspielenden mit echter Gewalt, Zärtlichkeit, Ruppigkeit begegnen. Wenn zum Schluss der Nebukadnezar-Darsteller müde grinsend am Boden sitzt und ein Akteur sogar erschlagen daliegt, wird klar: dieses Babylon bleibt unerlöst; der triste Häftlingsalltag hat über das mirakulöse Freizeitprogramm gesiegt. Ein utopisches Surplus bleibt freilich aufbewahrt in der stummen Figur des Bibel lesenden Knaben - ähnlich sublim die schlichte Imagination des Feuers durch eine Kerze, getragen von einem Ministranten.

Wieder arbeitete das Theater Heidelberg mit einer Kirchengemeinde zusammen und realisierte die Aufführung in der St. Johanniskirche im Stadtteil Neuenheim. Im Altarraum ließ ein schroffes, monochromes Wandteil einiges von dem Jugendstilgemälde dahinter unbedeckt (Ausstattung: Didi Müller); auf recht engem Podest agierten die (sämtlich männlichen) Darsteller mit nahezu choreografischer Prägnanz. Exzellente Chor- und Einzelleistungen; vehement der Nebukadnezar-Tenor von Winfried Mikus, fulminant das verwegen-ungemütliche Jünglings-Trio mit Rainer Scheerer, Aaron Judisch und Alejandro Armenta. Die hellhörig straffe musikalische Leitung hatte Joana Mallwitz. Trotz des Weggangs von Operndirektor Bernd Feuchtner nach Salzburg wird der Zyklus der fünf Kirchenopern Benjamin Brittens im nächsten Jahr durch "Noahs Flut" komplettiert.

Der Bajazzo / Goyescas * 21.02.09

Quadratur des Einakters: Zwei Doppelpremieren in Heidelberg und Frankfurt
An den Opernhäusern in Frankfurt und Heidelberg versuchte man es am vergangenen Wochenende mit zwei unkonventionellen Werk-Doppeln, die  nicht nur für sich genommen überzeugten, sondern – die völlig unbeabsichtigt – auch untereinander ein Netzwerk an Beziehungen ausbildeten. In der Zusammenschau beider Premieren ergab sich ein seltener Glücksfall intelligenter Repertoirepflege, wie ihn so wohl nur die reiche Stadttheaterlandschaft in Deutschland ermöglicht: die gelungene Quadratur des Einakters.
Besonders reizvoll erschein zunächst die Heidelberger Kombination von Enrique Granados „Goyescas“ mit Ruggero Leoncavallos „Der Bajazzo“. Die „Goyescas“ erlebten an diesem Abend sogar ihre deutsche Erstaufführung – doppelt erstaunlich, hatte diese reizvolle Szenenfolge nach Bildern von Goya doch schon 1916 als erste spanischsprachige Oper Premiere an der New Yorker Met. Spanisch ist denn auch das Kolorit, das in Heidelberg von der ersten Minute an in überwältigender Farbigkeit von der Bühne und aus dem Orchestergraben dringt. In folkloristisch getönten Massenszenen, die das kleine Theater bis über seine Grenzen fordern, entwirft Granados einen klingenden Bilderbogen des Madrider Volkslebens, vor dem sich eine operntypische Dreiecks- und Eifersuchtsgeschichte entwickelt.
Der Regisseur Aron Stiehl spielt dabei geschickt mit dem Gegensatz von Abbild und Wirklichkeit, indem sie den unglücklich in die feurige Rosario (Silke Schwarz) verliebten Fernando (Emilio Pons) statt des untreuen „Originals“ lieber deren gemaltes Vorbild, Goyas berühmte „Maja vestida“, anschmachten lässt. Unterschwellig klingt so bereits das zweite Thema des Abends an: Leoncavallos doppelbödiges Drama um einen Komödianten, dem Fiktion und Realität so gründlich durcheinandergeraten, dass er darüber zum Mörder wird. Aron Stiehl gelingt eine überaus packende Umsetzung dieses finalen Theater-Showdowns, indem er die bekannte Commedia dell’Arte Handlung zwischen Bajazzo, Colombine und Harlekin als Schmierenkomödie in den rechten Teil der Bühne verbannt. Im linken hingegen sitzen der Chor der Zuschauer, Aug’ in Auge mit den „realen“ Betrachtern, und spiegelt in fein beobachteten Szenen die Reaktionen des Publikums wider. Auf diese Weise durchbricht die Regie die trennende vierte Wand zum Zuschauerraum, macht uns, die Schauenden, selbst zu Beteiligten. Konsequent meuchelt Canio (Winfrid Mikus) seinen Nebenbuhler Silvio (Sebastian Geyer) mit einem Schuss in die erste Parkettreihe, bevor er sich selbst tötet. Sein Schlusssatz, das hellsichtig-sarkastische „La commedia è finita“, ist hier dem herrlich dämonischen Prologus von Gabriel Urrutia Benet anvertraut, der das Geschehen als hinterhältiger Drahtzieher zum erwünschten tödlichen Ende treibt.
Christian Wildhagen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.02.08

Theater Heidelberg feierte Premierenerfolg mit „Goyescas“ von Granados und „Bajazzo“ von Leoncavallo
Gekoppelt wurde „Goyescas“ – wie schon 1916 bei der Uraufführung in New York – mit Leoncavallos Oper „Der Bajazzo“. Dieses Werk, dessen Inhalt wohl jeder Opernliebhaber kennt, wurde von Aron Stiehl packend und voller Leidenschaft inszeniert. Dazu kam, dass das gesamte Ensemble mit einer Spielfreude agierte, die aufs Publikum übersprang und alle in Atem zu halten schien.
Auch im „Bajazzo“ großartig Gabriel Urrutia Benet als Tonio, der den herrlichen Prolog mit seiner wandlungsfähigen Baritonstimme so ausdrucksstark sang, dass das Publikum ihn mit Bravorufen überschüttete! Den eifersüchtigen Canio spielte Winfrid Mikus mit überschäumendem Temperament, wobei er seine kräftige Tenorstimme bis an die Grenzen einzusetzen verstand. Silke Schwarz konnte in der Rolle der Nedda neben ihren sängerischen Qualitäten auch ihr komödiantisches Talent voll ausspielen. Sie war genauso mit Herzblut bei der Sache wie Emilio Pons, der die Rolle des Beppo gab und im besten Stil der Commedia dell’arte agierte. Stimmlich überzeugend auch der Bariton Sebastian Geyer als feuriger Liebhaber Silvio. Ihm würde nicht nur Nedda verfallen, meinte eine Zuschauerin verzückt.
Das Orchester – wieder unter der Leitung des aufmerksam und sehr exakt dirigierenden Cornelius Meister – spielte die veristische Musik Leoncavallos, die jede Szene effektvoll unterstreicht, mit feurigem Duktus und leidenschaftlicher Hingabe. Lang anhaltender Applaus des begeisterten Publikums belohnte am Schluss das Ensemble, den Dirigenten und das Orchester, aber auch das gesamte Team der Inszenierung!
Der neue Merker, Udo Pacolt, Wien – München

Deutsche Premiere: „Goyescas“ von Enrique Granados
Das Heidelberger Theater hat diese Oper jetzt zum ersten Mal auch in Deutschland auf die Bühne gebracht. Viel hat die Handlung von „Goyescas“ mit den Bildern Goyas nicht zu tun, umso mehr dafür mit den spezifisch spanischen Tanzformen wie Tonadilla und Fandango. Daraus macht Granados eine süffige Musik voller Temperament und voller Sinnlichkeit. Die Arie, mit der die schöne Rosario die Nachtigall besingt, kann mühelos mit Puccini konkurrieren. Das Heidelberger Orchester hat unter seinem Chef Cornelius Meister einen riesigen Satz nach vorne gemacht, das war auch bei dieser Produktion wieder zu hören. Und im Moment ist dort eine Sängertruppe um die bemerkenswerte Silke Schwarz zusammen, die auch einem größeren Haus gut anstehen würde.
Stephan Hoffmann, Die Welt, 24.02.09

Der große Abend der Silke Schwarz – Bravouröse Ensembleleistung
Die „Goyescas“ bleiben vor allem musikalisch in Erinnerung – und hier besonders als großer Abend der Silke Schwarz. Als Rosario hat sie beeindruckende Szenen und füllt sie mit einer wunderbar nuancierten Stimme, die auch in Mezzoregionen vielfarbig glühend leuchtet. Ihre Nachtarie ist ein Moment innigster Lyrik und musikalischer Hingabe. Gabriel Urrutia Benet als Stierkämpfer Paquiro, Emilio Pons’ Fernando und Jana Kurucová als Pepa bilden mit Silke Schwarz ein wunderbares Solistenquartett.
Der zweite Teil des Abends ist packender. Die Inszenierung des „Bajazzo“ ist detailreicher, fantasievoller, freilich auch leichter zugänglich durch die direkte Charakterisierung der auftretenden Personen. Sehr komisch und mit reichlich 70er-Jahre-„Klimbim“ beginnt der Schlussteil und kippt dann umso effektvoller von der Komödie in die Tragödie. Die Bühne ist hier ein zweigeteiltes Theater. Ein genialer Wurf von Bühnenbildner Jürgen Kirner.
Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 23.02.09

Spiel mir das Lied vom Tod
Setzt der Regisseur auf eine stark romantische Stilisierung in ‚Goyescas’, so zeigt er mit ‚Der Bajazzo’ einen lebendigen Realismus. Aber auch hier spielt für ihn der Chor eine immanent wichtige Rolle als Betrachter der Ereignisse. Hervorragend, wie hier jede Geste und Bewegung passend genau einstudiert wurde. Wandelt die Handlung in ‚Goyescas’ noch auf romantischen Pfaden, geht es im ‚Bajazzo’ ziemlich zur Sache. Ein drittklassiges Schmierentheater zeigt sich der heutigen Zeit absolut angepasst mit Drogen, Schnaps und nackter Haut, doch das war sicherlich schon immer so. Fast scheint die Handlung abzustürzen in billigen Slapstick, kann aber mit einer dramatischen Intensivierung der Schlussszene wieder überzeugen. Auch profitierte diese Premiere von den intensiven darstellerischen Leistungen der Protagonisten, die auf den Punkt genau jede Stimmung auf die Bühne bringen konnten. In ‚Goyescas’ zeigte Jana Kurucová (Pepa) wieder ihren ausdruckstarken Mezzosopran, gepaart mit einer starken Bühnenpräsenz, ebenso wie Silke Schwarz (Rosario), die gleichzeitig als Nedda ihre enorme Vielseitigkeit wieder einmal bezeugte und ihre Stimme romantisch oder verrucht aufblühen ließ. Als Paquiro/Tonio erhielt Gabriel Urrutia Benet mit seinem geschmeidigen und gut sitzenden Bariton schon Szenenapplaus, beim Schlussapplaus regnete es dann rote Rosen. Das hohe Niveau des Heidelberger Ensembles belegte auch Emilio Pons als Fernando und Beppo. Der mexikanische Tenor dürfte am Anfang einer großen Karriere stehen. Stil- und höhensicher scheint er allen Herausforderungen gewachsen zu sein.
Midou Grossmann, Klassik.com, 23.02.09

Höchstpunktzahl knapp verfehlt
Goyescas, assoziativ mit Goyas „Maja“-Bildern verbunden und 1916 an der Met uraufgeführt, ehe auf der Rückreise der Urheber nach deutschem Torpedo-Beschuss im Ärmelkanal ertrank, bildet ästhetisch den von Regisseur Aron Stiehl gewünschten Kontrast zu Bajazzo. Stiehl und sein Bühnenbildner Jürgen Kirner siedeln die brisante Viererkonstellation im abstrakten Raum an, mit schräg gestellten Latten-Stelen und subtiler Ausleuchtung. Behutsam, in choreografisch ausgeklügelter Slow-Motion (Francisco Sanchez) bewegen sich die Figuren; am Ende stirbt Fernando - von Emilio Pons mit starkem Ausdruck in Spiel und Gesang dargestellt, verfügt er doch über einen variablen, mit bester Substanz unterfütterten Tenor - allein gelassen den Bühnentod. Nicht in den Armen seiner Rosario (wie im Textheft), deren fast keusch anmutende Figur die junge Silke Schwarz, gerade aus der Babypause auf die Bühne zurückgekehrt, mit leuchtendem, attraktiv geführtem Sopran verkörpert. Am Ende darf sie die große Tragödin spielen, denn Granados hat in seiner von Generalmusikdirektor Cornelius Meister und dem Philharmonischen Orchester Heidelberg nahezu perfekt ausgeleuchteten Partitur nicht nur hinreißende Duette hineingepackt, sondern auch eine grandiose Schlussszene. Mit von der Partie der kernige Bariton Gabriel Urrutia Benet als gut aussehender Paquiro und die Mezzosopranistin Jana Kurucová als personifizierte Schöne, die scheinbar unbeteiligt, aber gut bei Stimme, die Entwicklung des Dramas beobachtet. Als große Herausforderung hat Enrique Granados auch den Chor eingebaut, mal kommentierend, mal die Handlung treibend. Intensiv, aber nicht bis in den letzten Taktstrich hinein genau machten das Opern- und Extrachor (Jan Schweiger), für die Viola Schütze ebenfalls geschmackvolle, hier unaufdringlich-charakterisierende Kostüme anfertigte. Das alles war sowohl der Ausgrabung, als auch des enormen künstlerischen Aufwands wert und wird als fein austarierte, Enrique Granados bestens gerecht werdende Revitalisierung einer vor allem musikalisch wirklich wertvollen Oper in Erinnerung bleiben.
Damit aber auch parodierende Action die Herzen des Premierenpublikums erfreue, hat Aron Stiehl den Bajazzo wie eine Slapstick-Komödie angerichtet und dabei in Personengestaltung und Kostümierung deutliche Anleihen an der „Klimbim“-Serie gemacht, die vor reichlich 30 Jahren im Fernsehen so etwas wie Kultstatus erlangte. Einer indes wuchs zu wahrer Größe, der Tenor Winfrid Mikus, schon lange am Haus und jetzt in seiner Paradepartie angelangt. Die Strahlkraft seiner Stimme, stabil in den variablen Farben und immer voll szenischer Wucht eingesetzt, schenkte der Klamotte plötzlich eine tiefer gehende, schmerzvolle Dimension
Eckhard Britsch, opernnetz, 23.02.09

Tödliche Leidenschaften
Auf Jürgen Kirners abstrahierender Bühne agieren die vier Protagonisten in Kostümen aus der Zeit Goyas (Viola Schütze) und verfangen sich in, in zeitlupenhaften Tänzen (Francisco Sanchez), in ihren Leidenschaften. Am Ende sind sich Fernando und Rosario ganz nahe, doch ein hauchdünner Gazevorhang trennt sie unwiderruflich. Als Paquiro ein Messer zieht, bricht Fernando auf der anderen Seite der Bühne tot zusammen. Der junge Heidelberger Generalmusikdirektor Cornelius Meister, soeben zusätzlich zum Chefdirigenten des Wiener Radio-Sinfonieorchesters (von 2010 an) ernannt, lässt Granados’ heißblütige, von erotischer Spannung aufgeladene Musik ebenso präzise wie opulent spielen. Silke Schwarz (Rosario), Emilio Pons (Fernando), Jana Kurucová (Pepa) und Gabriel Urrutia Benet (Paquiro) sind eine Idealbesetzung für diese Opernentdeckung. Handwerklich professionell entfaltet Aron Stiehl die komplexe Doppelbödigkeit von Leoncavallos „Bajazzo“ als ebenso witziges wie hintersinniges Theater auf dem Theater, wobei sein Bühnenpublikum in raffinierter Brechung nicht auf das Geschehen, sondern ins reale Publikum schaut. Sebastian Geyer (Silvio) und Winfrid Mikus (Canio) ergänzen hier das brillant singende und spielende Ensemble und den von Jan Schweiger einstudierten Chor.
Werner Müller-Grimmel, Stuttgarter Zeitung, 24.02.09

Zwei Leichen sind zu wenig
Es drängt sich die Frage auf, weshalb die „Goyescas“ nach dem Erfolg ihrer Uraufführung aus dem Repertoire verschwunden sind. An der Musik kann es nicht liegen. Denn Granados’ Komposition bewegt sich meist auf hohem Niveau. Sie nimmt den Zuhörer gefangen durch emphatisch eingängige Melodik, harmonische Feinheiten und markante Rhythmen. Freilich handelt es sich um eine sehr spanische Angelegenheit. Durch die folkloristischen Lieder und Tanzstücke sowie Anspielungen auf spanische Klassik des 18. Jahrhunderts ist das iberische Lokalkolorit allgegenwärtig. Was dem Stoff der Oper, den Genreszenen aus dem Madrider Leben nach Bildern von Goya, weitgehend entspricht. Die Crux der „Goyescas“ ist Fernando Periquets Libretto mit seiner anhand der Goya-Bilder zusammengebastelten, an den Haaren herbeigezogenen Geschichte. Den Regisseur stellt diese Vorlage vor eine heikle Aufgabe. In Heidelberg setzte Aron Stiehl auf statische Einstellungen, stilisierte choreografische Bewegungsabläufe auf Jürgen Kirners schwarz-grau ausgeschlagener Bühne. Cornelius Meister ließ akzent- und kontrastfreudig musizieren. Die Konturenschärfe der musikalischen Gestalten und der kernige Orchesterton beeindruckten.
Gabor Halasz, Die Rheinpfalz, 24.02.09

Auf in den Kampf, Torero!
Bei der Wiederentdeckung der „Goyescas“ durch das experimentierfreudige Opernteam des Heidelberger Theaters – in der kommenden Spielzeit wird der Kieler Dramaturg Joscha Schaback die Position des ans Salzburger Landestheater engagierten umtriebigen Operndirektors Bernd Feuchtner einnehmen – rückte der Regisseur Aron Stiehl die stark stilisierte Liebesgeschichte um einen Torero, zwei Frauen und einen Künstler noch zusätzlich ins Abstrakte. Dies ließ die von spanischer Folklore (Flamenco, Fandango), harmonischen Weitungen und Naturlauten musikalisch belebten Tableaus des Stücks noch fremder erscheinen, als sie ohnehin wirken. Auch dem Heidelberger Orchester lagen die „Goyescas“ nicht nahe – was es unter seinem Generalmusikdirektor Cornelius Meister leisten kann, bewies es anschließend bei Ruggero Leoncavallos lebendigem Manifest des musikalischen Naturalismus, dem „Bajazzo“.
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten, 23.02.09


Krieg * 31.01.09

Achterbahnfahrt Deutschland
Rainald Goetz’ Stück „Krieg“ im Heidelberger Theater – Schwindel erregender Trip durch Sprache und Geschichte – Regie: Marc Becker

