Inhaltlich, modern, oftmals irritierend – und dennoch erfolgreich
Hervorragende Besucherzahlen und höchste Einnahmen in der Geschichte des Heidelberger Theaters

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In der Spielzeit 07_08 sind die Zuschauerzahlen des Theaters und Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg im Vergleich zum Vorjahr um 11.000 gestiegen – und das trotz eines anspruchsvollen Programms und oftmals kantiger, herausfordernder Inszenierungen. Insgesamt wurden 156.000 zahlende Besucher erreicht. Hinzu kommen 18.000 Besuche von Veranstaltungen bei freiem Eintritt, so dass sich eine Gesamtbesucherzahl von 174.000 ergibt. Die Abonnentenzahl ist die höchste der vergangenen 18 Jahre, gleichzeitig konnte die Volksbühne stabilisiert werden. Von den 5.500 Abonnenten sind mehr als ein Fünftel Schüler. Insgesamt wurden mit knapp 1,7 Millionen EUR die höchsten Eigeneinnahmen in der Geschichte des Heidelberger Theater erzielt. Hinzu kommen nicht unerhebliche Beträge aus Sponsoring und Spenden.

Interessant ist, dass der wirtschaftliche und Zuschauererfolg nicht mit einem einfachen, konsumorientierten Programm erkauft ist – sondern herrührt aus einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem gemeinsamen Spielzeitthema, mit Begeisterung für junge Talente und mit konsequenter Vermittlungsarbeit. Die Förderung junger Autoren, Komponisten und Regisseure war für diese Spielzeit kennzeichnend – beispielhaft stehen die Uraufführung „Mountainbiker“ (mit immer 100% Auslastung vielmals gespielt) und die deutsche Erstaufführung „Himalaya“ des Stückemarktpreisträgers Volker Schmidt oder die Uraufführungen des „Komponisten für Heidelberg“, Mark Moebius. Eine ideale Verbindung stellte die Uraufführung der Kinderoper „Pinienkerne wachsen nicht in Tüten“ von Moebius als Weihnachtsmärchen nach dem gleichnamigen Stückemarkt-Preisträgerstück von Paula Fünfeck dar. Die Opernsparte bot als interessanteste Zweitaufführung die deutsche Erstaufführung von John Adams’ Oper „Ein blühender Baum“ („A Flowering Tree“) und erhielt dafür eine hervorragendes überregionales Echo. Ebenso beachtet wurde die Wiederentdeckung und deutsche Erstaufführung der Vivaldi-Oper „Die Olympiade“ – passend zum olympischen Jahr – innerhalb des Barock-Festivals „Winter in Schwetzingen“, das im zweiten Jahr seines Bestehens die Zuschauerzahlen deutlich steigern konnte. Der junge Regisseur Benedikt von Peter wurde für seine Heidelberger Inszenierung von Zenders „Chief Joseph“ mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet und schuf eine vielbeachtete und vielgelobte Inszenierung von „Eugen Onegin“.

Im Schauspiel brachte es die konfrontative Inszenierung von Lars von Triers „Idioten“ durch Hausregisseur Sebastian Schug in die Vorauswahl zum Berliner Theatertreffen und schlug die Bob-Dylan-Uraufführung „The Times Are A-Changin’“ von Heiner Kondschak alle Rekorde. Das neue Konzept von Schauspieldirektor Axel Preusz für den zwinger1, der Spielstätte für Modernes, brachte stark gestiegene Zuschauerzahlen und ein immer ausverkauftes Haus bei „Die Mountainbiker“, der Maxim-Gorki-Theater-Koproduktion „Verzeihung Ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckende Irrsinn“ und bei „Die fetten Jahre sind vorbei“. Des 25. Stückemarkt des Heidelberger Theaters war gleichzeitig der umfangreichste und besucherstärkste in seiner Geschichte. Gleich zweimal wurde der Hauptpreis vergeben: an Philipp Löhle und Nino Haratischwilli; beide Preisträgerstücke werden in der kommenden Spielzeit uraufgeführt. Extrem erfolgreich war auch die Reihe „Tatort HD“ von Dramaturgin Katrin Spira. Nicht weniger als sechs Uraufführungen gab es im Kinder- und Jugendtheater zwinger3 – und als neueste Initiative dieser Sparte erstmals ein Stück für Menschen ab zwei Jahren. Sehr erfolgreich war auch das mit Festival „Leinen los – junges Theater im Delta“ junger Theaterclubs der Metropolregion in Heidelberg, für das die Theater von Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg kooperieren. Die jungen zwinger3-Darsteller, Regisseure und Autoren Cedric Pintarelli und Michael Schwyter wurden mit dem neu ins Leben gerufenen Freundeskreis-Preis für junge Darsteller ausgezeichnet. Zwei Tanzfestivals begeisterten die Zuschauer; mit Begeisterung aufgenommen wurde auch die Tanzproduktion „Softer, I can´t hear you“ der außergewöhnlichen koreanischen Choreografin Eun-Me Ahn im Rahmen der pvc Tanzkooperation Freiburg-Heidelberg.