Nur „Bier bleibt Bier“ in Rainald Goetz’ „Krieg“. Ansonsten bleibt in diesem Stück, das in der Inszenierung von Marc Becker im Heidelberger Theater Premiere hatte, kaum ein Stein auf dem anderen. Wie bei einer rasanten Achterbahnfahrt fliegen dem Zuschauer die Sinnfetzen nur so um die Ohren. Dennoch setzen sich die Wort- und Bildbruchstücke im Kopf wieder zusammen: Es Geht bei dieser Schwindel erregenden Berg- und Talfahrt um Deutschland. Aber anders als im Freizeitpark, wo die Hauptbeschleunigung zu Beginn erfolgt, erreicht „Krieg“ gegen Ende seine Höchstgeschwindigkeit: in einem Videorausch von Bildblitzen – ein bisschen so wie bei der finalen Reise durch Raum und Zeit in Stanley Kubricks Kino – Oper „2001: Odyssee im Weltraum“.
„Maximale Wirrnis“
Der Theatertrip führt in die unübersichtlichen und merkwürdig stagnierenden achtziger Jahre. Das Stück „Krieg“ aus dem Jahre 1986 gehört – wie auch die Teile „Schlachten“ und „Kolik“ – zur gleichnamigen Trilogie, für die Rainald Goetz 1988 den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt. Im gleichen Jahr zeigte das Schauspiel Bonn – die Uraufführungsbühne – den Trilogien - Teil „Kolik“ beim Heidelberger Stückemarkt. Aber die jetzt in „Krieg“ formulierte Zielsetzung der „maximalen Wirrnis“ funktioniert offenbar noch heute.
 In den achtziger Jahren fand der Übergang von der Moderne zur Postmoderne statt. Das bis dahin gültige vernunftbestimmte Weltbild löste sich in vielfältige neue Perspektiven auf. Und diesen mentalen Umbruchprozess bildet „Krieg“ ab. Überlieferte Sinnstrukturen zerbrechen und vermischen sich: Alltag und Kultur, Geschichte und Gegenwart, Kollektivität und Individualität fließen ineinander.
 Schon die Namen der Stückfiguren – Stammheimer, Stockhausen, Heidegger – führen mitten hinein in die dargestellte, typisch deutsche Melange aus Genialität und Katastrophe. Allerdings haben die auftretenden Gestalten kaum etwas mit den geschichtsträchtigen Bedeutungen dieser Namen zu tun, die sie als Rucksack der Vergangenheit mit sich herumtragen. Die Akteure in „Krieg“ sind Deutsche, die sich zwischen den historischen Altlasten und dem heraufziehenden Globalisierungszeitalter im permanenten Kampf um Identität befinden – und wenn sie nicht mehr weiter wissen, zischen sie sich immer mal wieder ein kühles Helles rein: „ein Volk, ein Reich, ein Bier!“
 Das große Projekt der deutschen Nachkriegszeit, die Gesellschaft im Gegensatz zur Nazi – Barbarei zu formen, wie dies zunächst auf politischer und später durch die Achtzundsechziger auch auf gesellschaftlicher Ebene geschah, hat nun an Kontur verloren. Vor allem die Energie und die Ideale der Revolution – der deutschen Rebellengeneration wie auch der eines Danton – sind inzwischen in einen „Ozean der Melancholie“ gesunken, wo der historische Rationalismus mit den neuen Wertwelten des Umweltschutzes, der Frauenemanzipation, der Metropolen, des technischen Fortschritts oder der Pop-, Massen- und Lustkultur verschwimmt. Und nicht zuletzt treibt die Institution Theater in diesem Hin- und- her- Gewoge richtungslos dahin.
 Das gilt in diesem undefinierbaren Heute auch für die auftretenden Personen, die „das Buch der Welt“ nicht mehr lesen können, vielmehr „auf dem Totenschädelgebirge der Zeit“ irgendwohin taumeln. Etwa Frank Wiegard als Stammheimer erscheint schon äußerlich als eine Mischung aus Fidel Castro und Alexander Solscheinzyn. An der Theke hängt Stammheimer mit dem suchenden Schriftsteller Stockhausen (Florian Hertweck), und mit dem zeitgeistigen Heidegger (Benjamin Hille) betreibt er die Agentur RSSS – mit verdächtigem dreifachen S -, die Strategiepapiere an Theater verkauft. Kaum eindeutiger gezeichnet sind die übrigen Rollen, die von Jennifer Sabel, Maria Prüstel, Natanael Lienhard, Paul Grill, Heiner Junghans, Daniel Stock, Klaus Cofalka – Adami und Matthias Rott gespielt werden.
 Zwischen Klarheit und Unklarheit tobt Marc Beckers Inszenierung eine schwere Schlacht. So kontrastieren die als Übertitel über der Bühne eingeblendeten Bruchstücke klassisch anmutender Texte merkwürdig mit dem Dauergefasel der desorientierten Stückfiguren, das allerdings immer wieder von disziplinierten chorischen Sprechen durchbrochen wird. Auch das Bühnenbild (Ausstattung: Nadia Fistarol), das zunächst noch Strukturen von antik – luzidem Ebenmaß aufweist, löst sich zunehmend in ein schillerndes Ambiente buntbeliebiger Formen auf, das von dem chaotischen Stimmengewirr erfüllt wird.
 In dieser Welt ohne Ecken und Kanten schießt die Theaterachterbahn schließlich ungebremst in den deutschen Zeittunnel des Videokünstlers Thorsten Hallscheidt. Aber der Rausch der Geschwindigkeit tat der Botschaft wie dem Erfolg dieses Abends keinerlei Abbruch, denn er wurde auch schauspielerisch gekonnt und mit viel Situationskomik dargeboten. Und dafür gab es starken Applaus.
Von Heribert Vogt, Rhein- Neckar-Zeitung, 02.Februar 2009


Nur die Liebe überlebt eine kaputte Welt
Schauspiel: Marc Becker inszeniert "Krieg" von Rainald Goetz im Stadttheater Heidelberg und zeigt die Welt als Folterkammer

Prost ihr Säcke! Trinken ist Kampf und Bier ist Klasse, das Ganze also Klassenkampf. Doch die Revolutionäre von einst, falls es je welche waren, sind müde geworden. Die geballte Faust rutscht bei den Herren am Tresen nur noch automatisch nach oben. Stammheimer und Stockhausen heißen sie. Saufselige Schwadroneure der guten alten Zeit, als die Sozialutopisten noch an die Verwirklichung ihrer revolutionären Ziele glaubten. Lange vor der Bankenkrise.
Bei Rainald Goetz, dessen Stück "Krieg" im Heidelberger Stadttheater Premiere hatte, wird gnadenlos bilanziert, eine Sintflut der Wörter, die machtvoll alles überspült, was zwischen der Französischen Revolution und den Theoriediskussionen der Achtundsechziger eine bessere Welt im Blick hatte. Hirnloses Geschwätz ist daraus geworden, eine übersteigerte Intellektualisierung der eigenen Ohnmacht, die sich in abgedroschenen Phrasen wiederfindet. "Hoch die Tassen, Männer. Hoch die Internationale Solidarität". Aus Stockhausen und Stammheimer werden gelegentlich auch Harald (Juhnke) und Bubi (Scholz). Ach, Mensch Goetz, so viel desillusionierender Leerlauf - es ist zum Heulen.
Was Marc Becker im wunderbar ausgeleuchteten, meist leeren Bühnenraum, den Nadia Fistarol geschickt mit rasch veränderbaren Spielflächen bestückt hat, über weite Strecken bissig und schwungvoll inszeniert, ist ein Zeitgeist-Panoptikum, ein böses Spiel mit dem, was Rainald Goetz von den schönen Verheißungen revolutionärer Programme übrig gelassen hat. Viel ist das nicht. Denn im Ersinnen von Ideen ist der Mensch wohl unschlagbar, nur beim Umsetzen hapert es regelmäßig gewaltig.

Sinnentleerte Zeremonien
Heidelbergs Schauspieler (Frank Wiegard, Florian Hertweck, Benjamin Hille, Jennifer Sabel, Natanael Lienhard, Paul Grill, Maria Prüstel, Heiner Junghans oder Klaus Cofalka-Adami) machen das glänzend. Virtuos beherrschen sie diesen Krieg der Rede, seinen musikalischen Rhythmus, der sich in oft sinnentleerten Zeremonien erschöpft, weil die inhaltliche Geste längst zur bedeutungslosen Hülse verkommen ist. Furiose Sprechakte, die allerdings in dem Text "The Texas Chainsaw Massacre" nach dem gleichnamigen Horrorfilm doch eine Spur bedrängender, dröhnender und bedrohlicher hätten ausfallen können, um uns endgültig davon zu überzeugen, dass die Welt eine einzige Folterkammer ist.
Nach etwa sechzig Minuten der anderthalbstündigen Aufführung lässt die Spannung spürbar nach, wirkt die zuvor so erfrischende Flapsigkeit, mit der Rainald Goetz und sein imponierend genau arbeitender Regisseur Marc Becker alle Vorstellungen vom logisch denkenden Individuum ad absurdum führen, leicht ermattet. Aber so rasch gibt sich das Theater nicht geschlagen. Kurz vor seinem Ende beschert uns der Abend noch ein paar aufregende Momente.
Zunächst fährt ein männlicher Engel in einem Rollstuhl herein. Ein wenig sieht er dem Astrophysiker Stephen W. Hawking ähnlich, sagt aber Verständliches, nämlich, dass die Welt eine Kloake sei. Dann beobachten wir, wie auf einer großen Leinwand ein laut knisterndes Feuer allmählich die Errungenschaften der modernen Zivilisation verbrennt. Ein erhebender Anblick, der eine letzte Steigerung erfährt, wenn sich nach der Katastrophe ein junges Paar im strahlenden Licht einer frühen Sonne zärtlich küsst. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Getröstet verlässt der Bürger das Theater.
Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 02. Februar 2009



2. Familienkonzert "Hauen und Stechen" *25.01.08

Zum Abschluss ein gewaltiger Knall
Das gestrige 2. Familienkonzert des Heidelberger Theaters stand unter dem Motto „Hauen und Stechen“

Es ging nicht nur martialisch zu, sondern auch märchenhaft und ausgesprochen munter. Das gestrige 2. Familienkonzert des Heidelberger Theaters griff mit dem Thema „Hauen und Stechen“ das Spielplanmotto „Kampf um Frieden“ auf.
Doch gottlob waren die Kämpfe nur musikalischer Natur, und das Stechen beschränkte sich eingangs auf die Stacheln der hohen Dornenhecke aus „Dornröschen“, aus dem ebenso kleine Passagen erzählt und mimisch dargestellt wurden wie aus Otfried Preußlers Geschichte „Das kleine Gespenst"“, E. T. A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“ und dem „Tapferen Schneiderlein“ der Brüder Grimm. Es handelte sich also bei dieser Theaterofferte für Kinder ab etwa sechs Jahren um eine Synthese aus Wort, Spiel und – last but not least – Musik.
Die reichte chronologisch von Händel bis Mauricio Kagel. Annette Büschelberger, die Chefin des Kinder- und Jugendtheaters zwinger3, hatte nicht nur das Konzept der Matinee ersonnen, sondern auch die Kompositionen ausgewählt, trat zuerst als Königin mit Kind auf und später als Erzählerin und hielt so alle Fäden in der Hand.
Vier Darsteller aus ihrer Crew schlüpften in unterschiedliche Rollen: Marianne Kittel, Carla Weingarten, Massoud Baygan und Dominik Knapp, den meine neunjährige Begleiterin gleich als „armen Ritter“ aus dem Weihnachtsstück identifizierte, obwohl er „in Zivil“ auftrat. Das wendige Quartett, das es verstand, mit pantomimischem Einsatz, aber ohne Requisiten Illusionen zu zaubern – die wurden wieder durch die wechselnden Licht-Projektionen auf der Bühne hervorgerufen – agierten mit Spielwitz und Beweglichkeit, vor allem beim abschließenden Florett-Gefecht zwischen Weingarten und Knapp.
Das Wichtigste waren natürlich die Vorführungen der Heidelberger Philharmoniker, die wieder von Joana Mallwitz geleitet wurden – mit gewohnter Akkuratesse und geschmeidigen Armbewegungen. Zum Beginn erklangen in kleiner Besetzung für Bläser und Schlagzeug drei Märsche von Kagel, gefolgt von der „Gun Battle“ aus „Billy the Kid“ von Aaron Copland, bei der das Schlagwerk markante Akzente setzte. Hinzu kamen der Yorksche Marsch von Beethoven, Rossinis „Tell“-Ouverture, und in den Reigen beliebter Ohrwürmer passte William Waltons „Tango – Paso Doble“ gut hinein. Als effektvollen Schluss hatte man den berühmt-rasanten „Säbeltanz“ von Chatschaturian ausgewählt, der von dem temperamentvoll und inspiriert spielenden Orchester wiederholt werden musste.
Danach erfuhr man auch, weshalb am Eingang Butterbrottüten verteilt worden waren: Auf Kommando wurden sie aufgeblasen und zerplatzten – zum Trommelwirbel – mit einem gewaltigen Knall.

Heide Seele, Rhein-Neckar-Zeitung 26.01.09

4. Philharmonisches Konzert *21.01.08

Sphärenklänge in unendlichen Weiten
Stars und Sterne beim Philharmonischen Konzert unter Shi-Yeon Sung in der Stadthalle Heidelberg – Solistin: Viviane Hagner

Geballte Frauenpower beim ersten Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters im neuen Jahr: Der „Heidelberger Künstlerinnenpreis“ und der „Zonta-Musikpreis“ wurden in seinem Rahmen an die finnische Komponistin Kaija Saariaho und die koreanische Dirigentin Shi-Yeon Sung vergeben – und als dritte Künstlerin ging die Geigerin Viviane Hagner quasi mit dem Sympathiepreis des Publikums nach Hause. Aber nicht nur deshalb waren die Heidelberger Musikfreunde so zahlreich erschienen, auch das Programm versprach Außergewöhnliches: Drei Werke aus dem 20. bzw. 21. Jahrhundert, ein „Hit“ und zwei relativ unbekannte Stücke – faszinierende Musik und zugleich auch (im tags zuvor in Berlin eröffneten „Internationalen Astronomischen Jahr“) ein Griff nach den Sternen.
Ein internationaler Star, die Komponistin Saariaho, konnte allerdings nicht anwesend sein: Uraufführungen in den USA machten ein Kommen unmöglich. In ihrer Grußadresse schrieb sie, dass sie bereits beim „Heidelberger Frühling“ zu Gast war, wo ihr Streichquartett „Nymphaea“ (1987) aufgeführt wurde, und sie sich auf ein Wiedersehen mit Heidelberg zu einem anderen Zeitpunkt freue. Dieses Quartett hörte man nun in einer Bearbeitung für Streichorchester als „Nymphaea Reflections“ (2001) erneut.
Die Klänge dieser Musik laufen ab wie ein unscharfer Film: Die elektronisch erzeugten Sounds, die dem Streichquartett noch beigeführt sind, hat die 1952 geborene Finnin in der Orchesterfassung auf die Instrumente übertragen. In der Partitur sind die Streicher meist viergeteilt, das heißt, Saariaho webt ihren Klangteppich aus meist 16 (plus Kontrabässe 18) Stimmen. Diese sind oft nur um Vierteltöne oder Achtelnoten verschoben. Das erinnert an berühmte Vorgänger, Ligeti und Xenakis etwa, aber dann ist Saariahos Sprache doch recht individuell. Ein Gedicht von Andrej Tarkovskij, das die Musiker im letzten Satz flüstern, bleibt zwar unverständlich für den Hörer, bildet aber für den Mitlesenden so etwas wie einen Ariadnefaden durch das Labyrinth dieser schwebenden, irrlichternden Klänge.
Laudator Peter Spuhler wies später auf die „synästhetische Komponente“ dieser Musik hin, die mit unserer Wahrnehmung spielt und „lustvolle Irritationen“ schafft. Auch der Hinweis, dass Saariaho zunächst Malerei studierte, vermag ihre Klangwelt durchaus anschaulich zu machen. Roswitha Sperber, die den Preis für die Komponistin entgegennahm, bedankte sich bei der Stadt – vertreten durch Dr. Joachim Gerner – und dem Philharmonischen Orchester für die erfreuliche Zusammenarbeit in Sachen „Heidelberger Künstlerinnenpreis“, der längst zur internationalen Größe geworden ist.
Die 1976 in München geborene Viviane Hagner, Tochter deutsch-koreanischer Eltern, begann ihre Karriere als Wunderkind. Nicht aus jedem Pflänzchen wird ein starker Baum. Diese Geigerin allerdings zeigt, dass einem jungen Talent mit offenbar früh gebildetem Charakter auch der Stress heutiger Musikvermarktung inklusive Wunderkinderkult nichts anhaben kann: Das Violinkonzert von William Walton – weder leicht zu spielen, noch sofort eingängig – braucht einen in sich gefestigten Interpreten, der den hohen Grad an Virtuosität mit der Tiefe einer persönlichen Seelensprache vereint. Viviane Hagner verband beides und entlockte ihrer Stradivari betörend leichte, ebenso aber auch ergreifend dunkle, schwere Töne. Die tiefen Register ihres wundervollen Instruments rissen geradezu Abgründe auf.
Die Musikerin beherrscht alle Facetten dieses Klangs unangestrengt, weiß die musikalische Kleingliedrigkeit des großen Werkes und seine krassen Stimmungswechsel in ein Ganzes zu überführen – nie spannungslos, nie oberflächlich, nie unkontrolliert. Eine grandiose Darbietung, der die gefeierte Solistin ein Stück von Kreisler als Zugabe folgen ließ.
Auch das Philharmonische Orchester unter der Dirigentin Shi-Yeon Sung hatte zu dieser Wiedergabe wesentlich beigetragen. Ist Waltons Konzert doch häufig kammermusikalisch komponiert und braucht verlässliche Orchestersolisten. Die Dirigentin, im Anschluss mit dem von Sigrid Duden überreichten Zonta Musikpreis ausgezeichnet, begeisterte mit ihrer alles beherrschenden Persönlichkeit.
Was bei Walton und Saariaho schon offenkundig war, wurde bei Gustavs Holsts „Planeten“-Suite fulminant übertroffen. Das Orchester erbrachte eine Glanzleistung und bewies seine außerordentlich gute derzeitige Verfassung (ein Verdienst unseres GMDs). Frau Sung nutzte dies in einer Aufführung, deren ferne Neptun-Klänge mit dem Frauenchor des Heidelberger Theaters in die unendlichen Weiten der Stadthallen-Keller entschwebte – Sphärenklänge, die man nicht vergessen wird! Bravo!
Matthias Roth, RNZ, 23.01.09

Tito Manlio *14.12.08

Schwetzingen (dpa) - Mit großem Beifall und Bravo-Rufen ist die deutsche Erstaufführung der Vivaldi-Oper «Tito Manlio» zu Beginn des Barockfestivals «Winter in Schwetzingen» im Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses aufgenommen worden. Besonders gefeiert wurde der Dirigent und Blockflötist Michael Form, der die Sänger und Musiker zu Höchstleistungen anspornte und zeigte, dass Barockmusik «anmutig frisch» sein kann.

Der Herbstmeister der Oper
Wenn es in der Kunst so etwas wie die Bundesliga gäbe, müsste man diese Truppe als Herbstmeister unserer Region feiern. Allen voran Sebastian Geyer als Titus, dessen Stimme markant und zugleich sensibel alle Ausdrucksnuancen auslotet, dabei wortverständlich ist, Koloraturen leicht nimmt und darüber hinaus einen enormen Tonraum (Arie im 3. Akt!) abmisst. Weltformat.
Ein Glücksfall, wie man ihn selten hat und den nur ein Wermutstropfen trübt: die Aufführung ist mit dreieinhalb Stunden entschieden zu kurz! (...) Regisseur Hendrik Müller nahm das Stück ernst, entschlackte die Handlung im ästhetisch reizvollen, funktional-geometrischen Bühnenbild von Claudia Doderer. Das Philharmonische Orchester Heidelberg unter Michael Form hat vor allem in der Streicherabteilung enorm viel gewonnen und produziert auf modernem Instrumentarium mit historischen Bögen einen Klang, der dem barocken recht nahe kommt. Auch die Artikulation ist sehr gut gearbeitet (als Streichercoach unterstützte Olivia Centurioni die Einstudierung). Herausragend: das Solocello in Vitellias Arie „Di verde ulivo“. Alle Achtung! Das müssen Musiker, die wenige Tage zuvor noch Wagner spielten, er einmal hinbekommen! Auch die in dieser Oper reich benutzten Bläser (Oboen, Fagott und Trompeten, weniger die Hörner; Soloblockflöte spielte Dirigent Michael Form) zeigten sich bei der Premiere bestens präpariert. Das Continuo mit Theorbe, Cembalo und Truhenorgel spielte sehr lebendig und in den Rezitativen farbig.
(Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 16.12.08)

Das System Titus
Sebastian Geyer beginnt den Abend mit mächtiger Bassstimme, die keinen Widerspruch duldet. Doch je näher die Hinrichtung seines Sohnes rückt, desto größer wird auch seine Verunsicherung. Darstellerisch wie stimmlich vollzieht Geyer diesen Prozess nach, womit etwas gelingt, was es in der Barockoper, die doch nur Gefühlslagen, also Affekte, ausdrücken will, gar nicht geben darf: die, in diesem Falle negative psychologische Entwicklung einer Person. (...) Es wird auf einem durchweg hohen Niveau gesungen, nicht nur von Rosa Dominguez (Vitellia) und Angela Kerrison, sondern auch von Jana Kurucová (Lucius), Gabriel Urrutia Benet (Lindus) und vor allem von der begeisternden Mariana Flores in der Rolle des Titus-Sohnes Manlius. In Erinnerung bleibt ein zupackendes, spannendes Musizieren, das beweist, wie frisch Vivaldi auch nach fast 300 Jahren noch klingen kann.
(Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 16.12.08)

Irrungen der Gefühle
Nun ist Vivaldi im Unterschied zu seinem Zeitgenossen Händel weder Dramatiker noch Seelenergründer. Was er komponiert, bewegt sich formal und inhaltlich im Bereich einer Concerto-Praxis, die den Komponisten ja auch berühmt hat werden lassen („Vier Jahreszeiten“). Darauf hatte bereits vor der Aufführung die Heidelberger Musikwissenschaftlerin Silke Leopold in ihrem brillanten Festvortrag  hingewiesen. Eine Kunst also weit entfernt von Exaltationen und Erdbeben, eher konzentriert auf wunderbare Linien, die vom Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg unter Michael Form präzise, pulsierend, akzentscharf in feinsten klanglichen und dynamischen Phrasierungen umgesetzt wurden.
(Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 16.12.08)

Premiere "Iwanow" *20.12.08

Iwanow – Sebastian Schug inszeniert Tschechow in Heidelberg

Immer diese Tschechows aus der Wundertüte

Heidelberg, 20. Dezember 2008. Gotscheff, Hartmann, Niemeyer, Zandwijk haben's getan, doch ansonsten ist Tschechows "Iwanow" keine Aufgabe, um die sich Regisseure reißen. Wenig Handlung, viel Befindlichkeit mag einer der Gründe sein, einen Bogen um Tschechows erstes abendfüllendes Stück zu machen. Schade eigentlich, denn "Iwanow" atmet zwar schon die für Tschechow so typische Gutsherrenmelancholie des untergehenden alten Russland, nimmt sich aber mehr Zeit für die Psychologie der Figuren.

In Heidelberg hat sich Hausregisseur Sebastian Schug um den pathologischen Melancholiker und seine Entourage gekümmert – und einen zweistündigen Abend auf die Städtische Bühne gestellt, der auch zeitgenössisches Leben seiner traurigen Lächerlichkeit preisgibt. Die Verhältnisse sind verfahren, Iwanow, der studierte Idealist mit visionärem Tatendrang, steckt in der Krise – und das schon mit dreißig.

Um sein Gut steht es schlecht, dahin ist die große Liebe bereits nach fünf Ehejahren. Lustlos und kaltschnäuzig verwaltet er seine Latifundien wie auch die schwindsüchtige und nach Zuneigung hungernde Gattin Anna Petrowna, die doch aus Liebe zu ihm einst jüdischen Glauben und elterliches Vermögen aufgab.

An Emotion und Reflexion zerrissen 

Glaubt man Sebastian Schug, so platzen Weltverbesserungsträume nicht nur im zaristischen Russland früh, sondern auch im Prekariatsdeutschland mit Rezessionsparanoia. Seine Sicht auf die Figuren ist deshalb so zeitlos und  nachvollziehbar, weil sich die Aktualisierung auf psychologisches Ausleuchten statt auf plakatives Hier-und-Jetzt-Geklingel stützt. Im neutralen wie gängigen Probenbühnensammelsurium (Christian Kiehl) agiert ein quicklebendiges Ensemble, in dessen Mitte Daniel Stock die Titelfigur nicht als hoffnungslos depressiven Anithelden zeigt, sondern als einen in seinen Emotionen und Reflexionen Zerrissenen.

Das kostet freilich Text, denn Tschechow hält reichlich larmoyante Egozentrik bereit, die Schug aus der Übertragung von Thomas Brasch auf ein gesundes Maß an Erträglichkeit (Dramaturgie: Katrin Breschke) zurechtstutzt. Einen an sich selbst und den Verhältnissen Erkrankten sehen wir, der schwankt, faucht, fordert und verweigert – einen Hamlet des Ostens, der einst ein Faust der Taiga war, und vielleicht auch deshalb mit dem problematischen Komödienanspruch des Autors zurechtkommt.

Ein Mann, der mit keiner Frau mehr leben kann

Der Mann hat gelegentlich Humor, nicht nur den der Verzweiflung, auch einen kampflustigen wie bösartigen. Diese Eigenschaft teilt er mit seinem gräflichen Onkel, den Klaus Cofalka-Adami als gealterter Liedermacher genau auf dem Grat zwischen Philosoph und Narr ausbalanciert. Erdverbundener, trinkfest und warmherzig – aber nicht minder souverän - leistet ihm hier Lebedjew (Ronald Funke) Gesellschaft, dessen Philosophie auf gesunden Menschenverstand, letzten Endes aber doch auf die Logik des Geldes baut.

Zwischen ihnen irrlichtert und zündelt gefährlich praxisnah - als Opfer eines Kostümfehlgriffs von Nicole Zielke  - Gutsverwalter Borkin (Matthias Rott), der sein Talent zur Komik leicht überstrapaziert. Im Verhältnis Iwanows zu den Frauen herrscht in Heidelberg Klarheit: Ute Baggeröhr spielt sowohl die lungenkranke Gattin als auch Sascha, ihre jugendliche Nachfolgerin in spe, buchstäblich hingebungsvoll, verzichtet auf ihren sonst gelegentlich manieriert-rotzigen Einheitston und stellt zwei höchst unterschiedliche Figuren auf die Bühne. Dass Iwanow mit beiden großartigen Frauen nicht leben kann, zeigt, dass diesem Mann bei aller ihm offerierten Ehrlichkeit und Seelentiefe nicht mehr zu helfen ist.

Moralische Untiefen, stille Eindringlichkeit, finanzielle Winkelzüge

Wir sehen durchweg sympathische Figuren, das Tschechowsche Bestiarium aus Geiz, Eitelkeit und Herzenskälte erhält bei Sebastian Schug sehr menschliche Züge, nicht ohne Leerstellen für moralische Untiefen aus finanziellen Winkelzügen, Antisemitismus und Zweckheiraten zu belassen. An den entscheidenden Stellen herrscht stille Eindringlichkeit, wie etwa beim missglückten Versuch, durch einen zärtlichen Kuss die Ehe zu retten.

Auch lässt er sich stets Zeit, die Illusion einer Flucht zur Vergangenheit, wie etwa in der Sterbeszene, traurig aufflackern zu lassen. Dazwischen funkeln belebende Einlagen, Iwanows euphorischen Schub, "die Maschine noch mal anzuwerfen" oder die lustigste "Sex-auf-der-Theaterbühne"-Parodie der Saison. In Heidelberg stimmt diesmal die Mischung, und das Ensemble hat die Wundertüte des Regisseurs sorg- und gemeinsam ausgepackt.

Ralf-Carl Langhals, nachtkritik.de 21.12.08

 

3. Philharmonisches Konzert *03.12.08

Musik der Zukunft und der Ewigkeit
Sinfoniekonzert des Philharmonischen Orchesters Heidelberg mit Messiaen und Wagner in der Stadthalle – Vier Weltstars zu Gast

Ein ungewöhnliches, fast kurioses Programm bot das 3. Saisonkonzert des Philharmonischen Orchesters Heidelberg unter Generalmusikdirektor Cornelius Meister: Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ (Quartett für das Ende der Zeit) und der konzertante zweite Akt aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Doch das zunächst schwer Vereinbare wies durchaus innere Verbindungen auf: Die Zukunftsmusik des „Tristan“ hat ihre Spuren eben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gelegt, und nicht nur Messiaen hat sich daran orientiert und Ewigkeitsklänge geschaffen.
Thierry Stöckel (Violine), Sascha Stinner (Klarinette), Reimund Korupp (Cello) und Cornelius Meister (Klavier) brachten das Quartett, das im deutschen Gefangenenlager Görlitz-Moys entstand und dort 1941 uraufgeführt wurde, aus Anlass des 100. Geburtstags des Komponisten zur Aufführung. Es war eine Sternstunde. Tiefe Intensität im Klang und feinste Abstimmung der Dynamik machten diese Wiedergabe zu einer außergewöhnlichen Begegnung mit dem Werk. Seiner musikalischen Sogwirkung konnte man sich kaum entziehen. Zu bestaunen war bei dieser Gelegenheit nicht nur die farbenreiche und musikalisch eindringliche Kunst der vier Interpreten, sondern auch der neue Flügel in der Stadthalle, der seine Qualitäten unter den Händen von Cornelius Meister voll entfaltete. Vor allem im piano hat dieses Instrument ungeahnte Möglichkeiten. So werden diese 50 anrührenden Minuten im Gedenken an einen der Großen der Musik noch lange in Erinnerung bleiben.
Wenn Wagner konzertant auf dem Programm steht, zucken viele Heidelberger zusammen: In der Vergangenheit bedeutete das meistens, dass der amtierende GMD sich gerade an einer größeren Bühne bewirbt und am Nachweis seiner Wagner-Tauglichkeit arbeitet. In diesem Falle muss man weniger Befürchtungen haben, denn Cornelius Meister hat bereits in Riga gezeigt, dass er als Dirigent mit Wagner bestens vertraut ist. Mit dem zweiten „Tristan“-Akt bereitete er nun vor allem jenen Heidelbergern eine Freude, die dieses Werk überhaupt noch nie in ihrer Stadt hören konnten, denn es ist zuletzt 1955 (ebenfalls konzertant) hier gegeben worden.
Linda Watson (Isolde, Sopran) und John Treleaven (Tristan, Tenor), Elena Zhidkova (Brangäne, Alt) und Robert Holl (Marke, Bass) – das war ein Quartett von Weltformat auf der Bühne der Heidelberger Stadthalle. Vor allem die amerikanische Sopranistin sang die große Partie scheinbar mühelos, mit strahlender Höhe und samtigen Registerwechseln. Die derzeitige Brünhilde im Bayreuther Dorst/Thielemann-„Ring“ zeigte sich als souveräner Gesangsstar mit großem lyrischen Potential, das sich auch durch das massiv auftretende Orchester kaum beeindrucken ließ.
Mit diesem hatte Trevealen, gesundheitlich angeschlagen, eher seine Schwierigkeiten, und so war er nicht immer gut zu vernehmen und wurde in den Spitzen oft überdeckt. Der holländische Bassist Holl hatte es da einfacher, denn in seiner großen Szene ist die Partitur kammermusikalischer. Sein Zusammenwirken mit Bassklarinette, Bratsche oder Englischhorn hinterließen mit den stärksten Eindruck dieser Wagner-Aufführung. Auch war Holl sprachlich am besten zu verstehen. Nicht weniger überzeugte die Altistin Zhidkova mit ihrer dunkel gefärbten, wohltönenden Stimme. Die Heidelberger Winfried Mikus (Melot) und Gabriel Urrutia Benet (Kurwenal) vervollständigten das Vokalsextett.
CorneliusMeister zeigte sich als kompetenter, leidenschaftlicher und technisch brillanter Leiter dieses gewaltigen
Liebes-Akts. Der große Orchesterapparat entsprach der Besetzung der Münchner Uraufführung und ist wohl auch in Bayreuth so üblich (je 16 Erste und Zweite Geigen usw.), schien aber für die Heidelberger Stadthalle doch etwas zu groß in der Streicherfraktion. Schließlich hat die Stadthalle keinen „mystischen Abgrund“ und auch keinen „Deckel“. Das erste Duett Isolde-Tristan und auch die Liebesnacht wurden oft zu laut begleitet, so dass die Sänger sich ziemlich anstrengen mussten. Viele der unglaublichen Details der Partitur wurde so erst mit Markes Auftritt deutlich. Insgesamt aber war diese ein großer Abend des Heidelberger Orchesters, das durch zahlreiche Kollegen aus der Region verstärkt wurde.


Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung 9.12.08

Dantons Tod *28.11.08


Die Guillotine ist der einzige Sieger
Davud Bouchehri tut sich am Heidelberger Theater schwer mit Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod"

Unter der Guillotine sind alle gleich-sterblich. Insofern hat das Fallbeil, das zu den markantesten Innovationen der Französischen Revolution gehörte, wenigstens eine der drei zentralen Forderungen dieser Epoche nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erfüllt. In Davud Bouchehris Inszenierung von Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“ steht die mörderische Maschine links hinten auf der Bühne des Heidelberger Theaters. Ein drohendes Menetekel von Anfang an. Noch bevor die Wortgefechte beginnen, wird die blutbespritzte Guillotine in einer stummen Szene von Yola Garbers wie von einem schwarzem Todesengel umtänzelt und geschrubbt.
Danach geht’s weniger symbolisch zu zwischen der Fraktion Dantons und der seines Widersachers Robespierre. Hier der zweifelnde Genussmensch, der des Mordens müde geworden ist und sich lieber mit seiner Frau und der Grisette Marion (Joanna Kitzl in knapper Korsage) vergnügt; dort der Dogmatiker Robespierre, der zusammen mit St. Just an der Spitze eines Terrorregimes steht und der Tugend mit den Mitteln des Schreckens zu ihrem Recht verhelfen will. Zwei unversöhnliche Positionen, stärker zerstritten, als es der Ex-SPDler Wolfgang Clement und Andrea Ypsilanti jemals waren.
Büchner hat für „Dantons Tod“ nicht nur historische Quellen ausgeschöpft, sondern sie zum Teil auch Wort für Wort übernommen. Insofern ist er ein Vorläufer des Dokumentartheaters, der seinen dramatischen Braten zudem noch mit dem Gedankengut eines frühreifen Nihilismus spickt, wenn er Danton sagen lässt, die Welt gleiche dem Chaos und das Nichts sei „der zu gebärende Weltgott“. Schwere Kost also, die jedoch- wenn sie theatertauglich aufbereitet wird- ihre welthistorische und philosophische Wucht voll entfalten kann. Tja, wenn! Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’, wäre Bouchehri ein begnadeter Büchner- Regisseur. Zwar frisst auch hier die Revolution ganz werkgetreu ihre Kinder, aber der Regisseur führt uns das als bleischwarzes Thesentheater vor Augen. Schlimmer noch: Die Wortgefechte der zerstrittenen Fraktionen kommen beim  (trotz allem applausfreudigen) Publikum wie ein alles nivellierender Klangbrei an, weil Bouchehri vor den Augen der Zuschauer eine vierte Plexiglas- Wand errichtet hat- in voller Bühnenbreite. Davor wird zwar auch gespielt, Entscheidendes geschieht aber hinter der auf Rollen montierten Wand. Was dort in dem bis zu den schwarzen Brandmauern offenen Raum gesprochen wird, hört sich in den Zuschauerreihen völlig undifferenziert an. Wo Gedankentiefe, Ängstlichkeit oder Aggressivität betont werden müssten, wird der text monoton und schnell heruntergehaspelt. Ein akustisches Fiasko, das auch durch die elektronische Verstärkung der Stimmen nicht verhindert wird.
Erst nach der Pause wird die Plexiglas- Wand gedreht, so dass aus dem Vorne und Hinten ein Rechts und Links wird. So verfehlt wenigstens Dantons Verteidigungsrede vor St. Just nicht ihre Wirkung. Paul Grill nutzt das in der Titelpartie geschickt aus und hat hier seine stärksten Momente. Auch der von Natanael Lienhard gespielte St. Just strahlt in diesem Verhör eine Eiseskälte aus, die einen frösteln lässt.
Dantons Gegenspieler Robespierre wurde mit Antonia Mohr weiblich besetzt, weil Bouchehri die Frauenrollen stärken wollte, wie er im Programmheft erklärt. Deshalb muss sich Antonia Mohr wie eine eiserne Lady des Tugendterrors gebärden. Nach der Exekution von Danton, Camille (Florian Hertweck) und Lacroix (Frank Wiegard), dem Selbstmord von Dantons Frau Julie (Monika Wiedemer) und dem ebenfalls frei gewählten Tod von Camilles Frau Lucile (Jennifer Sabel) durch den konterrevolutionären Ruf „Es lebe der König!“ – nach all diesen tödlichen Konsequenzen erschießt sich Antonia Mohrs Robespierre vorne an der Rampe mit einem Grinse im Gesicht. Dieses Finale gibt es zwar bei Büchner nicht- aber es passt zu seiner fatalistischen Geschichtsdramatik, in der die Guillotine der einzige Sieger ist.
Volker Österreich, Rhein-Neckar-Zeitung, 1.12.08


Leserbrief anlässlich der Premiere von Georg Büchners „Dantons Tod“ und der Besprechung in der RNZ vom 01.12.2008

Seit 30 Jahren wurde das Drama „Dantons Tod“ in Heidelberg nicht mehr aufgeführt. Jetzt gab es offensichtlich am gleichen Abend zwei Aufführungen, denn wir waren in einer anderen als Herr Oesterreich.
Die Rettung unseres Heidelberger Theaters ist beschlossen und im Gemeinderat abgesegnet und wie zum Dank beschenkt uns das Theater mit einer wirklich lebendigen Aufführung von Büchners Drama „Dantons Tod“.
Der Intendant Peter Spuhler hat mit der Wahl des Regisseurs Davud Bouchehri hier einen guten Griff getan!
Bouchehri überzeugte uns sowohl mit der dramatischen Entwicklung des Stoffes als auch mit seinem Bühnenbild, das mit minimalen Mitteln ein Maximum an unterschiedlichen räumlichen Situationen ermöglicht hat. Die Akustik war durch die transparente Wand zwar erschwert, aber im Parkett haben wir die Schauspieler gut verstanden.
Die interessante Inszenierung wurde von dem Heidelberger Schauspielensemble einfallsreich mit viel emotionaler Energie und hoher Dichte umgesetzt. So verkörperte beispielsweise Paul Grill durch seine ausdrucksstarke Bühnenpräsenz einen sehr glaubhaften Danton.
Wir empfanden die Stimmung im Saal als intensiv und konzentriert, bis zum lang anhaltenden Applaus. Den hatten Regisseur und Schauspielensemble wirklich verdient. Trotz des wirklich schweren Stoffes war das für uns ein rundum gelungener Theaterabend.
Brigitte und Peter Schneider, Heidelberg


Am Tisch mit dem Tod
Schauspiel: „Dantons Tod“ erscheint in Heidelberg als dunkler Bilderbogen

HEIDELBERG. Mit Blut fängt die Sache an. Es hat den Fuß der Guillotine rot gefärbt, und eine Tänzerin kommt mit dem Putzeimer zum Reinemachen. Sie wird als Todesbote wiederkehren, und am Ende sitzen die mörderischen Revolutionäre Robespierre und Saint-Just mit dem Tod am Tisch, während ihre einstigen Gefährten das Leben lassen müssen. In „Dantons Tod“ lässt Georg Büchner die Macht über die Ideale siegen. Das wäre auch damals kaum originell gewesen, wären nicht die mordenden Mächtigen die Idealisten von gestern.
Als dunklen Bilderbogen hat der Regisseur Davud Bouchehri das Drama auf die Bühne des Heidelberger Stadttheaters gebracht. Der grässliche Fatalismus der Geschichte, unter dem Georg Büchner sich „wie zernichtet“ fühlte, beherrscht vom ersten Augenblick die Szene. Hier wird nicht gerungen und gekämpft. Die Fronten sind geklärt. Auf der einen Seite steht die Hoffnung, der Aufbruch, den der Georges Danton von Paul Grill weniger durch eine politische Idee als durch die sinnenfrohe Lebensart verkörpert, das aber in einer Art, die seine Gesellen Desmoulins (Florian Hartweck) und Lacroix (Frank Wiegand) mitzureißen vermag. Der Gegenspieler Maximilien Robespierre ist in dieser Inszenierung eine Frau: Die gnadenlose Machtpolitik wirkt noch eisiger, wenn sie mit einer so kühlen Erotik kombiniert wird. Antonia Mohr ist ganz das berechnende Monster, das nur zum Zwecke einer demagogischen Fernseh-Ansprache einen Hauch von kalkulierter Wärme in die Stimme holt. Ihren Gehilfen Saint-Just hält sie mit Blicken unter Kontrolle, und Nathanaël Lienhard spielt einen glänzenden Leichen-Rhetoriker, der noch beim Schauprozess gegen Danton verbindlich ins Mikrofon säuselt.
Davud Bouchehri, der in den frühen Jahren der Umberg-Intendanz der Darmstädter Schauspielleitung angehörte, hat diese angemessen düstere Sicht mit szenischen Eigenwilligkeiten garniert, die einfallsreicher ausschauen, als sie sind. Sein über dreistündiger, vom Publikum mit großem Beifall aufgenommener Abend bleibt eine spannungsarme Angelegenheit. Erst gegen Ende gelangt er zu einer Präzision in der Analyse der Antriebskräfte, die sich auch sinnlich mitteilt. Vor allem in der Figur der Lucille Desmoulins: Jennifer Sabel lässt die packende Wut in einen hellsichtigen Wahn übergleiten. Und es gibt eine starke Szene, in der sie die große, bewegliche Glaswand, die das vom Regisseur entworfene Bühnenbild beherrscht, von beiden Seiten im Wechsel bespielt.
Wer ist drinnen, wer ist draußen in diesem Kerker? Das Finale der Heidelberger Inszenierung gibt jedenfalls eine eindeutige Antwort. Georges Danton und seine Freunde sind viel freier als Robespierre und Saint-Just, wenn sie sich geordnet aufs Schafott legen, das knarrend seine Arbeit tut.
Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 1.12.08