Im Konzertwesen standen die zeitgenössischen Komponisten Olga Neuwirth und Mark Moebius im Focus. Während Moebius als Komponist neben der Kinderoper ein Klavierkonzert für das Heidelberger Orchester komponierte, „Portrait of a Buisiness Woman“, erhielt Neuwirth den angesehenen Heidelberger Künstlerinnenpreis, der mit der deutschen Erstaufführung ihres Trompetenkonzerts verbunden war. Darüber hinaus wurde das „Neue Wunderhorn“, eine Gemeinschaftsarbeit des Orchesters mit Jugendlichen der Stadt und sechs jungen Komponisten als beispielhaftes Jugendprojekt mit dem „Junge Ohren Preis“ ausgezeichnet. Radioaufzeichnungen und -übertragungen des SWR und des Deutschlandfunks, steigende Konzertabonnentenzahlen und ausverkaufte Konzerte bei den Dirigaten des jungen Generalmusikdirektors Cornelius Meister runden das hervorragende Bild des Konzertwesens ab. Die Heidelberger Schlossfestspiele als große sommerliche Gemeinschaftsarbeit aller Sparten werden vermutlich in diesem Jahr mit dem zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte abschließen. Die Theaterpädagogik, in der Spielzeit 07_08 um die Stelle einer Schauspielpädagogin erweitert, wird in 08_09 um eine Musikpädagogik-Vollzeitstelle vergrößert. Das Hauptaugenmerk des Theaters gilt dann den Hauptschulen.

Wichtiges Thema der erfolgreiche Spielzeit war darüber hinaus die Sanierung der Städtischen Bühne, die in einem Jahr zu einer voraussichtlich dreijährigen Auslagerung des Theaters und einem umfangreichen Teilneubau führen wird. Ein Architekturwettbewerb brachte einen eindeutigen ersten Preis mit Jury-Sondervotum zur Verwirklichung. Er stammt vom Darmstädter Architekturbüro Waechter+Waecher, das unlängst den neuen hessischen Landtag eröffnete. Derzeit wird der Entwurf, der dem Heidelberger Theater einen neuen Zuschauersaal (bei gleichzeitigem Erhalten des historischen Zuschauerraums als Spielstätte) bringen soll, optimiert.

Sehr gefreut hat das Theater und Philharmonische Orchester, dass es das dritte Jahr in Folge in der Jahresumfrage der Fachzeitschrift „Die Deutsche Bühne“ für seine „außergewöhnliche Theaterarbeit“ ausgezeichnet wurde. Das Heidelberger Theater beendet seine diesjährige Spielzeit am 10.09. mit einem Live-Stummfilmkonzert: Cornelius Meister und die Heidelberger Philharmoniker begleiten Charlie Chaplins „Modern Times“ - der Titel ist Programm. Die neue Spielzeit wird am 20.09.08 wieder mit dem Orchester und einem Tag der offenen Tür eröffnet.

Cornelius Meister und Peter Spuhler

     Cornelius Meister und Peter Spuhler

 

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