Das gestrichene Volk
Schauspiel: Davud Bouchehri inszeniert eine eigenwillige Fassung von Büchners Revolutionsdrama "Dantons Tod" in Heidelberg

Danton, der Genießer unter den verdienten französischen Revolutionshelden, liebt Nobelrestaurants, elegante Kleider, Blumen - und schöne Frauen. Fraglos spielt der Eros bei Büchner gerade in diesem Werk eine große Rolle. Auf der Städtischen Bühne Heidelberg, wo Büchners 1835 erschienenes Drama jetzt Premiere hatte, spielt und spricht Joanna Kitzl diese Rolle als Grisette Marion wunderbar.
Auch wenn die nackende Rammelei lediglich altmodisch wirkt, Danton (Paul Grill) lässt die Hosen gerne fallen. In Vertrautheit mit seiner Dirne Marion schenkt er uns an der Rampe den dichtesten Moment des Abends. Im postkoitalen Gespräch gönnt uns Regisseur Davud Bouchehri einen Blick auf eine konzentrierte Nähe zu Text und Figuren, die sein Regievermögen sonst auszeichnet.
Über allem schwebt hier die Guillotine. Gleich zu Beginn wischt eine Tänzerin (Yola Garbers) grob das Blut von der Hinrichtungsmaschine, schmiert sich den blutigen Lappen übers Gesicht. Macht Blut sinnlich? Später wird sie als schwarze Todeskrähe über die Bühne flattern, bevor Köpfe rollen. Ein überdeutliches Bild, das ebenso fragwürdig ist wie die ewigen Indie-Liedchen des weiblichen Bühnenpersonals.
Blasse Danton-Gattin
Überhaupt die Frauen: Robespierre ist eine Madame, Frauen sollen ja ohnehin unerbittlicher sein als Männer. Antonia Mohr gibt sie mit heiligem Ernst und gepflegter Politikersprache, zum Crack-Rauchen geht auch diese moralstrenge Revolutionsheldin ins Bordell. Monika Wiedemer hat man zu Unrecht eine blasse Danton-Gattin Julie verordnet, der überambitionierten Jennifer Sabel als Lucile auf Kosten ihres Gatten Camille (Florian Hertweck) dafür ein Zuviel an allem zugestanden.
Auch die übrigen Herren (besonders Lacroix: Frank Wiegand, St.Just: Natanael Lienhard) kommen ebenso zu kurz wie das Drama selbst. Dafür herrscht kryptisches Requisitengeräume, eitles Kostümgestelze und formales Getue, das wirkt wie schlechtes 80er-Jahre-Theater, denn die farbigen Zeichen und psychologischen Räume bleiben an diesem Abend höchst farblos.
Eine Modenschau (Christine Meyer) im Schatten der Guillotine macht noch keinen Revolutionsepikureer und eine lediglich der Textunverständlichkeit dienende Plexiglaswand erklärt noch keine Distanz zum Volk - allenfalls zum Publikum. Das Volk ist ohnehin gestrichen. Wir verstehen. Diese Umsturzbeamten, Wohlfahrtsausschüssler, Sansculotten und Jakobiner kreisen um sich selbst.
Während man uns einerseits in Sachen "Frau und Politik" wie Volksnähe mit meterdicken Zaunpfählen winkt, beraubt man den Text seiner inneren wie szenischen Logik. Figuren treten auf, wo sie fern sein müssten, Textzuordnung ad libitum, Striche en masse, vor allem dort, wo ein bisschen Revolutionslogik dienlich wie nötig wäre.
Davud Bouchehri, der am Neckar mehrfach durch feinnervige Literaturbearbeitungen auffiel, hat sich mit großem Anspruch an Büchners Revolutionsdrama kräftig verhoben. Dass ein fertiges Drama seine Literatur nicht ist, zeigt der über dreistündige Abend, der keinen Stein auf dem anderen lässt und bei allem Drang zum Auffallen das Wichtigste vergisst: Schauspieler, Stück und Publikum. Das Revolutionsstück frisst seine Kinder. Es lebe der König!
Ralf-Carl Langhals, Mannheimer Morgen, 01.12.08


Die Rosse der Revolution vergaloppieren sich
Davud Bouchehri bringt in Heidelberg eine überladene Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ auf die Bühne

Mit einer Adaption von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ hatte er einst in Heidelberg eine bemerkenswerte Inszenierung abgeliefert. Nun wagte sich Davud Bouchehri an Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ über genießerisch-haltlose und dogmatisch-verbissene Revolutionäre. Mit der Umsetzung auf der Bühne haperte es allerdings.

Es ist Robespierre, der seinem Widersacher Danton vorwirft, er lasse die „Rosse der Revolution“ am Bordell haltmachen und verrate den Umsturz zwischen den Schenkeln einer Hure. Und es ist Davud Bouchehri, der den Robespierre mit Antonia Mohr besetzt und will, dass die kalte Madame der Revolution selbst im Bordell haltmacht und Trost genau bei jener Dame sucht, die auch Danton zu diensten ist: Marion. Gespielt wird sie von Joanna Kitzl, die in der Szene mit Danton den Monolog vom „ununterbrochenen Sehnen und Fassen“ spricht, als habe sie nie etwas anderes getan. Bouchehri wollte aber auch, dass Kitzl und der Danton des Paul Grill sich vor dieser konzentrierten Szene eine Sado-Maso-Nummer liefern, die wirkt, als wolle man dem biederen Abonnementen Abgründe des Begehrens näher bringen.
Die beiden Szenen zeigen die Stärken und Schwächen von Bouchehris Inszenierung. Zwar gelingen ihm immer mal wieder inszenatorische Kleinode, ansonsten allerdings reiht er planlos Ideen aneinander. Hatte er einst mit seiner Adaption von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ noch eine wegen ihrer atmosphärischen Geschlossenheit überzeugende Inszenierung vorgestellt, hinterlässt er nun den Eindruck, als habe er immer mal wieder kurzschlüssig ins zeitgenössische Regie- Sortiment gegriffen.
Warum Bouchehri sich eine lange Plexiglaswand auf die Bühne stellen ließ, versteht man erst am Schluss. Danton und Konsorten sitzen im Kerker, und Camilles zarthäutige Lucile leidet unter dem nahen Ende des geliebten. Da stehen die beiden sich gegenüber, zwischen ihnen die Plexiglaswand. Dann drehen sie das teil im Kreis, stehen sich aber immer wieder gegenüber und leiden an dieser sie trennenden Barriere. Wir verstehen: Hier hausen alle im Geisteskerker- getrennt vom anderen.
Insgesamt wertet Bouchehri die Frauenfiguren auf, indem er etwa die Marion Texte der Herren Payne/ Mercier sprechen lässt und der Lucile derart viel Text ihres Geliebten zuschustert, dass Florian Hertweck als Camille fast arbeitslos wird. Da ist Bouchehri ein größerer Frauenversteher, als Büchner es sowieso schon war. Befremdlich bleibt, warum immer mal wieder eine Tänzerin (Yola Garbers) über die Bühne schwebt und am Ende den Henker spielt. Da sind dann wieder einige Revolutionäre von uns gegangen. Es folgt die Lucile mit ihrem „Es lebe der König.“. Der Rest wäre Schweigen, hätte Bouchehri seiner zeichenhaft überladenen Inszenierung nicht auch noch ein merkwürdiges Nachspiel verordnet.
Jürgen Berger, Die Rheinpfalz, 2.12.08

Lilly Link *07.11.08

Schauspiel: Philipp Löhles "Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev . . ." in Heidelberg uraufgeführt

Kinder der Nostalgie
Von Alfred Huber
Hätte alles viel schlimmer kommen können. Schließlich stufte man die Aktionen der jungen Leute sogar mal als staatsgefährdend ein. Obwohl sie nur Parfüm in einen U-Bahn-Schacht geschüttet und das Trinkwasser mit Salz angereichert hatten. Aber passiert ist ihnen dann doch nichts. Im Gegenteil. Einige von ihnen haben sogar Karriere gemacht und dürfen jetzt auf ihre damaligen Streiche mit fröhlicher Nostalgie zurückblicken. Nur Lilly, die Aufrechte, motzt ein wenig herum, denn eigentlich wollte sie mit ihren Freunden ja die Welt verändern, die Umweltzerstörer und Konsumsüchtigen daran erinnern, dass sie mehr als einen Sinn haben.
Vergangenes Frühjahr erhielt Philipp Löhle beim Heidelberger Stückemarkt für die politische Gegenwartskomödie "Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev ..." den begehrten Autorenpreis. Jetzt hat Regisseur Orazio Zambelletti den preisgekrönten Text im Zwinger 1 des Heidelberger Stadttheaters als Uraufführung herausgebracht und sich dafür von Bühnenbildnerin Miriam Grimm ein atmosphärisches Dachboden-Durcheinander mit Brettern und vielen Kartons entwerfen lassen.

Gestörtes Zeitempfinden
Wer dort eintrifft, ist irgendwie gut drauf. Trotz kleiner Eintrübungen, die das Leben so mit sich bringt. Denn gleich zu Beginn trennt sich Lilly (Ute Baggeröhr) von Amoz (Daniel Stock), der nach Amerika reist, um seine Erfindung, "selbstentheddernde Knopfkophörer", angemessen zu vermarkten. Lilly nennt ihn deshalb Verräter. Kurz zuvor verwickelt sie sich beim Anziehen höchst kompliziert in ihren Pulli, gewissermaßen eine Schlüssel-Szene des Abends, die zweierlei beweist: Dass der Regisseur manchmal ein gestörtes Zeitverhältnis hat und die eigensinnige Lilly sich partout nicht helfen lassen will.
Die Welt ist flach, wohin man schaut, mag sich der Regisseur gedacht haben, was bleibt da noch außer der standfesten Lilly und ein paar abgedroschenen Parolen der Achtundsechziger, die längst zum Partygeschwätz verkommen sind? Also greift Zambelletti beherzt ins oberflächliche Menschenleben und zeigt die Aufmüpfigen von einst im Heute des politischen Vorruhestands. Wir begegnen dem blonden Plappermäulchen Anne (Maria Prüstel), die eine Boutique besitzt, und ihrem stets jovialen, augenzwinkernden Hannes (Benjamin Hille), der seine Zunge lasziv zu gebrauchen weiß; amüsieren uns über das professionell hüstelnde Ehepaar Horst und Berta Link (Ronald Funke, Simone Mende), eine etwas überstrapazierte Glanznummer der Inszenierung.

Es hätte spannend werden können
Dann haben wir unseren Spaß mit dem komischen Schipper (Klaus Cofalka-Adami). Außerdem leiden wir ein wenig an der Seite des melancholischen Tom (Matthias Rott), der viel Pech hat bei seinen Selbstmordversuchen. Und sehen in dem künftigen Journalisten Manuel (Heiner Junghans) den reinen Zeitgeist verbrauchter Lebensphilosophie.
Vielleicht wäre das alles richtig spannend geworden, wenn Orazio Zambelletti mit ein paar Fallhöhen und entsprechend geschärften Kontrasten wirklich die Invasion gegenwärtiger Belanglosigkeit inszeniert hätte. Aber davon sind seine netten Harmlosigkeiten leider weit entfernt. Gerade aus den USA heimgekehrt, fällt der sonst so gutmütig wirkende Amoz plötzlich über Lilly her, zieht die am Boden von ihm Wegkriechende immer wieder brutal zurück. Jetzt hätte die Aufführung eigentlich beginnen müssen. Aber da ist sie auch schon fast zu Ende.
(Mannheimer Morgen, 10. November 2008)

Sie trägt den Dschungel im Herzen
Heidelberger Uraufführung: Philipp Löhles Stück: „Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev...“ im zwinger1 – Stückemarkt-Gewinner 2008 – Regie: Orazio Zambelletti

Von Heribert Vogt

Diese Großstadtpflanzen sind vom Austrocknen bedroht: Die acht jungen Leute einer Clique kommen weder bei sich noch in der immer schon fertigen Welt an, obwohl sie alle zunächst einen kraftstrotzenden Dschungel aus Vitalität, Phantasie und Sinnlichkeit im Herzen getragen haben. In Philipp Löhles Stück „Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev...“, das nun in der Inszenierung von Orazio Zambelletti im Heidelberger zwinger1 uraufgeführt wurde, haben jugendliche Aufbruchstimmung und unbändiger Lebensdrang der Figuren ein jähes Ende gefunden: statt ihren Elan und ihre Fähigkeiten voll zu entfalten, verkümmern diese Charaktere in tristen Winkeln einer geometrisch-urbanen Betonlandschaft, in die kaum ein wärmender Lichtstrahl dringt.

Alltagslabyrinthe ohne Ausweg
Schon zu Beginn des Dramas, für das Löhle (Jahrgang 1978) den Autorenpreis des Heidelberg Stückemarkts 2008 erhalten hat, haben die Mitglieder der Clique ihre Zukunft hinter sich: Gemäß dem Titel „Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev...“sind 40 Jahre nach der Rebellion der Achtundsechziger die damaligen Ideale zersplittert. Die wunderbar wuchernde Welt des Lebensdschungels ist erstarrt und längst in tausend Teile zersprungen. Und dieser Meteoritenschwarm zerstobener Träume fliegt sowohl den Figuren des Stücks als auch den Zuschauern permanent um die Ohren.
Aber damit nicht genug. Über die atomisierten Sinnzusammenhänge hinaus fehlt auch eine lineare Handlung. Stattdessen werden Rückblenden, Einschübe, Brüche, Irreales und Reales hart montiert, wodurch das Desorientierungspotential noch weiter zunimmt. So sieht man die dargestellten Menschen durch ihre Alltagslabyrinthe irren, ohne einen Ausweg zu authentischem Leben zu finden. Aber auch der Zuschauer ist vollauf mit dem Sortieren und Zusammenpuzzeln der umher fliegenden Daseinstrümmer beschäftigt.
Dabei ergibt sich folgendes Bild. Die acht Freunde haben früher die Gruppe „Die Fünf Sinne“ gebildet: Jenseits der Abstraktion der modernen Welt wollten sie den Mitmenschen wieder unmittelbare Erfahrungen ermöglichen: so versprühten sie in einem Stuttgarter U-Bahn-Schacht Parfüm, zündeten über München einen einminütigen Blitz, versalzten das Hamburger Trinkwasser und erzeugten in Berlin einen ohrenbetäubenden Lärm. Aber selbst für diesen Tatendrang hielt die Gesellschaft nur vorgefertigte Schubladen bereit: Mal wurden die Aktionen als städtische Maßnahmen, mal als Kunst und schließlich als Terrorismus gedeutet.
Die jungen Leute mussten erkennen, dass ihre Lebenswelt nicht nur schwer zu verändern oder gar zu gestalten ist, sondern dass sie ihnen fast überhaupt keinen Freiraum lässt. Als der von Daniel Stock gespielte Amoz einen sich selbst entheddernden Knopfkopfhörer erfindet, wähnt er sich gleich am Beginn einer Weltkarriere. Und so richten sich die Freunde zumeist in ihren kleinen Nischen ein. Anne (Maria Prüstel) eröffnet eine eigene Boutique und lebt mit Hannes (Benjamin Hille) zusammen. Dieser ist ein stabtrockener Angestellter geworden, der oft mit seinem älteren Kollegen Schipper (Klaus Cofalka-Adami) zusammenarbeitet.
Nur die Titelfigur Lilly Link schafft den Sprung – oder den Sturz? – in diese graue Art von wirklichem Leben nicht. Die von Ute Baggeröhr treffend verkörperte widerspenstige junge Frau will sich einfach nicht fügen. Aber sie muss rasch ihren Weg finden, denn einerseits zeigen ihre Eltern Berta und Horst Link (Simone Mende, Ronald Funke) bereits bedenkliche Krankheitssymptome, andererseits retten sich die alten Weggefährten auf das sichere Alltagsufer.
Das kann Lilly – einst ideologischer Impulsgeber der Gruppe – jedoch schon deshalb nicht, weil sie ihren unsichtbar bleibenden Bruder nicht im Stich lassen will. Dieser wurde bei der letzten Aktion der Gruppe gefasst, nahm die alleinige Schuld auf sich und landete in der Psychiatrie.
Aber trotz des Schwindens der gewachsenen Zugehörigkeiten hält Lilly an ihrem Sich-nicht-Anpassen-Wollen fest. Sie begegnet dem engagierten Journalistenpraktikanten Manuel (Heiner Junghans), der ähnlich wie sie nach dem Neuen sucht, dann jedoch feststellen muss, dass auch in den Medien alles schon mal da gewesen ist. So kommt es zur Radikalisierung Lillys, die Annes Boutique überfällt, in der sie zuvor schwarz die Schaufenster dekoriert hat. Allerdings ist dieser Überfall symbolisch überhöht, denn er wird mit dem Schwert durchgeführt. In die Enge getrieben, erscheint Lilly als Jeanne d’Arc, die für ihre Ideale in eine Art heiligen Krieg gegen ihre Umwelt zieht. Das Schwert zur Machete, mit der sie sich einen Weg durch den lebensfeindlichen Dschungel der Großstadt bahnen will. Und da spritzt offenbar auch Blut.
Die letzte Lilly-Station ist der notorisch mit Selbstmordphantasien beschäftigte Tom (Matthias Rott). Er hat sich seine Träume bewahrt, zugleich aber auch aus der Gesellschaft entfernt. Mit ihm geht Lillys Reise weiter. Aber diese Richtung verheißt nichts Gutes.
Obwohl die knapp zweistündige Aufführung perspektivlose Menschen von heute in ihrem oftmals grotesk überzeichneten Irrungen und Wirrungen zeigt, ist der Theaterabend jedoch keineswegs trostlos. Regisseur Zambelletti schreibt der Inszenierung vielmehr eine gehörige Portion Situationskomik ein, so dass auch viel gelacht wird. Und die durchweg überzeugenden Schauspieler agieren in diesem knapp skizzierten großstädtischen Dschungel-Camp (Bühne und Kostüme: Miriam Grimm) mit Verve. So gelang eine Balance zwischen Lebenslust und –leid, die den Zuschauer in finstere Abgründe blicken, aber dennoch auf ein gutes Ende hoffen ließ.
(RNZ, 10.11.2008)



Kapital ist blöd, blöder noch ist es, keines zu haben
Philipp Löhles sehr gute 68er-Klatsche „Lilly Link. Oder schwere Zeiten für die Rev...“ wird in Heidelberg unter Wert uraufgeführt

Von Jürgen Berger

Woher hat der 30 Jahre alte Philipp Löhle nur die Altersweisheit mit der er die 68er abwatscht und seine Protagonistin Lilly Link als Gegenentwurf all jener Revoluzzer einführt, die beim Marsch durch die Institutionen in der Nähe kalter Buffets halt gemacht haben? Für “Lilly Link. Oder schwere Zeiten für die Rev…” erhielt er den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes. Jetzt war vor Ort Uraufführung.
Dereinst gründete Lilly mit ihren Freunden eine außerparlamentarische Geschmacksguerilla und startete unter dem Label „Die fünf Sinne“ Aktionen zur Erhöhung der allgemeinen Sensibilität. Lilly ist eine aufrechte Kämpferin, hat inzwischen allerdings das Problem, dass all ihre früheren Mitkämpfer ganz schlicht Geld verdienen möchten. Kapital ist blöd, noch blöder ist es, keines zu haben. Man kann Lilly als Gegenentwurf zu Löhles Fundamentalverweigerer Gospodin aus einem früheren Stück verstehen, der den Kapitalismus aussitzen und den Eindruck erwecken will, das Nichtstun sei Tat genug. Lilly ist da schon anders. Sie leidet an der Unveränderbarkeit der äußeren und am steten Wandel der inneren Verhältnisse. Amoz zum Beispiel, ihr langjähriger Freund, will plötzlich in die USA und mit seiner Erfindung des „sich selbst entheddernden Knopfkopfhörers“ das große Geld machen. Da kann und will sie nicht mit. Schließlich gibt es auch noch ihren Bruder, der laut Regieanweisung „falls überhaupt sichtbar – stumm und emotionslos“ sein soll. Mit dem Bruder monologisiert sie, ihre Freunde nennt sie „Verräter“ und zu ihren Eltern hat sie keinen Kontakt. Vor allem mit Lillys Eltern macht Löhle klar, dass er, wie schon in seinen Stücken „Genannt Gospodin“ und „Die Kaperer“, auf jeden Fall eine Groteske schreiben wollte. Berta und Horst kreuzworträtseln und husten: Feinstaub, oder so. Solche Eltern haben Kinder wie Lilly, die nicht nur für Ex-Revoluzzer und heutige Wendehälse ein Problem darstellen, sondern auch der Regie Probleme bereiten können. Da ist zum einen Löhles lakonischer Grundton, der dafür sorgt, dass manche in ihm einen Vertreter einer „neuen Ernsthaftigkeit“ sehen. Da ist aber auch Lilly, die noch längst nicht fertig ist mit sich und der Welt, während alle um sie so fertig sind, dass man versucht sein kann, sie als Comic Strip-Figuren zu inszenieren.
Orazio Zambelletti jedenfalls konnte der Versuchung nicht widerstehen. Aus Lillys Weggefährten Amoz (Daniel Stock), Anne (Maria Prüstel) und Manuel (Heiner Junghans) werden im Heidelberger zwinger1 derartig kindische Vertreter der Gattung Mensch, dass man für sie in etwa so viel Interesse entwickelt wie für DSDS-Kandidaten, nachdem sie von Herrn Bohlen abgewatscht wurden. Regisseur Zambelletti neigt dazu, so viel wie möglich auf die schnelle und leichte Schulter zu nehmen. Und er lässt Löhles Szenenfolge derart vorhersehbar abschnurren, dass selbst Ute Baggeröhr, die zuletzt in Hebbels „Nibelungen“ eine überaus überzeugende Kriemhild war, kaum einen Link zu dieser Lilly aufbauen kann, die früher für eine Weltanschauung stand, heute aber nur fremd in der Welt steht.
(Die Rheinpfalz, 11.11.2008)


Uraufführung des dritten Teils von Philipp Löhles
Trilogie der Träumer in Heidelberg
Fortschrittszweifel, leicht gekürzt
von Otto Paul Burkhardt

Heidelberg, 7. November 2008. Komisch. Über Philipp Löhle wird selten gestritten. Vielleicht, weil seine Stücke eher leise daherkommen. Unschreihalsig sozusagen, unangestrengt, hintersinnig, unaufgeregt. Und dennoch loten seine Szenarien tiefer, kratzen unauffällig, aber beharrlich an scheinbar sicheren Grundfesten des Denkens, des Lebens.
"Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev..." ist so ein typisches Löhle-Stück – und schon die Idee, das geschichtsträchtige Wort beim Aussprechen sofort wieder abbrechen und verstummen zu lassen (weil es in der Gänze vielleicht peinliche, lächerliche, grausame oder tragische Assoziationen weckt), ist eine wundernette Löhlesche Ironie: Heiner Müllers Fortschrittszweifel, leicht gekürzt quasi.
Aber im Ernst: Mit "Lilly Link" hat Philipp Löhle nun seine "Trilogie der Träumer" abgeschlossen, und wie seine Vorgänger Gospodin ("Genannt Gospodin") und Mörchen ("Die Kaperer") gehört auch Lilly in die Kategorie der versponnenen Verweigerer, skurrilen Utopisten und bockigen Alltagsanarchos, an denen Löhle indirekt die Defekte der Mainstream-Gesellschaft beobachtet. Wenn große Ziele auf der Strecke bleiben: Darum geht es in "Lilly Link", dem Preisträgertext des Heidelberger Stückemarkts 2008.
Boutiquen eröffnen, Frösche retten
Uraufführungsregisseur Orazio Zambelletti erzählt den Plot in einer meist unaufdringlich belassenen, überwiegend stillen Tragikomik. Slapstickhafte Einlagen und besinnliche Momente ergeben im Heidelberger Zwinger ein vielfältiges Szenenmosaik. Während fast alle sich im falschen Leben einrichten, Frösche retten, Boutiquen eröffnen und für US-Konzerne Patentierwürdiges erfinden ("selbstentheddernde Knopfkopfhörerkabel"), bleibt allein Lilly einer unangepassten Lebensweise treu, mit der sie sich zunehmend isoliert.
Von der einst kreativ-aufmüpfigen Truppe, die sich "Fünf Sinne" nannte und mit gezielten Aktionen (Parfümattentat aufs U-Bahn-Belüftungssystem, Lichtbogen-Projekt am Nachthimmel und dergleichen) die Menschheit wachrütteln und sensibilisieren wollte, ist nichts mehr übrig. Und die Regie zeigt, wie sich das Leben der ehemals aufbruchswilligen Gruppenmitglieder in jene schalen Näherungswerte und dünnen Verwässerungsgrade verflüchtigt, die von ihren einstigen Zielen übrig geblieben sind.
Zwischen Witz und Katastrophe
Gut, dass Zambelletti die Vagheit des Zeithorizonts bei Löhle sogar noch verstärkt. Und so ist es letztlich piepegal, ob es hier vornehmlich um die Generation Attac geht oder auch um die Ökos, um die Friedensbewegung der 80er, die 70er-Jahre-RAF, die 68er oder überhaupt um jeden Versuch, etwas anderes als das Bestehende zu denken. Die schillernde Vagheit wirkt befreiend, öffnet Horizonte, mehr, als dies eine enge, womöglich konzisere Zeitgeist-Inszenierung vermocht hätte.
Mit dieser Unbestimmtheit korrespondiert auch die Bühne (Miriam Grimm): Ein labyrinthisches Gebirge aus glatten, rechteckigen Möbelstücken und schmutzabweisenden Oberflächen – Lillys Eindruck von ihren alten Freunden, die sich fast alle in Rückzugspositionen verbarrikadiert haben, ist hier in ein schlüssiges Bild übersetzt. Und ganz klar: Umzug ist angesagt.
Die Regie lässt das Bühnenpersonal im weiten Feld zwischen Witz und Katastrophe agieren. Lilly Link ist bei Ute Baggeröhr eine, die sich alleingelassen fühlt von all den ins Bequemleben abdriftenden, früheren Gesinnungsgenossen – ihre vormals rebellische Lebenslust hat sich zu düsterer Unbeweglichkeit verfinstert. Während Anne (Maria Prüstel) eine Boutique betreibt, donnerstags ein Pflicht-Umweltprogramm absolviert und noch am ehesten mit Lilly Kontakt wahrt, hat Hannes (Benjamin Hille), ein stets gut gelaunter Anpasser, keine Probleme damit, als städtischer Sozialamtsgesandter bei der Zwangsräumung von Lillys Wohnung mitzuwirken.
Wer bremst, verliert
Irgendwann flüchten sich diese feinen Ex-Freunde in leere Tätigkeits-Posen und tun so, als seien sie beschäftigt, während Lilly sie vergeblich anspricht und zwischen ihnen herumirrt – wie ein ausgegrenztes, verdrängtes Gruppen-Ich: ein starker Regie-Moment. Schließlich flieht Lilly mit einem suizidal veranlagten, aber geistesverwandten Eigenbrötler in dessen kaputtem Auto – Zambelletti macht daraus dankenswerterweise kein x-tes zeitgeistiges Road-Movie, sondern eine karge, poetische, fast kindertheatralisch anrührende Szene. Auf die Frage wohin, sagt Lilly: "Egal." Er: "Sehr gut. Da fahre ich hin."
Kurz: Philipp Löhles "Trilogie der Träumer" findet in Heidelberg einen knappen, lakonischen, melancholisch schillernden Abschluss. Ausgeträumt? Nicht unbedingt. Löhles Trilogie endet mit einem Aufbruch (auch wenn dieser wohl wieder scheitern wird). Aber wir sehen zwei, die sich kugeln vor Lachen. Und ihren Schlussdialog unter wechselseitigem Prusten wiederholen: "Gehen die Bremsen jetzt?" – "Wer bremst, verliert!"
www.nachtkritik.de vom 08.11.2008

Phaedra *01.11.08

Der flott gemachte Mythos
Hans Werner Henzes „Phädra“ überrascht in Heidelberg

 Wenn der wichtigste deutsche Opernkomponist der Gegenwart mit 81 Jahren eine zweiaktige „Konzertoper“ schreibt, fragt man sich: Wie kann diese „Phädra“ auf einer Bühne aussehen? Sicher nicht wie  die  konzertante  Aufführung  von Oper, mit Sängern, die singen und nichts darstellen. Eine kleine Bühne, das Theater Heidelberg, zeigt mit einem blutjungen Team, was eine Konzertoper mythi-
schen Stoffs und Zuschnitts sein kann: im harten Klangbild eines virtuosen Kammerorchesters   unbeschwertes bis flottes Musiktheater zwischen halbszenischer und szenischer Darbietung, die am
Ende stürmisch bejubelt wird. In Heidelberg sitzt das Orchester gleich oben auf der Bühne, die vier Sänger stehen zunächst an der Rampe davor, vor Notenpulten  mit  den  Namensschildern ihrer Rollen. Aber schon bald lösen sie sich aus der Konzertperspektive, um zu Aktionen überzugehen. „So wird das Werk zum Gespräch einer Oper mit sich selbst“, sagt der junge, erstmals inszenierende Autor und Regisseur Daniel Cremer, der unter anderem Michael  Thalheimer  assistiert  und  als Dramaturg für René Pollesch und Martin Wuttke  gearbeitet  hat.  Cremer  entwickelt sein Konzept aus einer Spielanordnung heraus: Darsteller vertauschen die Aspekte des Spiels, wechseln hin und her zwischen realem Sängersein und fiktivem Rollenspiel, geraten darin in Konflikte. Es entsteht die Spannung doppelbödig  selbstreflexiver  Bühnenaktionen um Leben und Leiden der mythischen Heroine, jene Liebestragödie, die von Euripides über Racine bis hin zu Sarah Kane die Dramatiker fesselte.
Beim Heidelberger Team hat die Erkenntnis gesiegt, dass in dieser Oper Tür und Tor geöffnet sind für Ironie und Parodie,  für  Improvisation,  Überraschung und Gag.
Das Heidelberger Theater hatte 1949 Henzes erste Oper erstmals gespielt, das „Wundertheater“. Das ehrgeizige Haus wagt nun Henzes neue Oper als zweite Inszenierung  im  Lande.  Der  Orchesterklang auf der Bühne und aus dem Graben  kann  sich,  obwohl  Kapellmeister Dietger Holm die brillante Partitur achtsam dirigiert, nur schwer entfalten, Singstimmen  und  Instrumente  klingen  oft wie zerschnitten, manchmal zu laut, entbehren  der  musikalischen  Fülle.  Doch die Vermutung sei gewagt: Henze wäre dem Experiment der Jungen zugetan.
(Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung, 06.11.08)


Wir dringen zur Sterblichkeit vor – und tanzen

Untergang durch Liebe: Hans Werner Henzes ungewöhnliche Konzertoper „Phaedra“ hatte in Heidelberg eine umjubelte Premiere – Regie: Daniel Cremer

In Hans Werner Henzes jüngster Oper, die jetzt in Heidelberg zu sehen ist, treten zunächst vier Vokalisten mit Orchester zur Probe an: Sie bereiten ein Stück zum altgriechischen Mythos der Phaedra vor. Die Sopranistin kommt zu spät, der Tenor studiert noch eifrig die Noten, die Musiker überprüfen ihre Instrumente: In Design des Mannheimer Rosengartens ist die Bühne (Ben Baur) als Konzertsaal deutlich erkennbar.

Was der junge Regisseur Daniel Cremer in seiner ersten Oper-Arbeit inszeniert, steht recht genau im Textbuch: Der fließende Übergang der Konzertsituation in eine theatralische Handlung ist Konzept des Komponisten und seines Librettisten. Hinzu erfunden hat Cremer etwa die Quälerei des sterbenden Hippolyt mit der aus der Werbung bekannten Paul Potts-(Verdi-) Nummer, die ihm Aphrodite – eifersüchtig und selbst verliebt in ihn – vorspielt: Der Todesstoß für en anspruchsvollen Sänger!

Unter Dietger Holms konzentrierter musikalischer Leitung erklingt ein Werk von großem klanglichen Reiz, das meistenteils kammermusikalisch komponiert ist.
Die Sänger sind von Anfang an mit jeweils unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente charakterisiert, doch die Vokalisten werden auch durch die Regie subtil in ihrer jeweiligen doppelten Rolle (Sänger und Figur) geführt. Daniel Cremer gelingt es mit verblüffender Zielsicherheit, eine Logik in die eigentlich recht verwirrenden Abläufe zu bringen. Und: der in der Partitur nur angedeutete ganz alltägliche Wahnsinn unter Künstlern ist witzig und selbstironisch in die Inszenierung eingebaut und hält so äußerst komische Details bereit für Leute, die den Theaterbetrieb auch ein bisschen von innen kennen. Das Stück ist eben auch ein Stück über das Theater selbst, das seinen ganzen Zauber in der zweiten Hälfte entfesselt.
(Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 03.11.08)

Mythenrevue
Henzes „Phaedra“ in Heidelberg

Was ist eine Konzertoper? Scheinbar ein Widerspruch in sich. Doch das bislang letzte Bühnenwerk von Hans Werner Henze trägt genau diese Bezeichnung im Untertitel: Seine „Phaedra“ will ein Musiktheater schaffen, in dem das Konzertante – also das sichtbare Musizieren vor Publikum – also das sichtbare Musizieren vor Publikum – die Handlungsszenerie der Bühne ersetzt. Als Konsequenz hatte schon Peter Mussbach 2007 bei der Uraufführung an der Berliner Lindenoper eine halbszenische Umsetzung versucht, bei der das Orchester in den Zuschauerraum und das Geschehen auf einen Laufsteg durchs Parkett verlegt wurde. Auch die erste Heidelberger Neuproduktion am Theater Heidelberg nimmt ihren Ausgang von einer quasi konzertanten Aufführungssituation, in der das Orchester im Bühnenhintergrund platziert ist, während die fünf Protagonisten solistisch auf der beengten Vorderbühne agieren. Das aus Oratorien vertraute Bild entpuppt sich jedoch rasch als Trug: Das mythische Geschehen um Phaedra (Carolyn Frank) und den glücklosen Hippolyt (Emilio Pons) setzt sich in der Gegenwart fort und lässt Spannungen zwischen den Sängern aufbrechen. Als sich die Darstellerinnen von Aphrodite (Maraile Lichdi) und Artemis (Yosemeh Adjei) ins erotische Quiproquo mischen, ist das Chaos perfekt. Man verheddert sich buchstäblich im Ariadnefaden, bald stürzen Noten und Pulte um, und das Orchester flüchtet sich resignierend in den angestammten Graben. Mit einem Hang zur Anarchie inszeniert der junge Regisseur Daniel Cremer Henzes jugendfrisches Spätwerk und versieht dabei die Idee der „Konzertoper“ selbst mit ironischen Fragezeichen. Heraus kommt eine schräge Mythen-Revue, engagiert gesungen und von Dietger Holm souverän koordiniert, die allerdings kaum in die poetischen Tiefenschichten von Christian Lehnerts undramatisch verrätseltem Libretto vordringt.
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.08)

Verbotene Liebe

Phaedra, die Titelfigur, kämpft. Gewaltig. Mit ihren Lustempfindungen, die sie unreflektiert und ungeniert einem Manne schenken will... Da ist schon was los auf der kleinen Bühne des Heidelberger Stadttheaters, wo Hans Werner Henzes bislang letzte Oper, im Jahr zuvor in Berlin uraufgeführt, jetzt ihre Zweitinszenierung durch Daniel Cremer erlebte, der bislang allenfalls durch Schauspiel-Assistenzen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Macht nichts, denn der junge Mann ist begabt und hat die Chance nicht nur verdient, sondern auch gleich recht plakativ genutzt.

Denn das Fieber weiblicher Emotionen wird thematisiert durch schelmische Ironisierung und diesseitigen Spott. Phaedra, von der Altistin Carolyn Frank darstellerisch und stimmlich ausgezeichnet auf die Bühne gebracht, bettelt im Unterkleid das Objekt ihrer Begierde an... Dann wird die Szene auch noch von der eifersüchtigen Aphrodite belebt, die in Maraile Lichdi eine dinglich-freche Interpretin findet, wenn die am Baguette knabbert und den Ariadne-Faden per Strickliesel-Häkelei verlängert; später wird Phaedra nochmals einen Faden aus ihrer Strickweste spinnen. Da findet die Regie Gefallen am guten Gag. Henze hat hierfür auch noch die Parodie klassischer Arien-Koloraturen im kompositorischen Arsenal, das bei diesem Könner ohnedies reich bestückt ist: Sein Kammerorchester aus Instrumentalisten lässt er in raffinierten Zuordnungen und artifiziellen Farben aufspielen; das Heidelberger Orchester unter Dietger Holm macht das konzentriert, plastisch und in schillernder Beweglichkeit...

Zur Mitte verschwindet das Orchester per durchinszenierter Pause von der Bühne in der Unterwelt, sprich Graben. Jetzt käme die Nagelprobe, um szenisch die Gefühlswelt der Protagonisten dieser konzertanten Oper auszuleuchten, aber das Heute erschöpft sich im Kostüm; auch Gruselfiguren, die vorüberziehen, wirken eher aus dem Köcher der Versatzstücke hervorgezaubert, als dass sie schockierten. Maskiert sich die Tragik über die Komödie? Doch die alten Mythen im modernen Gewand zu erleben (Kostüme: Amélie Sator; Bühne: Ben Baur), das hat schon was. Die Figuren spielen Theater im Theater, sind mit Handy, Strickzeug, Plastik-Trinkflaschen ausstaffiert, blättern in den Noten, als ob gerade geprobt würde.

Das ist entspannend anzuschauen, zumal die Musik in überlegen auskomponierter Instrumentierungskunst die Ohren ständig unter Spannung hält. Zum Beispiel der Tenor Emilio Pons in der Partie des Hippolyt, ein glänzend veranlagter junger Sänger mit einer sehr gut geführten Stimme, die Klarheit und individuelles Timbre vereint. Eine überzeugende Entdeckung auch der Counter Yosemeh Adjei (Artemis); perfekt – nicht nur im Max-Raabe-Styling ‑ der Bariton Alejandro Armenta in der kleineren Partie des Minotaurus.

Das Heidelberger Spielzeitmotto „Kampf um Frieden“ wird in Henzes 14. Oper Phaedra zur Suche nach dem inneren Frieden, den keiner finden kann. Da bleibt nur der heitere Umgang mit dem Scheitern. Heftigen Beifall vom bemerkenswert aufgeschlossenen Publikum gab es am Ende vor allem für die großartigen Sänger-Darsteller.
(Eckhard Britsch, opernnetz)


Wenn Frauen zu sehr lieben ...
Daniel Cremer inszeniert Hans Werner Henzes jüngste Oper „Phaedra“ in Heidelberg... mit glänzenden Gesangssolisten

Aphrodite kommt zu spät. Vermutlich war sie shoppen in Heidelberg. Doch keine Sorge: Dirigent Dietger Holm und das Orchester auf der Bühne des Stadttheaters warten. Kaum aber ist Maraile Lichdi wie eine Diva hereingerauscht, hat sie ihre Kunstfell-Stola lässig über den Stuhl geworfen, um anschließend ohne Anzeichen von Schuldgefühlen zum Notenpult zu eilen, wo sie ihr Handy ausschaltet, da erklingen auch schon die ersten Töne aus Hans Werner Henzes (vorläufig) letzter, 14. Oper „Phaedra“.

Eigentlich wollte er ja nach „L’ Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ Schluss machen mit dem Komponieren von Opern, aber dann hat er sich doch eines anderen besonnen und sich von der kretischen Königin Phaedra, deren Liebe zu Hippolyt unerwidert bleibt und die ihn deshalb übel verleumdet, zu einem weiteren, im vergangenen Jahr in Berlin uraufgeführten Werk inspirieren lassen, das jetzt in Heidelberg erfreulich rasch nachgespielt wurde. Und wie schon so oft in seinem langen Musikerleben sorgt der 81-jährige Henze auch diesmal für eine Überraschung.

„Konzertoper“ nennt Henze seine jüngstes Werk und hat die Musik 23 Instrumentalsolisten anvertraut, einem Ensemble mit mehrfach besetzten Bläsern, Streichquartett, umfangreichem Schlagzeug, Klavier, Harfe und Celesta. Das lässt bei aller Transparenz, viele Effekte und farbliche Nuancen zu, die Dietger Holm und die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters auch vorzüglich zu nutzen wissen. Selbst wenn die Musik Henzes zunächst etwas verkrampft klingt, als wolle der Komponist milder Zwölftönigkeit hier unbedingt mit geschärften Dissonanzen beweisen, dass er trotz seines Alters immer noch auf der Höhe einer herben wie strengen avantgardistischen Sprache ist.

Regisseur Daniel Cremer hat den Mythos in die Moderne transportiert und entwickelt das dramatische Geschehen aus einer Probensituation: Das Orchester spielt, die Sänger und Sängerinnen singen, reden oder streiten miteinander, trinken Wasser aus Plastikflaschen, Aphrodite holt Strickzeug aus der Tasche und die blonde Phaedra lässt bereits früh ihre wenig tugendhaften Begierden auf Hippolyt erkennen.

Heftig umjubelt zum Schluss die großartigen Sänger-Darsteller Carolyn Frank (Phaedra), Maraile Lichdi (Aphrodite), Yosemeh Adjei (Artemis) und Emilio Pons (Hippolyt). Ihrer stimmlichen Präsenz ist es zu verdanken, dass sich der Abend musikalisch nie im Ungefähren verliert.
Statt dessen werden neunzig Minuten lang konzentriert all jene Zeichen von Expressivität, Verwirrung oder Poesie eindringlich abgerufen, denen das Publikum letztendlich Menschennähe und eine gleichermaßen individuelle und zwingende Deutung von Empfindungen zu verdanken hat.
(Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 03.11.08)

Der Wortbruch des Altmeisters
Heidelberg: Hans Werner Henzes „Phaedra“ in der Regie von Daniel Cremer

Das neueste Unterfangen des Theaters der Stadt Heidelberg verdient Anerkennung. Es spricht für das Engagement für zeitgenössische Kunst der Verantwortlichen, ihre Mut und ihr unkonventionelles Denken, dass sie Hans Werner Henzes jüngste Oper Phaedra jetzt, ein Jahr nach der Berliner Uraufführung, als erste Bühne nachgespielt haben. Die Neuproduktion unter Dietger Holms kompetenter Stabführung und in Daniel Cremers kurzweiliger Regie wurde zum einheiligen Erfolg.
Regisseur Cremer ist um Einfälle in keinem Moment verlegen und serviert ein überdrehtes, vergnügliches, kurzweiliges Spektakel mit viel Situationskomik. So etwa bei der Darstellung des Minotauros als Kinderbuch-Ungeheuer. Darstellerisch und sängerisch überragende Leistungen sind den vier Protagonisten zu bescheinigen: allen voran der Titeldarstellerin Carolyn Frank, sowie Maraile Lichdi (Aphrodite), Emilio Pons (Hippolyt) und dem Altus Yosemeh Adjei. Einwandfrei Alejandro Armenta beim kurzen Schlussgesang des Minotauros.
(Gabor Halasz, Die Rheinpfalz, 05.11.08)

Manipulation der Götter und Zwänge der Kunst

Das sich trotz Übertiteln dem Zuschauer nicht ohne weiteres erschließende, etwas verwirrende neue Werk mit dem auf Euripides zurückgehenden und von Henze bevorzugten großen mythologischen Stoff erlebte eine umjubelte Premiere mit Bravos und Blumen für die Solisten.

Nicht alle Vokalisten sind gleichermaßen konzentriert, eine eher lustlose Probe also, an der vor allem die Sängerin der Phaedra (vorzüglich Carolyn Frank), die sich voll mit ihrer Partie identifiziert, kein Gefallen findet: Für sie gehört das hochdramatische Stück vor allem dargestellt, nicht nur vom Blatt gesungen! Sie lässt nichts unversucht, um die Kollegen zum Mit-Spielen zu bewegen, doch der junge »Ziehsohn« (Emilio Pons ist ein glänzender Hippolyt) will nichts als singen, singen, singen - bis zu seinem frühen Bühnentod.

Doch damit ist Henzes Oper keineswegs aus; sie findet ihre » römische« Fortsetzung. Dieser zweite und entschieden dichtere Akt versetzt Protagonisten wie Publikum vom taghellen Diesseits ins dunkle Jenseits, in die düstere, triste Welt der Toten: Artemis (von dem Countertenor Yosemeh Adjei hervorragend gesungen), bemüht sich, die sterblichen Überreste ihres Schützlings Hippolyt mithilfe von allerlei Instrumenten, Kräutern und Sprüchlein wieder zusammenzubasteln.

Phaedra kommt aus dem Totenhain neugierig herbeigelaufen und verspottet den früheren Geliebten als „Wundertier“ der Göttin, und Aphrodite (Maraile Lichdi: sängerisch brillant wie immer) seilt sich in üppigem Goldgewand vom Olymp herab, um den Wiedererschaffenen in die Unterwelt zu verfrachten.

Das Philharmonische Orchester erfreut unter Holms straffem Dirigat mit Verve wie Präzision, exaktem Zusammenspiel mit der Bühne und zuverlässiger Begleitung der vier vorzüglichen Sänger, zu denen sich erst ganz am Schluss der mexikanische Bassbariton Alejandro Armenta gesellt.
(Britta Steiner-Rinneberg, Alsfelder Allgemeine, 05.11.08)
 

Titus *03.10.08

Gelungener Start der Heidelberger Oper mit Mozarts Titus
Wieder hat der scheidende Operndirektor Bernd Feuchtner ein Ensemble aus Mitgliedern des Hauses und Gästen zusammengebracht, das vorzüglich auf diese Bühne passt. Wieder hat Cornelius Meister mit dem Philharmonischen Orchester einen (fast immer) sauberen, transparenten Mozart gespielt. Wieder ist der Chor, geleitet von Jan Schweiger, mehr als Staffage.
Das Heidelberger Theater hat mit „Titus“ und „Idomeneo“ zwei Mozartopern aus unterschiedlichen Schaffensperioden in sehens- und hörenswerten Inszenierungen im Repertoire, die für alte wie junge Opernhasen Entdeckungen ermöglichen.
(Peter Zechel, Eberbacher Zeitung, 11.10.08)
 
Kammerspiel auf der Weltbühne
Sedelmayer – auch verantwortlich für das Bühnenbild – inszeniert „Titus“ als spannendes Personenstück, psychologisch von der ersten Minute an. Ein gefährliches Gemisch aus Erotik und Politik, edler Freundschaft und dem mangelnden Mut zur Wahrheit, aus Machtgier und sexueller Hörigkeit. Ein Kammerspiel auf der Weltbühne. Diese steht mehr in Pompeji als in Rom – der Vesuv grollt quasi im Untergrund, das hört man in der Musik – und ist eine Art barocker Guckkasten mit beweglichen Wänden und Bodenflächen.
Im Zentrum aber steht Titus, ein blinder Seher und täppischer Alter, körperlich und seelisch ein Wrack, überfordert und irre, vom „Stolz unserer Zeit“ (so singt der Chor) weit entfernt. Ähnlich wie im Heidelberger „Idomeneo“ ist Winfrid Mikus ein Titelheld, an dessen sängerischer Leistung sich die Geister scheiden mögen. Doch auf einer anderen Ebene, der des darstellerischen Ausdrucks, der bis an den Rand der Selbstentblößung geht, formt er eine beklemmend bühnenwirksame Gestalt, deren körperliche Gebrechlichkeit und seelische Verkrüppelung, deren Blindheit, Geschlagenheit und Weltabgewandtheit aus jedem krächzenden Ton spricht, den Mikus über die Rampe bringt.
Eine inszenatorische und sängerisch-darstellerische Gratwanderung, die gelingt. Alle anderen haben es leichter: Ihre wunderbaren Stimmen tragen sie auf Engelsflügeln durch das Stück. Allen voran Jana Kurucová als Sextus und Larissa Krokhina als Vitellia. Die beiden Stars der letzten Spielzeiten zeigen hohe Vokalkunst bei niemals erlahmender Personenführung durch die Regie. Selbst Koloraturen erhalten einen erotischen Hintersinn – Opera seria kann so spannend sein, und in Heidelberg ist sie zugleich ein Fest dieser beiden Sopranistinnen von Weltformat
GMD Cornelius Meister hat seinen Mozart-Stil gefestigt. Schlank, aber flexibel in der Tongebung, zügig in den Tempi und transparent auch in den Mittelstimmen setzt er seinen Heidelberger Mozart-Zyklus fort. Das Philharmonische Orchester zeigte sich hellwach, konzentriert und agil. Das Publikum feierte alle Beteiligten ohne Ausnahme.
(Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung 06.10.08)

Mit Vitellia auf dem Sofa wippen
Die Schöne swingt. Von textilem Stoff reichlich umflossen, sitzt Vitellia völlig entspannt auf dem Sofa und lauscht mit wachsender Begeisterung den Racheschwüren ihres Geliebten Sesto. Sie wippt rhythmisch mit Armen und Oberkörper zur Arie des Sesto und beobachtet vergnügt, wie der potenzielle Attentäter in einer qualmenden, rotglühenden Öffnung des Bühnenbodens verschwindet. Eine wunderbare Szene, die wohl schönste  in dieser an Einfällen gewiss nicht armen Inszenierung Christian Sedelmayers, der Mozarts „La clemenza di Tito“ aus einer beglückend augenzwinkernden Distanz als Regisseur betreut, ohne deshalb gleich das mitunter leicht verstaubte Genre in Bausch und Bogen zu verulken.
Bei Sedelmayer ist Theater fast immer auch eine geheimnisvoll magische, also unwirkliche Welt, bevölkert mit einem blinden Tito und skurrilen dekadenten Gestalten, die sich Hofstaat nennen und als Opernchor fulminante Zeichen setzen (Einstudierung: Jan Schweiger). Was bleibt, ist ein kultivierter Spaß, dem die ernsten Seiten glücklicherweise nicht fehlen. Schon deshalb nicht, weil Cornelius Meister (und mit ihm natürlich das fabelhaft musizierende Orchester) von Beginn an den Momenten bohrender Unruhe und Verstörung auf der Spur ist, den jäh kippenden Stimmungswechseln. Nie verliert der Dirigent aus dem Blick, was den Mozartfiguren an Beschädigungen des Lebens widerfährt.
Das wissen auch die Sänger. (Titus) hat in Hubert Wild als Publio einen fürsorglichen, sängerisch und darstellerisch überzeugenden Begleiter. Ähnliches gilt für Olga Privalova (Annio), die mit ihrer klar konturierten Stimme Vernunft und lyrische Empfindungen gefühlvoll anzuvertrauen weiß. Nicht minder angenehm ist der Eindruck, den Angela Kerrison in der Rolle der Servilia hinterlässt.
(Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 06.10.08)

Je blinder der Kaiser, desto näher der Abgrund
Einmal mehr demonstriert das junge Heidelberger Ensemble, welch hohes sängerisches Niveau auch an einem kleinen Stadttheater möglich ist. Dass am Ende der Spielzeit zwei Protagonistinnen dieses Heidelberger Sängerwunders das Haus verlassen werden (Larissa Krokhina wechselt ans Nationaltheater Weimar, Jana Kurucová an die Deutsche Oper Berlin), unterstreicht zudem, wie gut hier gearbeitet wurde. Die beiden gehören auch zu den herausragenden Akteuren der „Titus“-Premiere, faszinieren mit ihrer sehr sauber, kultiviert geführten Stimme, die zudem über eine ganze Palette von Ausdrucks-Farben verfügt. Während Hubert Wild (Publio) mit sattem, sonorem Bariton gefiel, kann man mit Winfrid Mikus in der Titelpartie so seine Probleme haben. Darstellerisch ist das bisweilen grandios, sängerisch stört man sich an mal brüchigen, dann wieder in der Höhe eng und gepresst klingenden Passagen.
Blieben noch Cornelius Meister und das Orchester der Stadt Heidelberg. Der junge Dirigent hat in den vergangenen drei Spielzeiten in Heidelberg einen schlüssigen, auf deutliche Akzente und innere Spannung setzenden Mozartklang geprägt. Wohltuend, dass er auch im „Titus“ nie der Versuchung erliegt, auf vordergründig plakative Effekte zu setzen, sondern stattdessen stets ein kluger und rücksichtsvoller Begleiter seiner Sänger blieb.
(Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 07.10.08)

Herr Lehmann *27.09.08

Stimmige Inszenierung von «Herr Lehmann»
Heidelberg (dpa) Die Achtziger sind zurück, inklusive Null-Bock-Generation und «Vokuhila»-Frisuren mit langem Nackenhaar: Mit viel Beifall ist am Samstagabend die Uraufführung der Bühnenfassung des Erfolgsromans «Herr Lehmann» von Sven Regener am Theater Heidelberg aufgenommen worden.

Die stimmige 90-minütige Inszenierung von Regisseurin Nina Gühlstorff und Schauspiel- direktor Axel Preuß unterschied sich textlich durch eine Achtziger-Jahre-Sprache deutlich von weiteren an deutschen Bühnen gespielten Versionen des Romanstoffs. Sie hielt sich an Regeners Handlungsstränge und überzeugte durch ein minimalistisches Bühnenbild von Marouscha Levy aus einer weiß- blau- orangenen Fliesenwand, einem Klostuhl, einer Badewanne und einer Spüle. Für die Heidelberger Uraufführung steuerte Erfolgsautor Sven Regener die in Kreuzberg spielende Szene «Technoclub Orbit Nacht» bei - eine bisher nicht veröffentliche Episode vom Übergang von der Disko- in die Techno-Szene der 1990er Jahre. Damit könnte der Wandel der Null-Bock-Generation im anonymisierten Großstadtleben der 1980er Jahre in die entpolitisierte Spaß-Kultur der Neunziger symbolisiert sein, die beide im krassen Kontrast zur kalten Leistungsgesellschaft der Gegenwart stehen.
In dem Stück dreht sich alles um den Anti-Helden Frank Lehmann (Matthias Rott). Dieser von allen als «Herr Lehmann» bezeichnete Lebenskünstler wohnt 1989 im Westberliner Kiez, fühlt sich noch nicht erwachsen, ernährt sich vorwiegend von Bier, pflegt geistreiche Nonsens-Dialoge über «Lebenssinn» und «Zeit», arbeitet nachts in einer Bar und genießt sein Nichtstuer-Leben nach dem Motto «Sei einfach du selbst». Den Zusammenbruch der DDR durch die friedliche Revolution im «Arbeiter- und Bauernstaat» im Herbst 1989 bekommen Lehmann und seine Freunde Erwin und Karl als Vertreter der Biertrinker-Bohème nicht mit. In ihrem Mikrokosmos Kreuzberg dreht sich vielmehr alles um die neue sarkastische Kneipenköchin Katrin (Monika Wiedemer) mit ihrem eng anliegenden Leo-Fummel, den hellblauen Peace-Ohrringen und weißen Rüschen-Söckchen zu Schnürschuhen.
Auch der plötzlich auftauchende Biertrinker Kristall-Rainer, grandios von Heiner Junghans gespielt, erregt Interesse. Er wird für einen «Zivilbullen» gehalten, der angeblich nach Drogen konsumierenden Gästen Ausschau hält. Als dann auch noch Lehmanns Eltern aus Westdeutschland ihren Sohn besuchen und dieser kurz darauf erfolglos versucht, in die DDR einzureisen, um einer Verwandten 500 Mark zu überbringen, gerät das Selbstbild ins Wanken. Er möchte aus seiner lauwarmen Welt ohne Höhen und Tiefen ausbrechen. Ob ihm das gelingt, bleibt an seinem 30. Geburtstag - dem 9. November 1989 - offen. Denn das Stück endet mit der Öffnung der Berliner Mauer und der Einspielung des Liedes «Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. Es geht voran!» der Band Fehlfarben. Durch detailgetreue Schilderungen flüchtiger Mode- und Zeiterscheinungen wurden in der Heidelberger Uraufführung die 80er Jahre gekonnt wachgerufen. Den verkommenen, aber liebenswerten Einzelgänger-Figuren ist wohl jeder schon mal begegnet. Mancher Zuschauer mag sich bei der Aufführung auch an seine eigenen Modesünden erinnert haben.
(Christian Jung, dpa, 28.09.08)

Gefeierte Uraufführung von „Herr Lehmann“
Anlässlich der aktuellen Veröffentlichung des letzten Teils von Sven Regeners „Herr Lehmann“-Trilogie hat das Heidelberger Theater zum Spielzeitbeginn 08_09 eine eigene Fassung des Kultromans zur Uraufführung gebracht. Die Premiere der Heidelberger Fassung am Samstag, den 27.09. im zwinger1 wurde mit langem und herzlichem Applaus belohnt. Dieser galt der Regisseurin Nina Gühlstorff und den sechs spielfreudigen Schauspielern, die mit schnellen Rollen- und Kostümwechseln insgesamt 13 Figuren darstellten. Besonders begeistert waren die Zuschauer der ausverkauften Premiere von den beiden neuen Schauspielensemblemitgliedern Matthias Rott als Herr Lehmann und Heiner Junghans als Kristall-Rainer. Für die Heidelberger Bühnenfassung des Romans trafen Regisseurin Nina Gühlstorff und Produktionsdramaturg und Schauspieldirektor Axel Preuß Sven Regener persönlich in Berlin. Im Zuge des Arbeitsgesprächs schenkte der Autor dem Heidelberger Theater eine Drehbuchszene („Technoclub Orbit Nacht“). Diese hatte weder Eingang in den Roman noch in das Drehbuch gefunden, das Regener selbst für die Verfilmung durch Leander Haußmann geschrieben hatte. Die Bühnenfassung des Romans und der Dreh- buchszene erstellten Nina Gühlstorff und Axel Preuß. Sven Regener ist seit seinem literarischen Debüt „Herr Lehmann“ in aller Munde. Über Nacht wird der Sänger, Trompeter und Gitarrist der erfolgreichen Berliner Band „Element of Crime“ als Schriftsteller berühmt; wochenlang steht der Roman auf den Bestsellerlisten. 2003 kommt der gleichnamige Film in die Kinos und wird ebenfalls zum Erfolg. Für das Drehbuch der Verfilmung durch den Theater- und Filmregisseur Leander Haußmann bekommt Regener den Preis der Deutschen Filmakademie, sowie den Deutschen Drehbuchpreis, vergeben durch den Kulturstaatsminister.
Mit „Herr Lehmann“ setzt das Heidelberger Theater nach „Idioten“, „Amerika“, „Michael Kohlhaas“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“ seine erfolgreiche Auseinandersetzung mit besonderen Werken der Literatur- und Kinogeschichte fort.
(zdf – theaterkanal, 28.09.08)

Geschichte wird gemacht, es geht voran
Husch, husch durchs Milieu: Die Uraufführung von „Herr Lehmann“ im Heidelberger zwinger1


Das Kürzel „ SO36“ steht für ein Lebensgefühl. In diesem teil von Berlin-Kreuzberg, benannt nach einem früheren Postzustellbezirk, tummelten sich eine illustre Multikultigesellschaft. Aussteiger und Hausbesetzer fackelten nicht lange, Lebenskünstler und Bundeswehrflüchtlinge ließen im Schatten der Mauer  die Kreuzberger Nächte besonders lang werden, Ewigstudenten drückten sich um die nächste Seminararbeit- bis, ja bis die Mauereröffnung diese ganz besondere Biotop gehörig durcheinander rüttelte.
Ein Prototyp der „SO36“- Bewohner ist Herr Lehmann. Über diesen sympathisch-verschusselten Kneipen-Kellner hat der Element-of-crime-Musiker Sven Regener einen Bestseller geschrieben, aus dem Leander Haussmann einen ebenso erfolgreichen Kinoknüller gemacht hat. Ein melancholisch-komischer Reißer, der natürlich auch bühnentauglich ist.
In Hamburg wird „Herr Lehmann“ im Altonaer Theatergefeiert, und nun entführt auch die Uraufführung der „Heidelberger Fassung“ von „Herr Lehmann“ das Publikum im zwinger1 nach „SO36“. In der Dramatisierung der Regisseurin Nina Gühlstorff und des Heidelberger Schauspieldirektors Axel Preuß wird das Kürzel nochmals zu 36 abgekürzt, um den Gegensatz zum eher bürgerlichen „Kreuzberg 6!“ zu signalisieren.
Für das Heidelberger Theater hat Sven Regener eine zusätzliche Szene beigesteuert, die weder im Buch noch im Film vorkommt: Sie heißt „Technoclub Orbit Nacht“ und deutet an, wie das Kreuzberger Milieu nach dem 9.November 1989 von der Spaßgesellschaft der Techno-Jünger absorbiert wurde.
Der Roman- und Filmstoff passt natürlich hervorragend zum Zeitgeist-Programm, durch das die zwinger-Spielstätte in jüngster Zeit deutlich an Zuschauerzuspruch gewonnen hat. Nina Gühlstorff setzt auf schnelle Schritte und vertraut im gekachelten Badezimmer- und Küchenambiente (Bühne und Kostüme: Marouscha Levy) einer improvisiert wirkender Low-budget-Ästhetik, was so sicher gewollt ist. Husch, husch geht’ s durchs Milieu, Tiefgang und genaue Charakterstudien wären eher störend. Die Gruppe Extrabreit gibt mit dem mehrfach aus dem Lautsprecher schallenden Song „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ das Tempo vor.
Die Titelpartie wurde doppelt besetzt: mit Matthias Rott, der als Lebensdilettant Lehmann „erfrischend simpel“ durch seinen Kneipenalltag stolpert, und mit Claus Cofalka-Adami, der den Erzählpart Lehmanns übernimmt, aber auch als betrunkener Straßenköter und Lehmanns Vater schöne Rollensplitter aufblitzen lässt. Monika Wiedemer erobert im hautengen Leopardenfummel und mit blauen Peace-Zeichen im Ohr das Herz von Herrn Lehmann, weil sie als Kneipenköchin einen 1-A-Schweinebraten zustande bringt. Merke: Auch in Kreuzberg geht Liebe durch den Magen.. Benjamin Hille ist Lehmanns Künstlerfreund Karl und führt als Polizist den betrunkenen Hund ab; Antonia Mohr macht als punkig aufgetakelte „Kampflesbe“ eine schräge Figur, und Heiner Junghans wird als Kristall-Rainer für einen „Zivilbullen“ gehalten. Wenn sein Schlips im Bierglas hängt, erntet er die meißten Lacher. Doch am 9. November ist Schluss mit lustig: Herr Lehmann wird 30, die Mauer geht auf, für “SO36“beginnt eine ganz neue Wirklichkeit- und im zwinger1 folgt vergnügter Beifall.
(Volker Oesterreich, RNZ, 28.09.08)

Kleines Glück am Thekenrand
Schauspiel: Sven Regeners Roman "Herr Lehmann" wird im Heidelberger Zwinger 1 auf die Bühne gebracht

Immerzu hinterm Tresen stehen und die Leute abfüllen - das kann doch nicht alles gewesen sein. Warum nicht? Wenn man den bürgerlichen Vergnügungen eines erfolgreichen Lebens entsagt, sich weder um ein sicheres Einkommen noch um die Rente schert, den Alkohol liebt und die Zeit, in der andere shoppen, lieber im Bett verbringt, dann ist man dort, wo Frank Lehmann den Wert des Lebens an sich ansetzt.
Sven Regeners Roman "Herr Lehmann", der in einer von Nina Gühlstorff und Axel Preuß erarbeiteten Bühnenfassung als Uraufführung im "Zwinger 1" des Heidelberger Stadttheaters zu sehen war, spielt mit den Träumen der alternativ Denkenden, die sich im Zeitalter allumfassender Ökonomie ihre kapitalismusfreien Kuschelzonen erhalten wollen. Vergebens, wie man in Buch und Stück erfährt.

Schweinebraten und Erotik
Wir sind im Westen Berlins, im Schicksalsjahr 1989, noch steht die Mauer. Der gebürtige Bremer Frank Lehmann arbeitet in einer Kreuzberger Szenekneipe. Für sie hat die Bühnen- und Kostümbildnerin Marouscha Levy mit Spüle und rollbarer Wand aus Kunststoffkacheln, ergänzt durch Klo und Badewanne, ein einfaches, aber optisch einprägsames Interieur geschaffen. Hier und in der Kneipe bei Karl (Benjamin Hille), wo die kesse neue Köchin Katrin (Monika Wiedemer) sowohl erotische Ausstrahlung als auch saftigen Schweinebraten mit toller Kruste garantiert, treffen sich die Anderslebenden.
Glücklich sind auch sie nicht, wie wir bald begreifen, und Matthias Rott als "Herr Lehmann" hat mitunter seine liebe Not, den eigenen Lebensoptimismus charmant an Mann und Frau zu bringen. Zumal, wenn Kumpel Karl, der nebenbei Künstler ist, gerade auf eine höchst liebenswerte Weise durchdreht und dessen attraktive Freundin Heidi (Antonia Mohr) mal wieder die Nerven verliert und solo (der Erholung wegen) nach Bali reisen will.

Netter Nichtsnutz

Rotts Lehmann ist ein sympathischer Taugenichts, offenbar mit viel Glück dem Netzwerk der sozialen Zwänge entkommen, einer, der versucht, ein Leben zu leben ganz aus Laune und Eigensinn, das freilich nicht unberührt bleibt von den Erwartungshaltungen bürgerlicher Mittellagen.
Das zeigt der überraschende Auftritt seiner Eltern, die plötzlich nach Berlin reisen, um ihren Sohn, den "Geschäftsführer" eines Restaurants, zu besuchen.
So gelungen die Adaption des Romans über weite Strecken auch ist (die Fröhlichkeit im Publikum beweist es), und so flott die Regisseurin Nina Gühlstorff manche Szenen auch bebildert hat (umwerfend komisch Heiner Junghans als verlegener Kristall-Rainer), einiges von dem, was in Regeners Roman schlüssig und schwungvoll ineinander greift, zerfällt in Einzelheiten, beschert der Aufführung gelegentlich ein paar heftige Leerläufe.
Immerhin (und das ist nicht wenig) führt Gühlstorff auf eine amüsante Weise beides zusammen: die Belanglosigkeit des Redens über die kleinen Katastrophen des Alltags und die melancholische Trostlosigkeit jener, die zu viel Zeit, zu wenig Geld und in den vielleicht entscheidenden Augenblicken ihres Lebens nur sich selbst haben.
(Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 28.09.08)

Keine Atempause, Geschichte wird gelacht
29. September 2008 Wenn großen Bühnen sonst nichts mehr ein- oder in die Hände fällt, werden große Romanklassiker auf die Bühne gebracht. Die kleineren müssen sich mit kleineren begnügen; an diesem Wochenende etwa mit den „Feuchtgebieten“ von Halle oder der „Vermessung der Welt“ in Braunschweig.
In Heidelberg steht nun eine „Uraufführung“ von „Herr Lehmann“ an, jenem Bestseller, mit dem Sven Regener 2001 seine gerade vollendete Lehmann-Trilogie eröffnete. „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht“ hämmert Fehlfarben, „es geht voran“, und natürlich kann die Protesthymne der achtziger Jahre gegen den atemlosen Fortschritt als Motto nur ironisch gemeint sein. Wenn der Zwinger, die Heidelberger Spielstätte für Neues und Junges, einen Klassiker der Mainstream-Popliteratur auf die Bühne bringt, geht es eher rückwärts.
 „Herr Lehmann“ warf ja auch einen leicht verklärten Blick zurück auf das West-Berlin der Achtziger, als Stillstand und Stagnation im Windschatten der Geschichte das Lebensgefühl der Szene, wenn nicht der ganzen Stadt ausmachten. Das Buch ist lustig und rundum sympathisch, auch wenn sein Humor heute schon etwas Onkelhaftes hat: Herr Lehmann ist eine Art Harald Juhnke von Kreuzberg.
Das Gelaber am Tresen; im Bierdunst versumpfenden Sinn- und Beziehungskrisen verkrachter Existenzen; Komödienklassiker wie „Spießereltern besuchen missratenen Sohn“; schließlich der Einbruch der Geschichte, der Lehmanns ruhige Kugel ins Rollen bringt – das alles schreit geradezu nach einer Bühnenfassung. „Ich gehe erst einmal los“, heißt Lehmanns letztes Wort im Roman, „der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“
Es ergab sich, dass Regener selbst das Drehbuch für die Verfilmung schrieb und sogar einen Deutschen Filmpreis dafür bekam. Der Film des einstigen Poptheaterregisseurs Leander Haußmann legte gegenüber Regeners Stagnationsprosa einen Zahn an Tempo und Dramatik zu.

Es ging voran, und am Ende wurde richtig Geschichtspolitik gemacht: Just an Lehmanns dreißigstem Geburtstag bläst der Wind der Wende die Mauer weg und den Muff, der sich in den Kneipen und Achselhöhlen Kreuzberger Schrott- und Lebenskünstlern angesammelt hat. Lehmann murmelt noch „Ach, du Scheiße“, als die ersten Ossis im Fernsehen das KaDeWe entern, aber auch ihm ist klar: Wenn Deutschland erwachsen wird, geht auch seine verlängerte Pubertät zu Ende.
Es geht voran, Geschichte wird verlacht. Im Heidelberger „Herr Lehmann“, der weitgehend Regeners Drehbuchfassung folgt, wird die Kreuzberger Schraube weiter angezogen, die kabarettistische Gangart noch einmal verschärft. Kreuzberger Nächte dauern hier keine hundert Minuten und sind eine Nummernrevue bekannter Sketche: „Herr Lehmann und der Hund“, „Im Prinzenbad“, „Kristall-Rainer wird verhört“. Eine Szene, die weder im Roman noch im Film vorkommt, hat der Autor den Heidelbergern noch gratis draufgelegt: „Lehmann im Techno-Schuppen“ ist ein Bonustrack, der in dem Satz „Wenn die Welt eine Kneipe wäre, dann wäre Herr Lehmann Gott“ gipfelt.
Wenn Heidelberg Berlin wäre, dann wäre „Herr Lehmann“ durchgefallen. Am Neckar stellt man sich den Taugenichts des gesunden Menschenverstands offenbar als albernen Bier- und Blödsinnverzapfer vor; Kreuzberg ist eine WG-Badküche mit Klo, versiffter Spüle und gekachelten Paravents.
Matthias Rott, Neuzugang aus Berlin, hat zwar einige Zeit in Kreuzberg gelebt, aber das muss nach der Wende gewesen sein: Sein Lehmann hat weder die Seelenruhe des Roman- noch die lässige Lethargie des Film-Lehmanns. Er ist einfach nur ein Tresenschauspieler, der munter, aber blass vor- und auslebt, was sein älterer Doppelgänger Klaus Cofalka-Adami nostalgisch memoriert. Notfalls macht er auch den hechelnden Hund; sechs Schauspieler teilen sich dreizehn Rollen. Nina Gühlstorff holt aus Erwins „Einfall“ jede Menge Einfälle heraus. Wenn Lehmann das Problem ausdiskutiert, ob der Lebensinhalt in eine Bierflasche passt, fuchtelt er mit einem Kopftopf; der Kellner jongliert mit Knödeln; Flaschenbier wird ans Publikum verteilt; Karl, der rasende Borderline-Künstler, wickelt sich in Kunstrasen. Wenn das Geschwätz mal erstirbt und statt hektischer Kleider- und Rollenwechsel Zeit für ein Tänzchen, eine stumme Pantomime bleibt, ist das ganz unterhaltsam, zumal bei Heiner Junghans als Kristall-Rainer und Psychiater. Aber dann stürzt sich die Regie wieder auf den nächsten Gag wie der Hund auf den Schweinsbraten. Der Roman und selbst der Film aber lebten vom atmosphärischen Hintergrundrauschen, von dem liebevoll gezeichneten Stimmungspegel. In Heidelberg hangelt sich Herr Lehmann von Pointe zu Pointe am Plot entlang. Das Heidelberger Theater hat sich für diese Saison das Motto „Kampf um Frieden“ gegeben. Regeners Lehmann fiel der innere Frieden quasi in den Schoß, Gühlstorff will ihn mit Lachkampf und Krampf erzwingen.
(Martin Halter, FAZ, 29.09.08)

 

Theater widmen sich Roman-Bestsellern
dpa Halle/Braunschweig/Heidelberg.
Neben Filmstoffen stürzen sich deutsche Theater neuerdings auffallend auf Beststeller-Romane, um sie auf ihre Bretter zu heben. Nach „Tannöd“ vor wenigen Tagen sind nun Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und Sven Regeners „Herr Lehmann“ uraufgeführt worden.
(...)
Die Achtziger sind zurück, inklusive Null-Bock-Generation und „Vokuhila“-Frisuren mit langem Nackenhaar: Mit viel Beifall ist am Samstagabend die Uraufführung der Bühnenfassung des Erfolgsromans „Herr Lehmann“ von Sven Regener am Theater Heidelberg aufgenommen worden. Die stimmige 90-minütige Inszenierung von Regisseurin Nina Gühlstorff und Schauspieldirektor Axel Preuß unterschied sich textlich durch eine Achtziger-Jahre-Sprache deutlich von weiteren an deutschen Bühnen gespielten Versionen des Romanstoffs. Sie hielt sich an Regeners Handlungsstränge und überzeugte durch ein minimalistisches Bühnenbild von Marouscha Levy.
Durch detailgetreue Schilderungen flüchtiger Mode- und Zeiterscheinungen wurden in der Heidelberger Uraufführung die 80er Jahre gekonnt wachgerufen. Den verkommenen, aber liebenswerten Einzelgänger-Figuren ist wohl jeder schon mal begegnet. Internet: www.theaterheidelberg.de
(Osnabrücker Zeitung, 29.09.08, Feuilleton)

"Herr Lehmann" kommt erstmals auf die Bühne
Die Bühnenbearbeitung des Romans „Herr Lehmann“ von Sven Regener wird an diesem Samstag (27.September)am Heidelberger Theater uraufgeführt.
HEIDELBERG (lsw) Dabei bekommt der Zuschauer eine neue Szene zu sehen, die der bekannte Autor nach Angaben des Theaters für die Heidelberger Fassung beisteuerte. "Kreuzberg in Westberlin, 1989" war bisher weder in der über eine Millionen mal verkauften Buchfassung von 2001 noch in der Kino-Verfilmung des Kult-Buches von Leander Haussmann aus dem Jahr 2004 zu sehen. Regener setzt sich darin mit seiner Figur "Herr Lehmann" in den 1980er-Jahre in Berlin auseinander.
Dabei widmet er sich vor allem der Wendezeit 1989 und dem anonymisierten Leben der Großstadt zwischen Liebe, Alkohol und Schlägereien. Der Autor verblüfft dabei Leser wie Zuschauer durch seine detailgetreuen Schilderungen von flüchtigen Mode- und Zeiterscheinungen eines Jahrzehnts, in dem der Schokoriegel noch "Raider" und nicht "Twix" hieß, Jugendliche mit C64-Computern spielten, Kabelfernsehen ein Luxus war, Helmut Kohl (CDU) Bundeskanzler war, die Angst vor der Atomkraft nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl immer größer wurde und vor dem Sandmännchen im ZDF "Ein Colt für alle Fälle" kam.
(Schwäbische Zeitung, 25.09.08)

Die Nibelungen *26.09.08

Auch dumme Männer haben Gefühle
Regisseur Martin Nimz dampft in Heidelberg Friedrich Hebbels Trauerspiel „Nibelungen“ ein

Von Jürgen Berger

Zwei starke Frauen und ein paar alberne Männer, mehr braucht Friedrich Hebbel nicht, um aus dem urdeutschen Mythos ein „Trauerspiel in drei Abteilungen“ zu machen. Zwei Schauspielerinnen wie Ute Baggeröhr und Jennifer Sabel, mehr braucht Martin Nimz nicht, um die Trilogie in eine stimmige Heidelberger Bühnengeschichte zu verwandeln.
Mit dem Auftauchen des tumben Siegfried in Worms entwickelt die Geschichte eine tödliche Dynamik, zur Ruhe kommt sie erst mit dem blutigen Ende des linksrheinischen Denver-Clans am Hof von Etzel. Martin Nimz eröffnet mit einer klug gekürzten Version der Hebbelschen „Nibelungen“ die neue Spielzeit des Heidelberger Theaters, indem er auf ein schlüssiges szenisches Bild (Bühne: Bernd Schneider) für die Idylle in Worms setzt. Die Recken rund um Hagen sind im Pfadfinderlager angekommen. Mit einem morgendlichen Schwur an der Fahnenstange erwacht es zu Leben und wirkt nicht nur wegen der braunen Zelte dezent rechtslastig.
Die verwickelte Geschichte der Nibelungen mit all den Zwergen und Drachen eignet sich ja auch eher für lauschige Erzählungen beim Feuer. Spannend wird die Sache mit dem Eifersuchtsdrama um Kriemhild, Brunhild und Siegfried. Eine Frau zu viel und ein potenter Mann zu wenig, das ist der Stoff, aus dem Nothung-Dramen geschmiedet werden. In diesen, nachdem Florian Hertweck wie ein Barbie-Männlein mit Riesenschwert auf die Bühne geschlendert ist, folgt irgendwann die Hochzeitsnacht. Wir wissen, dass Siegfried da mal kurz die Kriemhild allein lassen muss, um Brunhild zu zeigen, wo der Samenspender hängt. Der Rest wäre Schweigen, folgte nicht der statusmäßige Clinch der beiden Damen vor dem Wormser Dom, Hagens Meuchelmord und die lange Rache einer Frau, die zuerst einmal wie ein Retro-Girl an den Lippen des großen Bruders hängt und im kurzen Pettycoat dem Pop der 60er frönt.
Ute Baggeröhr ist eines jener Mädchen, die mit ihrer Unschuld spielen. Was hinter dem Spiel steckt wird zum ersten Mal klar, wenn Kriemhild der verstörten Brunhild aasig das Liebespfand unter die Nase hält, das Siegfried dummerweise nach der getarnten Entjungferung Brunhilds mitgenommen hat. Martin Nimz inszeniert das mit Gespür für den Text und für die Rhythmik, die ein mehr als dreistündiger Abend braucht. Vor allem Frank Wiegard zeigt als Gunther, dass auch dumme Männer Gefühle haben können. Nach der Pause gibt es am Hof von Etzel Szenen einer gescheiterten Ehe mit einer Kriemhild, die über ihrem Hass auf Hagen zum Junkie geworden ist.
Die schnuckeligen Zelte sind jetzt verschwunden, dafür steht da ein gelüftetes Gewächshaus. Das ist der große Festsaal, in dem die Burgunder nacheinander geschlachtet werden. Alles in allem könnte man von einem rundum geglückten Heidelberger Auftakt sprechen, wäre nicht der Schluss und ein Martin Nimz, der das Gemetzel bei Etzel als Computerspiel inszeniert. Das Bild mit einem über die ganze Bühne gelegten Rastermuster ist eindrucksvoll. Dass die sterbenden Burgunder allerdings wie Avatare durch Zeit und Raum geistern, ist so überflüssig wie kindisch und zeigt einmal mehr, dass auch gereifte Regisseure immer mal wieder zu spielenden Kindern werden können.
(Die Rheinpfalz, 09.10.08)

„Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbel
Heidelberg: Mit David Bowie und Peter Fonda auf dem Zeltplatz Wormatia


Die Nibelungen machen Sommerfreizeit. Im Zeltlager kommt König Gunther daher wie ein muffeliger Abteilungsleiter beim Betriebsausflug, Brüderchen Giselher ist bei den Pfadfindern, Spielmann Volker macht wohl Rockmusik und sieht aus wie ein Heavy-Metal-Roadie.

Hagen erinnert mit Brille und Lederjacke an Peter Fonda in „Easy Rider“, der spillerige Siegfried an den frühen David Bowie – und manchmal auch an Michel aus Lönneberga in der Pubertät. Hebbels „Nibelungen“ streifen im Heidelberger Stadttheater offenbar durch die späten Sechziger.

Regisseur Martin Nimz ist ein Mann des Konzepttheaters, der stets zupackend inszeniert. Griffig sollen seine Lesarten sein, und dazu muss er sich den Stoff bisweilen mit Witz gefügig machen.
Hebbels dreiteiliges Mammutdrama, das man mit Kommentaren und Rückblenden gut und gerne sechs, sieben Stunden lang auswalzen kann, ist in einer mehr als dreieinhalbstündigen Digestfassung zu sehen, die Jamben und Umgangssprache lässig ineinander fügt.

Nimz verknappt nicht nur, er verkleinert auch, schrumpft das Monumentale und Monströse mit Musik und Klamauk zur Farce. Das geht erstaunlich lange gut.

König Gunther (Frank Wiegard) verlegt seine Krone, Siegfried (Florian Hertweck) triumphiert beim Steinespucken, Kriemhild (Ute Baggeröhr) massakriert eine Aubergine, die sie für eine Nacktschnecke hält.

Der Nibelungenhort ist denn auch nicht aus Gold, sondern aus Wasser: Klempner Alberich mit Zipfelmütze montiert den Wasserhahn. Endlich können sich die Nibelungen waschen auf dem Zeltplatz Wormatia.

Vor der Pause ist das hinreißend kurzweilig: forsches Jugendtheater über diese Generation Siegfried mit zu viel Kraft und zu wenig Verstand.

Von Hebbels Schwere ist da nichts mehr zu spüren, von seiner Sprache nicht mehr viel zu hören und von seiner möglichen Größe auch nichts mehr zu sehen. Den Verlust machen die Heidelberger zunächst mit Mut und Lust wett.

Das Mythendrama hat sich die Regie kompakt zurechtgeknetet, und nur an manchen Stellen ragt noch der Dorn der Tragödie heraus, wenn Siegfried der dickbezopften Brunhild eine Plastiktüte über den Kopf zieht und sie für Gunther vergewaltigt. Spätestens da verliert die Sommerfreizeit der Nibelungen ihre Unschuld.

Nach der Pause und viele Jahre später, wenn der Untergang der Nibelungen am Hofe der Hunnen folgt, ist Kriemhild eine kaputte Königin auf Heroin. Das könnten dann unsere Achtziger sein, wenn man die Inszenierung denn als Drama einer Generation lesen will.

Als Gleichnis über Treue und Verrat jedenfalls funktioniert es nicht mehr, weshalb die apokalyptische Wucht des zweiten Teils auch verpufft – Kollateralschaden des Konzepts.
Spätestens wenn Volker und Etzel mit einem blutigen Kindskopf auf den Bühnenboden dreschen, zerfällt die Inszenierung in ihre Versatzteile.

Was bei Siegfrieds Triumph und Tod noch so unterhaltsam und bündig aufgeht, mutet bei Kriemhilds Rache willkürlich und halbfertig an. Wie spielt man ein Massaker mit Tausenden Toten?
In Heidelberg versuchen sie es erst als Lesung, dann als szenisches Computergame, was auf dunkler Bühne viel zu lange dauert und viel zu wenig bringt.

Für das kleine Heidelberger Theater ist dieser Abend ein großes Wagnis, das nur halb aufgeht. Am Ende der Saison will Martin Nimz noch „Wallenstein“ angehen: ebenfalls so eine sperrige Staatsaktion zum Spielzeitthema „Kampf um Frieden“.

Dass dieser kühne Regisseur Schiller und seine inspirierten Schauspieler das Publikum auch dann wieder packen können, glaubt man gerne. Nur muss man nach diesem Auftakt hoffen, dass ihnen dann nicht wieder alles entgleitet.
(Stefan Benz, Darmstädter Echo, 30.09.08)

Siegfried kann am weitesten spucken
Ein Mythos im Computer-Zeitalter: Friedrich Hebbels „Nibelungen“ zum Saisonstart am Heidelberger Theater

Mythen haben eine unbegrenzte Haltbarkeit. Der Nibelungen-Mythos lebt als mittelhochdeutsche Versdichtung weiter, lebt auf der Theaterbühne, lebt im Kino seit den Tagen des Stummfilms, lebt in der Welt der Comics und kann sich selbstverständlich auch im Zeitalter der Computer-Killerspiele behaupten. Die „alten maeren“ von den „helden lobebaren“ sind einfach unsterblich. Das zeigt sich jetzt wieder im Heidelberger Theater, wo Martin Nimz den gewaltigen Stoff um Mann & Frau, Liebe & Eifersucht, Treue & Verrat, Machtrausch & Ohnmacht, Gunst & Gier, List & Tücke, Egoismus & Weltpolitik, aber auch um Weltkrieg & Untergang in einer betont pathosfreien Adaption der 1861 uraufgeführten Nibelungen-Trilogie Friedrich Hebbels zum Saisonstart auf die Bretter gebracht hat. Elf Akte, verdichtet zu knapp dreieinhalb Stunden – das muss dem Regisseur erstmal einer nachmachen.
Zunächst erscheint uns das Mythenpersonal als flapsige Campinggesellschaft, die fast durch die Bank weg Hebbel pur spricht, dann mutiert sie zu schattenhaften Computer-Avataren, die ihr Lebenslicht nach den Regeln eines Killerspiels aushauchen: von Level 1 bis zum bizarr choreographierten Showdown erklingen dazu verfremdete Passagen aus der Nussknacker-Suite und die englischsprachigen Anweisungen eines anonymen Sprechers („spell your name, choose your weapon“). Martin Nimz will den Zuschauern damit vor allem eines zeigen: dass die menschelnden, allzu menschlichen Probleme der generation „Counterstrike & Co.“ Sind. Ob ihm das gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt.
In der ersten Szene begegnen uns die Burgunden (bzw. Nibelungen) als morgenmuffelnde Bande. Die Herrschaftsclique um König Gunther lebt nicht am Hof zu Worms, sondern campiert in kleinen, braunen Zelten (Bühnenbild: Bernd Schneider). Für den ersten Auftritt des Spielmanns Volker (Daniel Stock) musste sich die ansonsten ideenreiche Kostümbildnerin Cornelia Brückner nicht viel einfallen lassen. Als Nackedei verlässt Volker sein Zelt. Seine Männlichkeit verdeckt der Spielmann keusch und brav hinter einem großen Schild.
Nach und nach wachen die anderen Nibelungen auf: Hagen pult sich den Dreck unter den Fingernägeln weg, der verhuschte König Gunther sucht seine Krone, seine Schwester Kriemhild zermatscht eine Nacktschnecke – und dann machen sich die ganzen Weicheier über ihre Frühstückseier her, bis Volker seine Geschichte über „starke Recken“ und „stolze Frauen“ zu erzählen beginnt. Eine soll besonders stolz sein: die übermenschlich starke Brunhild aus Island. Gunther setzt es sich in den Kopf, diese Powefrau zu freien. Er braucht dafür die ebenfalls übermenschlichen Fähigkeiten des Drachentöters und unermesslich reichen Hort-Besitzers Siegfried.
Was in dem Kraftkerl steckt, zeigt der komödiantisch versierte Florian Hertweck beim Weitspuck-Wettbewerb. Den staunenden Blicken der burgundischen Hofgesellschaft zufolge spuckt Siegfried seinen Kern von der Bühne des Heidelberger Theaters mindestens bis zum Neuenheimer Neckarufer. Klar, dass so ein Mannsbild auch die mächtige Brunhild bezwingen kann: erst als siegreicher Kraftlackel, dann als Vergewaltíger an Gunthers statt in der Hochzeitsnacht. Als Lohn für diese „Heldentaten“ darf Siegfried Gunthers Schwester Kriemhild vor den Traualtar führen.
So sehr sich Martin Nimz in seiner Inszenierung um Leichtigkeit bemüht und die Spleens der Figuren herausarbeitet, so streng hält er sich dennoch ans Handlungsgerüst des Nibelungenstoffs. Auch bei ihm ist Siegfrieds erzwungener Ehebruch nach der Doppelhochzeit Auslöser für Kriemhilds Rache und für den Untergang der Burgunden, nachdem Hagen den Goldschatz Siegfrieds im Rhein versenkt hat.
Wie schon in seinen früheren Heidelberger Inszenierungen bricht Martin Nimz auch hier die Sehgewohnheiten der Zuschauer auf: diesmal mit den Mitteln der Comic- und Computerspiel-Ästhetik.
Dem Ensemble scheint das gut zu tun. Frank Wiegards König Gunther ist ein Machthaber, den rollengemäß keiner so recht ernst nimmt; Paul Grills Hagen ist ein Prinzipienreiter aus Staatsraison, der zum berechnenden Mörder wird; Ute Baggeröhrs Kriemhild und Jennifer Sabels Brunhild liefern sich im Hochzeitskleid einen schrill keifenden Zickenkrieg; und Florian Hertweck darf in seiner Doppelrolle gleich zweimal Kriemhilds Ehegespons spielen: erst als Siegfried, dann als Hunnenkönig Etzel. Ein Spagat, der ihm gelingt.
Alle zusammen brauchen den Vergleich mit Dieter Wedels hochgezüchteten Nibelungen-Festspielen in Worms deshalb nicht zu scheuen, weil die Heidelberger Truppe mehr auf die Kraft des Theaters als auf den Promifaktor von Events vertraut. Viel Klamauk, viel Action und ein bisschen Theaterblut werden von Martin Nimz aufgeboten. Dass am Ende der Premierenbeifall nicht allzu üppig ausfällt und von mehreren Buhs gebremst wird, liegt vermutlich daran, dass sich der Regisseur zu sehr in seine Idee mit dem viel zu lang geratenen Computerspiel-Finale verliebt hat. Trotzdem dürfte eine Erkenntnis nicht von der Hand zu weisen sein: „Der Kampf um Frieden“, der laut Spielzeitmotto in der neuen Saison im Mittelpunkt steht, hängt heutzutage nicht mehr von Drachenblut, Schild und Speer ab, sondern von einer diplomatischen Taktik mit der Computermaus.
(Volker Oesterreich, Rhein-Neckar-Zeitung, 29.09.08)

Trefferquoten statt Menschenliebe
Martin Nimz inszeniert zum Saisonauftakt Friedrich Hebbels „Nibelungen“ im Heidelberger Theater


Worms, gewissermaßen das geistige Zentrum der Burgunder, besteht aus ein paar niedrigen Zelten. Keine Schwelle also, über die man die Braut tragen könnte, wie Siegfried später erkennen muss, eher ein Backofen, in den man die Auserwählte zur Hochzeitsnacht wie ein Brathendl schiebt. Zwei Lautsprecher auf hoher Stange lassen vermuten, dass die Einheimischen bereits die Vorteile der Stromerzeugung zu nutzen wissen, und ihre saloppe Kleidung (Kostüme: Cornelia Brückner) beweist, dass sie Beziehungen zu den Weltmärkten der Textilbranche pflegen. Schließlich trägt auch Brunhild, gleichwohl sie aus dem unwirtlichen Island stammt, einen roten Schlüpfer, der später versehentlich bei Kriemhild landet und zu innerfamiliären Konflikten führt.
Töten im Computerspiel
Hebbels "Nibelungen", von Martin Nimz zum Saisonauftakt des Heidelberger Stadttheaters mitunter sehr frei nach der Trilogie des Dichters inszeniert, beginnen urwüchsig und enden in der sterilen Todesmaschinerie eines überdimensionierten Computerspiels, in dem die Zahlen der Gekillten nur noch monoton heruntergebetet werden. "Kampf um den Frieden" lautet das diesjährige Spielzeitmotto in Heidelberg und entsprechend hat Nimz die Aufführung nicht der Ferne wabernder Mythen gewidmet, sondern seine burgundischen Würgeengel eher einer wie auch immer zu definierenden Realität ausgesetzt.
Jedenfalls währt die gemütliche Idylle im Zeltlager mit liebevoll gedecktem Frühstückstisch, einem zerfahren wirkenden König Gunther (Frank Wiegard), der seine Krone sucht, und dem halbherzig vollzogenen militärischen Drill beim Fahnenhissen nur kurz. Denn kaum ist er da, der schlaksige, verklemmte Blondschopf mit dem riesigen Richtschwert, Siegfried (Florian Hertweck), entwickeln sich in der Nibelungen-Family auch schon die ersten zwischenmenschlichen Konflikte. Aus dem Blödelklub behaglich deutscher Enge, nicht gerade harmlos, aber drollig, wird rasch ein verschworener Mörderverein, wenn es gilt, einen, der zuviel weiß und zuviel schwätzt, diesen Störenfried aus Brabant, abzustechen.
Bereits hier allerdings deutet sich an, worunter die etwa dreieinhalbstündige Aufführung immer wieder leidet: am mangelnden Empfinden für zeitliche Abläufe und Gliederungen. Viele Szenen geraten zu lang, manches wiederholt sich oder offenbart Konditionsschwächen im Ensemble, die unterstreichen, was für diesen Abend generell gilt, dass Nimz häufig mehr der Optik als der Schauspielkunst vertraut. Das beschert der Inszenierung bisweilen heftige Druckstellen, gemildert freilich durch amüsante kleine Flächenbrände, wie etwa das schrille Zickengetue zwischen Kriemhild (Ute Baggeröhr) und Brunhild (Jennifer Sabel) um den Ersteintritt vor dem Kirchenportal.
Vom Leben gekränkt
Nach der Pause, bei König Etzel (Florian Hertweck), für dessen Festsaal der Bühnenbildner Bernd Schneider einen tollen schräg aufliegenden, mit Neonröhren bestückten rechteckigen Glaskasten hat bauen lassen, wächst nicht nur Paul Grill als Hagen an seiner schauspielerischen Aufgabe, die beides zugleich erfordert: intellektuelle Gelassenheit und ein schier grenzenloses Selbstwertgefühl, hier treffen wir auch Kriemhild wieder. Aus der hübschen blonden Frau von einst ist unter Etzels "Obhut" eine verhärmte Schlampe geworden, deren Lebenssinn nur noch aus Rachegedanken zu bestehen scheint: fast jeder Satz ein offenes Messer, fast jeder Blick das todbringende Verhör einer vom Leben Gekränkten.
Das Massaker verlegt Nimz in ein choreografisch strukturiertes Tableau, in schemenhafte, von Lichtlinien überzeichnete Körperbewegungen, die das Entsetzliche nur andeutungsweise ahnen lassen. Der Tod ist anonym geworden. Täter und Opfer verschwinden im kalten Befund moderner Kriegsstrategien. Trefferquoten statt Menschenliebe. So ist das in der modernen Welt.
(Alfred Huber, Mannheimer Morgen, 29.09.08)


Jubiläumskonzert 150 Jahre H+G Bank *21.09.08

Viele sind ihm zu Dank verpflichtet
Heidelberger Philharmoniker unter Cornelius Meister spielten zum Firmenjubiläum eines privaten Kulturförderers

Ohne Sponsoring geht heute nichts mehr, das weiß jeder Kegelklub, jeder Laienchor, jedes Profitheater. Mit dem früheren Mäzenatentum hat diese Förderung aus privater Hand dabei oft wenig zu tun, eher mit dem Motto „eine Hand wäscht die andere“: Ich unterstütze dich, wenn du Werbung für mich machst. So werden Fußballfelder und Konzertsäle häufig zur Selbstdarstellungsplattform finanziell involvierter Firmen, und die Marketingfachleute schmücken ihre Eigenwerbung gern mit Kultur, Sport oder sozialem Engagement, als sei dies der Jubiläumskaviar auf dem Knäckebrot ihres Alltagsgeschäfts. Aber es gibt Gegenbeispiele. Etwa in Heidelberg.
Kurt Müller ist hier eine Instanz als seriöser Ansprechpartner für nichtstädtische, private Kulturförderung. Als Vorsitzender des Vorstands der H+G Bank hat er ein offenes Ohr und vor allem ein Herz für die finanziellen Bedrängnisse der Künstler und Kulturschaffenden dieser Stadt. Er und seine Firma stehen vor allem auch für eine solide Unterstützung solcher Projekte, die nicht die große Masse des Publikums anziehen, die aber genauso wichtig sind für die kulturelle Identität einer Stadt wie die großen Events. Viele sind ihm daher zu Dank verpflichtet. Jetzt feiert die H+G Bank ihr 150-jähriges Bestehen mit einer großen Zahl von Veranstaltungen, die über das Jahr verteilt sind. Einer der Höhepunkte war nun ein Sinfoniekonzert: Das Philharmonische Orchester der Stadt unter der Leitung von Cornelius Meister spielte als Auftakt zur eigenen Konzertsaison in der Stadthalle. Und zwar nicht nur für Beschäftigte und Kunden der Bank, sondern für jedermann. Der Erlös der Veranstaltung kam dem Heidelberger Kinderhospizdienst des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche („KiDi“) zugute.
Understatement ist eine Frage des Stils, und so wurde das Konzert nur durch zwei kurze Ansprachen flankiert, die im Wesentlichen mit herzlichem Dank verbunden waren sowie der Versicherung, dass die internationale Bankenkrise der letzten Tage und Wochen keine Auswirkungen auf das regional verwurzelte Heidelberger Geldinstitut habe: Nicht nur in den USA bangen derweil viele Kulturschaffende um ihre bisher großzügigen Finanzpartner.
Mit der 3. „Leonoren“-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven begann der musikalische Abend, und das Philharmonische Orchester fand nach der Sommerpause schnell zu seiner satten Klanglichkeit und dynamischen Flexibilität zurück. Mit Jens Holzingers „Heidelberger Suite“ erinnerte das Orchester an das sehr erfolgreiche „Neue Wunderhorn“Projekt, in dessen Rahmen die drei Sätze uraufgeführt worden waren.
Auch jetzt konnte die im Stil Strawinskys geschriebene Komposition mit Zitaten aus dem „Sacre“ durchaus überzeugen: Satte Bläser und packende Rhythmik prägen das pulsierende Werk. Zoltán Kodálys „Tänze aus Galánta“ fügten sichmit fröhlichem Schwung in dieses Programm und ließen das Orchester unter Meisters straffen Zügeln feurig aufspielen.
Brahms’ Erste Sinfonie – die ersten Skizzen hierzu stammen, wie der Heidelberger GMD betonte, etwa aus dem Gründungsjahr der H+G Bank – war lange nicht mehr zu hören gewesen und gab dem Jubiläumsprogramm einen fulminanten Abschluss. Die Philharmoniker spielten konzentriert und klangsinnlich. Waren zuvor schon die wunderbaren Soli der Klarinette aufgefallen, so kamen nun Flöte, Oboe und Violine hinzu. Das runde Blech und die sonoren Streicher loteten in der Tiefe alle Farben aus, wagnerten im Finale ein bisschen und ließen die Reminiszenzen an Beethovens Neunte irrlichtern.
Cornelius Meister zeigte sich als feinnerviger Brahms-Dirigent, der monumentale Größe und kammermusikalische Intimität bestens auszubalancieren weiß. Eine sehr bemerkenswerte Eröffnung dieser Herbstsaison, die mit dem ersten Sinfoniekonzert der städtischen Veranstaltungsreihe am 15. Oktober ihren eigentlichen Anfang nimmt: Beethoven wird dann das Programm bestimmen
(Matthias Roth, RNZ 23.09.08)

Sprengung von Raum und Zeit

Beim dritten Philharmonischen Konzert in Heidelberg ist Weltklasse zu Gast

Schmerz und Verklärung, Depression und Hoffnung, mystische Versenkung und transzendente Bezüge: So gegensätzliche Werke wie das "Quartett für das Ende der Zeit" von Olivier Messiaen und Richard Wagners "Tristan" (in Heidelberg der zweite Aufzug konzertant) haben manches gemeinsam, auf das GMD Cornelius Meister mit dem dritten Saisonkonzert in der Stadthalle Heidelberg aufmerksam machte.

Messiaen lotet in seiner weit angelegten Kammermusik, in deutscher Gefangenschaft geschrieben, Endpunkte des Seins aus. Es sind geheimnisvolle Visionen vom Leben und dessen klaustrophobischen Abgründen, doch Messiaen formuliert darin auch seinen Glauben von der Unzerstörbarkeit der Seelenkräfte. Die Interpretation von Cornelius Meister (Klavier), Thierry Stöckel (Violine), Sascha Stinner (Klarinette) und Reimund Korupp (Violoncello) war in kristalliner Tonsprache, bild-malerischem Farbenspiel, mystischem Naturlaut und edlem, lauterem Ausdruck kaum zu überbieten. Eine wunderbare Hommage auf Olivier Messiaen voller Demut vor dem Werk.

Aber einen jungen Himmelsstürmer wie Cornelius Meister muss es auch in den Finger jucken, weshalb seine "Tristan"-Sicht in sinfonischer Konvulsion des Guten zu viel tat. Das Orchester spielte in großer Besetzung, fast zu groß für die Stadthalle. Als ob GMD Cornelius Meister mit diesem Wagnerschen Psychodrama Raum und Zeit sprengen wollte, ließ er die Philharmoniker in fiebriger Aufladung aufspielen und nahm dabei in Kauf, dass sogar ein hochdramatisch gefärbter Sopran wie der von "Isolde" Linda Watson sich kaum noch durchsetzen konnte, trotz der dieser Stimme immanenten metallischen Politur. Solche hätte man sich aus erwähnten Gründen für den Heldentenor John Treleaven gewünscht, denn die weicheren Abschattierungen seiner noblen Tristan-Partiegestaltung schienen eher unterzugehen.

Brillant Robert Holl als König Marke mit seinem wunderbar geformten, klaren seriösen Bass; beeindruckend Elena Zhidkova als Brangäne in kontrollierter Dramatik, sehr gut besetzt Melot mit Winfrid Mikus und Kurwenal mit Gabriel Urrutia Benet. Das Publikum in der voll besetzten Stadthalle feierte die Musiker, allen voran Robert Holl.

Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen 10. Dezember 2008

 

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